Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Gustav und Therese Sprenger, Jena, 20. Februar 1913

Beim Eintritt in das achtzigste Lebensjahr bin ich am 16. Februar d. J. durch eine große Zahl von Glückwünschen und Geschenken erfreut worden. Da ich zu meinem Bedauern außer Stande bin, Ihnen Allen meinen herzlichen Dank einzeln auszusprechen, muß ich Sie bitten, ihn in diesen Zeilen entgegen zu nehmen.

Auf viele freundliche Anfragen, betreffend meinen jetzigen Gesundheitszustand, kann ich antworten, daß das Allgemeinbefinden im Ganzen befriedigend ist. Nur sind leider die schlimmen Folgen des Hüftgelenkbruches, den ich durch einen schweren Unfall vor fast zwei Jahren erlitt, nicht mehr zu beseitigen. Der dadurch bedingte Mangel an freier Ortsbewegung schließt nicht nur alles Wandern und Reisen aus, sondern beschränkt mich auch vielfach in Arbeit und in Naturgenuß.

Ersatz für diese schmerzlichen Mängel finde ich in dem reichen Schatze von Erinnerungen, welchen ich meinen zahlreichen früheren Reisen verdanke, sowie meiner lebendigen Teilnahme an den erstaunlichen Fortschritten der Wissenschaft im letzten halben Jahrhundert. Daß es mir vergönnt war, an diesen mich aktiv zu beteiligen, und namentlich durch Förderung der Entwickelungslehre einen festen Grund für den naturalistischen Monismus zu gewinnen, betrachte ich dankbar als || ein besonderes Glück in meinem vielbewegten und kampfreichen Leben. Den vielen trefflichen Freunden und wackeren Gesinnungsgenossen, welche mich beim Aufbau dieser monistischen Naturphilosophie seit mehr als fünfzig Jahren treulichst und wirksam unterstützt haben, gebührt bei dieser Gelegenheit noch mein besonderer Dank!

JENA, 20. Februar 1913.

ERNST HAECKEL.

[egh. Widmung]

Herrn Dr. med.

Sprenger

und Familie

Herzlichen Gruss und Dank!

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-02-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Mainz
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44250
ID
44250