Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Mittel-Schreiberhau, 5. September 1904

Mittel-Schreiberhau i/R.

Haus Bölsche.

5.IX.04.

Lieber Herr Professor!

Ich lese eben, daß Ihre Aquarelle im Druck erscheinen sollen. Hoffentlich ist die Zeitungsnotiz richtig, – ich freute mich nämlich ganz außerordentlich über die Thatsache. Der Verlag in Gera, der genannt wird, ist mir || durch die zum Teil ganz wundervollen Tafeln der dort erscheinenden Neu-Ausgabe des Naumann‘schen Vogelwerks296 bekannt und wert geworden.

Meine Zeilen neulich aus Berlin werden Sie durch meinen Freund Schillings erhalten haben, er bestand in seinem etwas wilden Temperament darauf, daß ich eine Zeile beifügte. In der That wäre es wohl || sehr gut, wenn das „Wunderpferd" von scharfen und geschulten Tier-Beobachtern auf jeden Fall genau geprüft würde. Es handelt sich auf keinen Fall um irgend ein leichtfertiges Sensations-Stück, so gern es auch die Zeitungen dazu machen möchten. Gegen absichtlichen Schwindel spricht wenigstens für mich entscheidend die mir genau bekannte, höchst ehrenwerte Persönlichkeit von Schillings. || Es bleiben also nur zwei Möglichkeiten: die wirkliche hohe Intelligenz des Tieres – oder eine unabsichtliche Suggestion. Wege der letzteren habe ich bei zwei langen Sitzungen nicht entdecken können (ebenso wenig wie Möbius, Heck u.a.), immerhin will ich aber mich nicht als ganz kompetent für diese Dinge nehmen. Es müßte beinah schon auf etwas wie wirkliche Suggestion per || Distance, ohne Worte und Berührungen, in hunderten von Fällen, hinauslaufen, womit jedenfalls als „Erklärung" etwas herangezogen wäre, was selber erst erklärt werden müßte, da es keinen Präcedenzfall hätte. Andererseits: die „Intelligenz-Hypothese" hat gewiß vom Boden unserer Anschauungen kein allgemeines theoretisches Hinderniß; aber ich muß doch sagen, daß diese Leistungen des „klugen Hans", als wirkliche || Pferde-Intelligenz gedeutet, dann doch alle bisher bekannten Resultate der Tier-Psychologie (auch der tolerantesten) weit überflügeln würden, so weit, daß mir etwas gruselt. Ein einzelner Beobachter kann das Rätsel jedenfalls nicht lösen, – es müßte eine absolut einwandfreie Commission systematisch eine Weile mit dem Tier (übrigens von allem abgesehen einem Pracht-||Exemplar!) arbeiten, an einwandfreiem Ort und mit allen wissenschaftlichen Vorsichtsmaßregeln. Schillings ist auch dazu bereit. Der Besitzer und Lehrer, Herr v. Osten, ist ein uraltes Männlein, etwas Typus des schrulligen Mathematikprofessors, an der Grenze des Komischen, Monomanischen, – aber er macht ganz und gar nicht den Eindruck eines absichtlichen Betrügers. ||

Ich habe diesen Sommer hier still, aber angenehm verbracht. Recht viel Mühe hat mir des guten Carus Sterne Erbe, die Neuauflage seines „Werden u. Vergehen" gemacht. Das Buch war ein heilloses Chaos in den letzten Auflagen geworden, Krause hat es offenbar niemals wieder ganz durchgelesen, sondern nur Zettel um Zettel hineingeklebt. So starrte alles von Widersprüchen, die || frühere schöne Composition war verschüttet, kurz, vor allem Neuaufbessern der Thatsachen mußte zunächst einmal wieder eine stilistische Grundlage, ein Bauplan wieder hergestellt werden. Das habe ich so ziemlich fertig gebracht, hoffe ich. In der Darstellung war vieles schief ausgedrückt, – hier habe ich den Text wenigstens so ausgearbeitet, daß jetzt das, was || Krause sagen wollte , in sich deutlich und für diesen Standpunkt ungefähr korrekt ist. Spätere Auflagen, die ja rasch folgen werden, da das Buch glänzend geht, mögen dann erst dazu thun, was an Mehr nötig ist.

Meine eigenen Sachen gehen recht erfreulich. Das kleine Einmark-Heftchen über die „Abstammung des Menschen", das ich || im Frühjahr herausbrachte, ist bereits in 40000 Exemplaren abgesetzt! Der Preis thut doch viel! Das „Liebesleben" erreicht eben das 18. Tausend! Immerhin auch eine gute Ziffer bei einem so viel mal theureren Buch.

Mit den herzlichsten Grüßen (auch von meiner Frau)

Ihr Wilhelm Bölsche

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-09-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9645
ID
9645