Grazie, Marie Eugenie delle

Marie Eugenie delle Grazie an Ernst Haeckel, Wien, 26. Juni 1899

Wien, 26. Juni 1899.

Hochverehrter Meister!

Als ich vor einigen Wochen von einem Ausflug in die herrliche Umgebung Wiens zurückkehrte, erwartete mich, als schönster Abschluss eines schönen Tages, das II. Heft Ihrer „Kunstformen“. Nehmen Sie meinen innigsten und herzlichsten Dank entgegen! Das neue Heft bringt wieder eine solche Menge des Entzückenden und Sublimen, einen Formenschatz von solch’ märchenhafter und anmuthiger Fülle, || dass selbst die reichste und bizarrste Künstlerphantasie diesen göttlichen Tändeleien der ewigen Schöpferin gegenüber, armselig und gedankenlos dasteht! Und dabei ist das Alles nicht bloß zwecklose Spielerei, wie ja in letzter Linie doch jede Kunst; sondern durch u. und durch organische Notwendigkeit, gesetzmäßige Gestaltung, verklärte Zweckdienlichkeit! Immer wieder wandte ich Blatt um Blatt, und konnte mich nicht satt sehen! Da sind z. B. die Brauntange. Formen, wie für die Secession construirt, besonders No 1 u. 6! Manche Formen der Scheibenquallen möchte man den Silberarbeitern u. Goldschmieden || empfehlen. Welch’ herrliche Fruchtschale liesse sich z. B. nach No 5 Tafel 18. arbeiten! Während Figur 4., allerdings etwas stylisirt, das herrlichste Salzfaß gäbe, No 6 u. 7., in Kristall gearbeitet, märchenschöne Tulpen u. Glocken für elektrisches Licht! Und so saß ich und träumte mich in all’ den Zauber hinein u. begriff so gut, dass durch die stete Beschäftigung mit solch lebendiger Anmut u. Schönheit, auch ein Künstler aus Ihnen werden musste! Also, noch einmal besten, herzlichsten Dank! –

Herr Prof. Müllner u. ich sind glücklich über die Aussicht, Sie am Gardasee wiederzusehen! Wir treffen am 7. September in Saló ein, || wo wir im Hôtel Saló Wohnung nehmen, und bis Ende des Monats bleiben werden. Vom 15. Juli bis Ende August werden wir in dem herrlich gelegenen Gross-Reifling in Obersteiermark (bei Hieflau) wohnen. Von Südtirol hat man uns, des Scirocco wegen, allgemein abgerathen! Ihren Brief hab’ ich, wie Sie gewünscht, auch an Freund Carneri gesandt. Der Arme wurde aber ganz melancholisch darüber; er wäre gar so gerne mit uns Allen an den Gardasee! Doch hat ihn Ihr neues Werk ungeheuer interessirt, wie auch ich mich schon aus ganzer Seele freue, am Gardasee aus dem Munde des Schöpfers selbst Näheres darüber zu erfahren! Herr Professor Müllner, dem Sie durch die freundliche Zusendung Ihres Cambridger Vortrages eine große Freude bereitet, schreibt in den nächsten Tagen. Ich bleibe in wandelloser Verehrung

Ihre treu ergebene

M. E. delle Grazie.

 

Letter metadata

Recipient
Dating
26.06.1899
Place of origin
Country of origin
Possessing institution
EHA Jena
Signature
EHA Jena, A 20
ID
20