Anonym

Anonym an Ernst Haeckel, [Breslau, November 1878]

Geehrter Herr Professor!

Ich habe Ihre Broschüre „Freie Wissenschaft und freie Lehre“ gelesen und erlaube mir Ihnen eine kurze Bemerkung dazu, gegründet auf meine eigne Lebenserfahrung mitzutheilen. Ich erkenne vollkommen an daß Ihre Lehre von derr Descendenz viel besser begründet ist als die von Ihnen beispielsweise a angeführten Kirchendogmen, aber diese Dogmen bilden doch nur die Unterlage des Endschlusses „daß es eine Vergeltung, eine Ausgleichung von Glück und Unglück, nach dem Tode giebt.“ Das Verlangen, das Bedürfniß gleichsam, nach einer derartigen Ausgleichung, scheint mir, liegt in der Menschennatur und äußert sich immer in heftigen Gleichheitsbestrebungen, wenn die Hoffnung auf den Himmel fällt.

Indem nun die moderne Wissenschaft die Unhaltbarkeit der Kirchendogmen beweist, zerstört sie nothwendig auch den Glauben und Hoffnung auf eine Vergeltung nach dem Tode und ruft dadurch einen steigenden Drang nach für Alle gleichem Lebensglück hervor. Kann nun dieses gleiche Lebensglück nicht geboten werden, so muß zur Befriedigung des allgemeinen Dranges wieder zum ersten Mittel, der Hoffnung auf Vergeltung nach dem Tode, gegriffen werden, d.h. irgend eine Kirche bemächtigt sich wieder der Geister und befriedigt ihren natürlichen Trieb mit einer Täuschung.

Die moderne Wissenschaft wird daher daran denken müssen den in allen Menschen lebenden Trieb nach gleichem Lebensglück zu befriedigen ohne den Hinweis auf einen Himmel. Die Socialdemokratie hat dieß in der rohesten Weise durch Anstrebung möglichst gleichförmiger Lebensbedingungen für alle Menschen auszuführen gesucht und damit natürlich vollständig ihr Ziel verfehlt. ||

Die Wissenschaft nun, glaube ich, kann diesen Trieb mit in der Weise befriedigen, daß sie zur Erkenntniß bringt, daß in jedem Leben, nicht bloß Menschen- sondern auch Thierleben, Freude und Schmerz, also Glück und Unglück nothwendig im Gleichgewicht steht, und daß es also eines Ausgleiches nach dem Tode nicht bedarf. Der Grund aber, daß dieß so sein muß, liegt in der Natur unseres Wahrnehmungsvermögens, das so beschaffen ist, daß nicht die Zustände, die Dinge selbst, sondern immer nur Bewegung, also Aenderungen der Zustände wahrgenommen werden.

Jedes lebende Individuum hat nun auch den ererbten Trieb weiterleben zu wollen. Jede Befriedigung dieses Triebes fühlt es als Freude, als Glück, jede Nichtbefriedigung als Schmerz und Unglück. Jede Freude ist daher nur Aufhebung von Schmerz und jeder Schmerz nur Aufhebung von Freude. Da dieß aber stattfindet, so muß in jedem Leben Freude und Schmerz, Glück und Unglück gleichwertig sein, und ein Ausgleich von Glück und Unglück noch nach dem Tode ist widersinnig.

Wir finden daher auch, daß ein Thier ebenso glücklich sein kann als ein Mensch, obgleich dieb speciellen Triebe und die daraus entspringenden Freuden und Schmerzen bei beidenc sehr verschieden sein können. Das Menschenleben ist eben viel umfassender und reicher an Freude und Schmerz als z.B. das Leben eines Sperlings, aber die Summe von Glück und Unglück ist in beider Leben immer gleich Null. Eine Abweichung von diesem Verhältniß tritt auchd dadurch nicht ein daße der individuelle Mensch zur Erkenntniß und Bewußtwerden des Allgemeinlebens gelangt. Denn für und mit diesem Allgemeinleben, das gleichmäßig fortdauernd ist, hört || für das Individuum Furcht und Hoffnung, also auch Freude und Leid überhaupt auf.

Freilich wäre nun der Nachweis wenigstens zu versuchen, daß in der That im Leben des Individuums immer Freude und Schmerz gleichwerthig ist. Aber wir können eben Gefühle nicht messen und wägen und der gleichsam sinnliche Beweis ist darum nicht zu führen. Vielmehr bleibt die Thatsache daß wir Nichts als Freude empfinden können was wir nicht vorher begehrt, also entsprechend als Schmerz gefühlt haben, und umgekehrt. Nur nochf eine Bemerkung füge ich hieran. Wir finden in allen besseren Dichtungen die Tendenz daß der Mensch sein Glück erwerben muß, niemals es geschenkt erhalten kann. Man kann wohl Geld und Gut veschenken aber kein Glück. Wie verschieden daher auch der Inhalt der individuellen Leben sein mag so entspricht doch in jedem Leben das erreichte Glück, die Befriedigung also, nur dem vorher gefühlten Schmerz, dem gereizten unbefriedigten Triebe, und die Bilanz von Freude und Schmerz bleibt gleich Null für den an Erfolgen reichsten und ärmsten Menschen. Nur wenn, was unmöglich ist, der Mensch die Todesfurcht ablegen könnte ohne zugleich die Wahrnehmungsfähigkeit für Freude, also für die Befriedigung seines Lebenstriebes, zu verlieren, könnte es Glückliche und Unglückliche geben. Aber nur Wenige vermögen theilweis die Todesfurcht abzustreifen, bei der Mehrheit der Menschen wirkt sie ausgleichend. Ich wenigstens finde daß diejenigen meiner Bekannten, die mit Erfolg gearbeitet haben in demselben Grade von der Furcht vor dem Sterben geplagt sind, als ich von der Sorge um die Mittel zum Leben.

Diese meine Erfahrung wollte ich Ihnen mittheilen und zeichne hiermit

Mit größter Hochachtung

X.

a gestr.: mitr; b gestr.: seine; eingef.: die; c eingef.: bei beiden; d gestr.: erst; eingef.: auch; e eingef.: ein daß; f eingef.: noch

 

Letter metadata

Author
Recipient
Dating
??.11.1878
Place of origin
Country of origin
Possessing institution
EHA Jena
Signature
A 17042
ID
17042