Magnussen, Harro

Harro Magnussen an Ernst Haeckel, Berlin-Grunewald, 12. Februar 1906

Montag d. 12ten Feb. 1906.

Hochgeehrter Herr Professor!

Zu meinem Leidwesen habe ich gehört, daß Sie leidend sind. Ich möchte Ihnen so recht aus vollem Herzen baldige Besserung und völlige Gesundung wünschen, das ist für Sie und für uns alle, die wir Sie verehren und denen Ihr Leben so teuer ist, wohl das Beste und Einzige, was als Geschenk für Ihr 74tes Lebensjahr Wert hat. Möchten Sie uns noch lange erhalten bleiben, denn noch ist kein Rufer im Streit erstanden, der sie ersetzt.

Ich übersende Ihnen die Photogra-||phie eines Entwurfes von mir: „die Wahrheit“ oder „die Entwicklungslehre.“ Meine bescheidene oder unbescheidene Frage geht dahin, sehr verehrter Herr Professor, ob Sie vielleicht ein anderes Attribut sagen können, welches das kleine Mädchen statt des Affenschädels in der Hand halten könnte, oder ob ich beim Affenschädel resp. bei dem des Pithecanthropos bleiben kann. Sodann würde ich dankbar sein, wenn ich erführe, wo ich genaue Abbildungen eines solchen Schädels sehen könnte. Unter den Füßen der Wahrheit liegt der schon halb zu Stein gewordene Dogmenglaube, gekennzeichnet durch Geißel und Betschnur.a

Ich stelle die Fragen und weiß nicht einmal, ob es Sie nicht zu sehr angreift, solche zu beantworten. Verzeihen Sie mir, || aber ich bin so voll von dieser Arbeit, die ich jetzt überlebensgroß aufbaue, daß ich nicht anders kann, als Ihnen, aber auch nur Ihnen, Mitteilung zu machen.

Ich erlaube mir noch, zu Ihrer Erheiterung etwas beizutragen. In der beifolgenden Kiste ist eine Portraitbüste, die ich hier neulich kaufte um sie Ihnen zu dedizieren, vielleicht gehört sie mit in die Reihe der „Rückbildungen“ des berüchtigten Haeckel. Der Name des Künstlers sagt daß er einer von de Veelen ist, die nichts können.

Die Feier Ihres Geburtstages hat hier Sonnabend stattgefunden. Ich freute mich mit ihren Herrn Neffen zusammen sein zu können. Eine Staatsqualle mit ihr Quallerich || machte uns viele Freude.

Eine schlechte Photographie meiner verbesserten Haeckelbüste, die bei der Feier zum ersten Mal an die Öffentlichkeit kam, lege ich auch bei.

Mit der Bitte um eine Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin und mit dem lebhaften Wunsche daß mit dem Frühling das Wohlbefinden wiederkommen möge, grüße ich Sie ehrerbietig mit Frau und Sohn.

Harro Magnussen

a eingef. mit Einfügungszeichen: Unter den Füßen … und Betschnur

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-02-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 9159
ID
9159