Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Naumburg, 3. September 1852

An meinen lieben Bruder.

Naumburg 3 September 52

Heute muß ich doch noch einige Zeilen unmittelbar an Dich beilegen, damit ich bei der nächsten Sendung wieder das Vergnügen haben kann, etwas von Dir mit zu erhalten. Dein neulicher Brief hat mich recht erfreut; jetzt weiß ich nun auch, daß die Kur Dir im Ganzen gut bekommt. Nach Würzburg wirst Du wohl jedenfalls gehen. Ich wünsche es Dir sehr. Bekommst Du dort gute Wirthsleute, so können die Dich ja auch ordentlich pflegen, wenn Dir etwas zustößt, außerdem hast Du ja dort das berühmte Julius-Hospital als Rückhalt. Das längere Verbleiben in Berlin ist für Dich nichts, so wohl es Dir auch im Kränzchen gehen mag. Außerdem hast Du ja auch an Berteau gleich einen alten Bekannten in Würzburg und andre finden sich gewiß bald hinzu. Daß ich von Althanns und dessen Familie in Sayn sehr freundlich aufgenommen wurde und dort Gelegenheit hatte, mich recht genau umzusehen, habe ich schon früher geschrieben. Ihn und Hauchecorne sah ich nachher nicht in Bonn, weil sie beide bald darauf direkt nach dem Harz abgegangen sind. Die Bonner erinnerten sich Deiner sehr oft, namentlich Theodor, der nun zum Winter nach Berlin geht. Auch der alte Arndt fragte nach Dir. Er war an dem Abend, wo ich ihn bei Dahlmann’s sah, prächtig munter und erinnerte sich mit großer Lebendigkeit der alten Zeiten. So erzählte || er Vaters Duellgeschichte in Landeshut und verglich ihn mit Moses wie er aus Aegypten fliehen mußte. –

Den Wein habe ich unterwegs gar ordentlich probirt, es thut mir nur leid, Dich nicht darauf einschulen zu können. Dagegen sind mir seltene Pflanzen (die ich wenigstens dafür gehalten hätte) gar nicht unter die Hände gekommen. Steine mitzuschleppen, war aber doch zu unbequem, sonst hätte ich Dir dahier noch eher etwas auffinden können. Die Formation der Gebirge und die verschiedenen Proben gothischer u. byzantinischer Bauart, waren die einzigen mehr wissenschaftlichen Partien auf die ich bei der Tour mein Augenmerk richtete. Es hätte mich daher auch sehr interessirt hätte ich die Tour mit einem Geologen zusammen machen können. Mach, daß Du bald einer bist dann gehen wir einmal zusammen, alter Junge.

Wenn die Hochzeit überhaupt noch im Herbst ist, so wird sie, denke ich, doch jedenfalls noch im Oktober sein, wenn auch gegen Ende desselben. Dann kannst Du immer noch nach Würzburg gehen, gieb also deshalb Deinen Plan nicht auf.

Ade, alter lieber Junge.

Dein treuer Bruder

Karl.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-09-1852
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35416
ID
35416