Allmers, Hermann

Hermann Allmers an Ernst Haeckel, Rechtenfleth, 2. Februar 1881

Rechtenfleth

2/2 81.

Mein lieber treuer Häckel.

Sei nicht unmuthig, wenn ich erst jetzt dazu komme Deinen lieben herzenswarmen Brief, der die reizvolle Sendung begleitete zu erwiedern. – Wir sind ja wie wir uns ruhig gestehen mögena und wie es ja auch in der Natur der Sache liegt durch verschiedne Berufswege und Neigungen etwas auseinander gekommen aber eben so klar empfinde ich’s und bin ichs mir bewußt, daß tief im Grunde unsres Herzens die schöne Pflanze unserer Freundschaft, gepflanzt unter Italiens tiefblauem Himmel, noch ebenso gesund und b lebenskräftig ist, wie einst „in den seligen Tagen von Capri, so daß es nur des leisesten Anstoßes bedarf – oder eines einzigen warmen und goldigen Sonnenstrahls, || um wieder neue köstliche Blüthen aus ihr hervor zu treiben. Daß wir Beiden unsc noch einmal zusammen solche stillwonnige und sonnige Tage (wie Jene die unsere Herzen gegen einander erschloßen) schaffen müssen, der Gedanke steht bombenfest in meiner Seele, ja ich habe sogar schon davon geträumt. Weißt Du welchen Plan ich seit lange hege? Die am 6 September 1868 zu Botzen durch Deine niederträchtige Ohrendrüsenentzündung so scheußlich vom lieben Gott gestörte Woche am Gardasee mit Monte Baldo besteigung einmal wieder auszuführen – sei s wann es sei. In Garda bin ich nun einmal vernarrt bis zur Verrücktheit. In seiner Umgebung giebt es Herrlichkeiten, die Du gar nicht ahnst und die Dir trotz Deines d schönen Aufenthalts an der Riviera, doch Dein Herz hoch entzücken sollen. Ja, Du mußt wonnigliche Reise- und Meertage im letzten Sommer gehabt haben, ward doch auch mir bei Deinem kurzen, aber begeisterten Bericht davon schon gar wunderweh zu Muthe.

Ich hatte nicht so Schönes und Farbenreiches zu genießen obwohl auch ich gründlich || befriedigt von meinem Sommerausflug zurückkehrte. Mit meinem lieben römischen Mitschlenderer, Professor Detlefsen besuchte ich meine e ernsten wackeren Stammgenossen im wogenumbrandeten Nordfriesland und das üppige Land der alten ruhmreichen Ditmarsen und schwelgte in einer Gastfreundschaft wohin ich kam, wie ich s noch nicht erlebt habe, f sah man überall doch in mir den poetischen Verherrlicher der Marschen, denn eine Heimathsliebe und ein historischer Sinn lebt in dem wackeren und gebildeten Volke, die mich aufs Höchste überrascht, wie gerührt haben. – Du würdest Deine Rechnung auf diesem Ausfluge allerdings nicht gefunden haben, denn die Natur bot Wenig; Volk, seine Geschichte und ihre Denkmale Alles, aber bei mir überwiegt, wie Du weißt das Culturhistorische Element. g So lese ich auch gegenwärtig Noirées hochbedeutsames Buch über das Werkzeug und seine anthropologische Bedeutung, Helwald, Culturgeschichte Dahn Germanische Vorzeit usw. - Trotzdem haben mir aber auch Deine Quallenbilder durch ihre Mannigfaltigkeit und Schönheit der Formen, vor Allem jedoch weil sie von Deiner lieben Hand waren rechte Freude gemacht und mit Bewunderung mußh ich stets die wundervolle || Feinheit der Zeichnung betrachten. Schade daß ich nicht Mehr davon verstehe. Welche Formen mag es nur noch in anderen Meeren davon geben wohin Du nicht kamst im Indischen Meer und im stillen Ocean! –

Mir geht es gut wenn ich das alte mütterliche Erbübel abrechne die peinliche Schlaflosigkeit die mich auch in diesem Winter körper- und geistlähmend und erschlaffend wieder Nacht für Nacht quält, in allerletzter Zeit jedoch mit den länger werdenden Tagen minder wird bis sie mit dem wirklichen Frühling ganz aufhört, ja wohl ins Gegentheil umzuschlagen pflegt. So ist denn auch in diesem Winter nicht Viel geschaffen worden. Anzeigen und Kunstbesprechungen sind das meiste. – Im Übrigen bin ich i noch gar frisch und empfänglich, trotz meiner 60 Jahre die ich nächstens hinter mir habe und trotz der scheußlichen Winternächte.

Apropos Winternächte: Hat Fitger Dir ein Exemplar seiner unter diesem Titel jüngst erschienenen Dichtungen zugesandt, sonst sollst Du sie von mir haben. Ich sage Dir sie sind das Bedeutsamste Gedankenwuchtigste und Formvollendetste was seit Lange erschienen und gerade j Du wirst die tiefinnerste Befriedigung dabei empfinden so trostlos düster auch oft genug der Hintergrund ist von welchem jene wundervollen || Sterne u Blüthen uns entgegenleuchten. So viel ist gewiß an Tiefe der Empfindung, Gewalt des Gedankens und Schwung der Sprache kommt ihm unter den lebenden deutschen Dichtern kaum einer gleich, das wirst auch Du sagen wenn Du die Winternächte gelesen hast. - Dazu hat er im Laufe vorigen Jahrs im Treppenhaus der neuen Bremer Börse einen Cyclus k allegorischer Malereien ausgeführt von einer Farben- und Gestaltenherrlichkeit daß Du staunen solltest ob solchen Reichthums, vor Allem vor dem riesigen Hauptbilde auf dem Poseidon und seine Schaaren ein Schiff zur l Heimath geleiten. Großartigeres und Idealeres ist in unseren Zeiten des reinenm Realismus und Materialismus des Kunstlebens nicht gemalt worden.

Deine alten Commilitonen in Bremen habe ich sehr lange nicht gesehen und suche sie auch gerade nicht auf, wenn ich dort bin. ||

Mich ärgerte eben stets ihr reservirtes zimperliches Wesen sobald auf Dich die Rede kam. Strube indeß nehme ich aus. –

Von Politik laß mich schweigen. Als wir vor einem Jahrzehend die n herrliche Wiedergeburt des deutschen Reichs mit Jubel begrüßten dachten wir nicht, daß o es p schon jetzt so unerquicklich darin aussehn würde. Die Erstarkung der Orthodoxie und ihre letzte Blüthe die Judenhetze ist vollends eine Schmach. Aber es muß noch ganz anders kommen. Die Politik des Pessimismus halte ich nachgerade für die einzig richtige und sage: Nur frechq drauf los, je tiefer in der Nacht, je näher dem Morgen und offen gestanden trotz Machiavell hoffe ich diesmal wirklich Etwas vom Kronprinzen u seiner wackren klarschauenden freisinnigen Frau, wills aber nie wieder thun wenn ich mich auch in ihnen täuschen sollte.-

So leb wohl denn sammt den lieben Deinen, die Du herzlich grüßen mußt, nicht minder auch Gädeckens und behalt ferner lieb

Deinen getreuen

Armin.

a gestr.: von dem; eingef.: mögen; b gestr.: kräftig; c gestr.: die; eingef.: uns; d gestr.: her; e gestr.: friesischen; f gestr.: sehen; g gestr.: Alles; h gestr.: habe; eingef.: muß; i gestr.: gar; j gestr.: wir; k gestr.: Maler; l gestr.: den Hafen ge; m gestr.: neuesten; eingef.: reinen; n gestr.: R; o gestr.: uns; p gestr.: jetz; q gestr.: frisch; eingef.: frech

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-02-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8679
ID
8679