Andriessen, Gustav

Gustav Andriessen an Ernst Haeckel, Krefeld, 26. September 1907

GUSTAV ANDRIESSEN

KREFELD.

Krefeld, 26.9.1907.

Hochgeehrter Herr Professor!

Wenn ich es wage, Ihnen mein schlichtes Buch „Erlebnisse, Erinnerungen und Gedichte” zu übersenden, so habe ich dabei einesteils die Absicht, Ihnen einen Herzensdank für Ihr so hochwichtiges Werk „die Welträthsel“ darzubringen, andernteils Ihnen die Anschauungen eines einfachen Staats- und Weltbürgers über seine Lebensaufgaben zu unterbreiten in der Hoffnung, daß Sie dieselben billigen werden.

Mein Buch behandelt zwar hauptsächlich Heimatsverhältnisse; es enthält daneben aber auch Einiges, das auf größere Kreise Bezug hat und Sie vielleicht ein wenig interessieren dürfte.

Ein paar der jüngsten und auch wohl der letztem Kinder meiner schlichten Muse erlaube ich mir, noch beizufalten.

Mit Hochachtung!

G. Andriessen ||

Zu Johanni 1907.

Brüder, laßt uns weiter streben

Nach dem innern eignen Wert,

Laßt uns alle Kräfte üben,

Die uns die Natur beschert,

Uns erheben an den Meistern,

Die das Höchste uns gelehrt.

Brüder, laßt uns weiter streben

Nach dem innern eignen Wert!

Dank dem großen Weltenmeister,

Der das Dasein uns geschenkt,

Der uns weist der Schöpfung Wunder,

Sonne, Mond und Sterne lenkt

Jedes Wesen auf der Erde

Voll mit Lebensfreude tränkt.

Dank dem großen Weltenmeister,

Der das Dasein uns geschenkt!

„Geister klären, Herzen weiten!“a

Bleibe unsers Strebens Ziel,

„Glücklichsein und Glücklichmachen!“a

Unser heiligstes Gefühl.

Volle Freiheit für den Glauben,

Freiheit für des Geistes Spiel.

„Geister klären, Herzen weiten“

Bleibe unsers Strebens Ziel! ||

Der Fortschritt.

Wie die Natur im Jahre sich entfaltet:

Durch Winters Not der frische Lenz erblühet,

Der Sonnstrahl das weite All durchglühet

Und Korn und Wein zu reifer Frucht gestaltet –

Wie die Entwicklung in dem Menschen waltet:

Die Jugend aus der Kindheit hold erblühet,

Voll kühner Kraft nach schönen Thaten sprühet

Das Leben wenn mit großen Werken schaltet –

So herrschet in der Natur ein stetes Vorwärtsschreiten,

Dem keine Macht den Einhalt kann bereiten;

Sie würde nur sich selbst darbei zerstören.

In Allem, Kunst und Wissenschaft und Glauben

Darf Geist und Herz nicht fest am Alten klauben:

Die Zukunft kann dem Fortschritt nur gehören!

a Text am unteren Ende S. 3: Wahlsprüche von Emil Rittershaus.

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
26.09.1907
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 8506
ID
8506