Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Mittel-Schreiberhau, 3. September 1918

Mittel Schreiberhau i/R.

3.9.18.

Lieber Freund!

Endlich komme ich dazu Dir wieder ein Lebenszeichen zu geben, nachdem die vielfältigen „Freuden" des Umzugs vorüber sind. Ich habe nun endgültig und wohl für den Rest meiner Erdentage mich „schlesisch" festgelegt. Nachdem (wie ich Dir wohl schon schrieb) die Zeitlage einen relativ recht günstigen Verkauf meines Häuschens in Friedrichshagen ermöglicht hatte, sind wir mit Sack und Pack hier in die Rübezalberge übergesiedelt. Meine niedliche ländliche Besitzung hier war im Verlauf von fast 20 Jahren so reizend heran-gewachsen und || mit ihrem Blumenparadies meiner Frau und mir so lieb geworden, daß es seit Jahr und Tag immer nur Frage einer passenden Gelegenheit war, ob wir unsere Penaten ganz hierher verpflanzten. Zumal meiner Frau die Höhenluft so unvergleichlich viel besser bekommt. Einstweilen sind wir ja, so lange der Krieg tobt, noch etwas im Provisorium, da unser Bauernhäusel zu klein ist, an Bauen aber nicht gedacht werden kann. Wir haben also noch ein zweites Haus nahebei gemietet und mit eingerichtet. Als Interregnum mag‘s gehen. Der Umzug in der Kriegszeit war nicht leicht, ist aber glatt verlaufen. Friedrichshagen (mehr und mehr von der || Poesie zur Industrie übergegangen) bot mir seit Jahren immer weniger anregenden Verkehr, während er hier sehr hübsch ist. In Berlin halte ich mir ein kleines Absteigequartier, und so wird‘s sich machen lassen. Im Scherz heißt es wohl schon, Schreiberhau sei mir noch ein Vorort von Berlin. Für 6 Stunden Bahnfahrt etwas kühn (Jena läge danach gemessen schon in Berlin), aber nach dem Kriege sollen wir die erste große elektrische Bahn Deutschlands bekommen, die sehr verkürzt; einstweilen sind die Kupferdrähte allerdings wieder heruntergeholt worden. Immerhin: es mag als Beispiel amüsieren, daß mein Nachbar Werner Sombart hier in Schreiberhau wohnt und in Berlin || liest, – er fährt jede Woche auf drei Tage zu seinen Vorlesungen hin, hat aber Familie, Bibliothek etc. hier!

Mein Sohn Karl steht im Westen, hat schwere Kämpfe mitgemacht, ist aber bisher im besten Wohlsein über alle Gefahren hinweg gekommen. Wir werden ja alle wohl noch mit diesem neuen Winter im Felde rechnen müssen, – was hilft‘s! Mir klingt ab und zu der Vers unseres Altmeisters Goethe im Kopf: „Komm her, wir setzen uns an den Tisch, – die Welt geht auseinander wie‘n fauler Fisch!"

Inzwischen habe ich mit großer Freude gelesen, daß auch Deine Hausfrage und die zugehörige Archivfrage in der glücklichsten || Form gelöst sind. Ich halte grade diese Lösung für sehr praktisch und aussichtsvoll. Während Museum und Institute sich mit der Zeit doch notwendig vom Persönlichen lösen (die Welt rauscht und wirbelt nun mal weiter und will immer wieder jung, unreif und rücksichtslos sein wie der Schüler im „Faust"), liegt in solcher persönlichen Wohnstätte ganz anders die wirkliche Gewähr des „verweilenden Augenblicks". Du siehst das am Goethehaus in Weimar, an dem alten Wilhelmpalais unter den Linden u.s.w., die wirklich ein notwendiges Stück Geschichte und Kulturinhalt geworden sind.

In unserer Zeit des wachsenden Nivellierens brauchen wir solche Orte des Besinnens auf die starke Persönlichkeit.

Mir fällt dabei das Testament des alten Zoologen Konrad Gesner ein (1564), das mir gelegentlich bekannt wurde: er verordnet da, daß „jährlich ein mal, sonderlich by Zyten vor der Winterkälte" sich seine Verwandten und Freunde versammeln sollten zu einem „fräundlichen Gastmahl", || genannt „die Liebe", dabei solle „ein übergüldeter Becher, sammt einem Deckel wigt auf 15 Loth“ rundgehen, dann aber solle der Aelteste im Kreis „ihnen fürhin bringen meine Figurenbücher der Tieren, daß sy sich die zu besächen belustigend und durch myn Gedächtniß auch ihre Kind, welche tugendlich, zu der Lehr oder sonst zu guten und ehrlichen Künsten und Uebungen erzüchen." – Ist das nicht niedlich?

Ich habe gelegentlich eines kleinen Privatvortrags in engerem Kreise hier kürzlich einmal wieder mich so recht Deiner Radiolarien (in den herrlichen Challenger-Tafeln wie der kleinen Originalkollektion, die ich Dir verdanke) erfreut. Nächst dem Sternenhimmel ist es doch wohl unverwüstlich || die wunderbarste Erbauungsstelle der ganzen Natur! Da die Milchstraße hier oben in den Bergen auch ganz besonders schön wirkt, ist es mir mit meinem großen Instrument manchmal vergönnt, beide Erbauungsstunden unmittelbar aneinanderzuschließen. Rechne ich dazu noch als drittes das „höchste Glück der Menschenkinder", das der Anblick der ganz großen Persönlichkeit gewährt, wie es mir in Dir zu Teil geworden, so möchte ich auch mit Goethe sagen: wem das zu Teil geworden, der kann nie wieder ganz unglücklich im Leben werden.

Mit den herzlichsten Grüßen (auch von meiner Frau und Tochter – letztere am 11. Sept. schon 18 Jahre alt!!)

Dein getreuer

Wilhelm Bölsche

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-09-1918
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9749
ID
9749