Baege, Max Hermann

Max Hermann Baege an Ernst Haeckel, Hirschgarten, 25. November 1913

Hirschgarten, den 25. November 1913.

An Seine Excellenz Geh.-Rat, Prof. Dr. E. Haeckel,

Jena.

Hochgeehrter Herr Geheimrat!

Ihr neuliches Antwortschreiben hat mich mit grosser Betrübnis erfüllt. Weniger der Ablehnung wegen, die meine Bitte darin gefunden, als der Gründe wegen, die Sie für Ihre ablehnende Haltung angeben.

Meiner Ueberzeugung nach verkennen Ew. Excellenz vollständig die Stellung der „Gesellschaft für positivistische Philosophie“ gegenüber dem Monismus. Wir haben niemals daran gedacht, dem Monistenbunde irgendwie entgegenzutreten oder auch nur Conkurrenz zu machen; im Gegenteil, es ist vielfach in den Vorstandssitzungen davon die Rede gewesen, dass wir uns lediglich als eine Ergänzung des „Deutschen Monisten Bundes“ nach dera philosophischen Seite hin betrachtenb, und Sie werden auch in unseren Publikationen an keiner Stelle auch nur ein Wort finden, dasc gegen den Monismus oder gar gegen Ihre, von uns allen hochverehrter Person gerichtet wäre. Wenn man sich über eine wissenschaftliche Vereinigung ein gerechtes Urteil bilden will, muss man sie doch nach ihren Publikationen beurteilen. Heft 1-3 unserer Zeitschrift sind Ihnen ja zugesandt worden, Heft 4 folgt in den nächsten Tagen, die übrigen Drucksachen (Aufrufe u.s.w.) haben Sie auch erhalten, und niemals werden Sie auch || nur ein Wort gegen den Monismus oder den Monistenbund und seine Führer darin gefunden haben.

Wenn der vor wenigen Wochen verstorbene Geheimrat Potonié in seinen Publikationen hier und da den Monismus kritisiert hat und dabei, wie ich persönlich gern zugebe, vielfach über das Ziel hinausschossd, so darf man das der „Gesellschaft für positivistische Philosophie“ doch nicht anrechnen oder gar mir persönlich. Wo haben Sie je ein Wort von mir gefunden, mit dem ich gegen den Monismus, gegen den Monistenbund oder gar gegen Ew. Excellenz Stellung genommen hätte?

Was Potonié anbetrifft hat er wahrscheinlich nicht die engeren Zusammenhänge gesehen, die zwischen Monismus und Positivismus bestehen. Er dürfte auch mit seinen Anschauungen innerhalb der „Gesellschaft“, in der sich übrigens wegen seiner langene Krankheit kaum betätigt, ganz allein stehen, die anderen Herren vom Vorstande sind geradezu begeisterte Verehrer von Ew. Excellenz und speziell auch Herr Professor Petzoldt hat dieser Verehrung in mehreren Sitzungen beredten und warmen Ausdruck gegeben. Der Vorwurf gegen Professor Petzoldt ist also völlig unberechtigt. Wenn er in Bezug auf das Substanzproblem, sich stützend auf Avenarius, zu anderen Schlüssen kommt als Sie, so ist doch noch lange nicht als Feindschaft, sondern nur als wissenschaftlicher Gegensatz aufzufassen. Wie grossf die Verehrung für Ew. Excellenz in unserer „Gesellschaft“ ist, können Ew. Excellenz daraus entnehmen, dass wir speziell für Mitte Februar eine „Haeckelfeier“ innerhalb der „Gesellschaft“ angesetzt haben.

Wenn Sie übrigens Professor Petzoldt wegen seiner, von Ihrer Stellungnahme verschiedenen Ansicht über das Substanzproblem einen Vorwurf glauben machen zu müssen, wäreng auchh Geheimrat Ostwald und andere Monisten, die auch das Substanzproblem andersi als Sie auffassen, als Ihnen feindlich gesinnt zu betrachten. Wie aber kann man nun diese abweichenden Anschauungen, die einzelne Mitglieder der „Gesellschaft für positivistische Philosophie“ in Bezug auf die von Ihnen vertretenen Ideen haben, || mir persönlich zum Vorwurf machen? und das tun Sie doch, hochverehrter Herr Geheimrat, indem Sie Ihre Ablehnung meiner Bitte mit dem Verhalten dieses Herren begründen.

Wenn Sie nun weiterhin sagen: „Entweder will die „Gesellschaft für positivistische Philosophie dasselbe wie der Monistenbund, und dann ist sie überflüssig, oder will sie etwas anderes, und dann dient sie der Zersplitterung,“ so fassen Sie eben die Arbeit unserer „Gesellschaft“ nicht im richtigen Sinne auf. Unsere „Gesellschaft“ will lediglich eine Stätte für philosophischj-wissenschaftliche Fortbildung, Ausbildung und Vertiefung des monistischen Grundgedankens ein. Eine solche Stätte ist der Monistenbund nicht, mindestens so lange nicht mehr, als Geheimrat Ostwald an seiner Spitze steht. Seit der Hamburger Tagung bezeichnet sich der Monistenbund als eine „kultur-politische Vereinigung“ und das halte ich selbst auch für das Richtigste, denn nur durch die Verfolgung kulturpolitischer Ziele ist das einigende Band gegeben, dask die Gruppen und Personen des Deutschen Monisten Bundes l, der sofort in ein Chaos von Meinungen und Anschauungen auseinander fallen würde, wenn man seine Anhänger auf Grund ihrer philosophischen und religiösen Anschauungen sondern wollte. Ich habe gerade deshalb die „Gesellschaft für positivistische Philosophie“ gründen helfen, weil ich im Monistenbund nicht die Stätte zur philosophischen Weiterbildung der monistischen Grundideen fand. So oft ich mit derartigen Anträgen kam, wurde mir gesagt, der „Deutsche Monisten Bund“ ist keine philosophische Vereinigung, kein Conventikel für Naturphilosophen, sondern ein das ganze Volk umfassender Kulturverein, der den Menschen in all seinen für die Bildung einer Weltanschauung wichtigen Beziehungen erfassen will. Wie notwendig die Gründung unserer „Gesellschaft“ war, ersehen Sie aus der zahlreichen Beteiligung aus den Reihen der Hochschullehrer. Wir haben ca. 120 Universitätsprofessoren als Mitglieder, von denen nur ein kleiner Teil für den Monistenbund und für seine weiteren und umfassenderen kultur-politischen Ziele zu gewinnen wäre. Die meisten unserer Hoch-||schullehrer sind eben noch nicht kultur-politisch interessiert, sondern haben in den meisten Fällen höchstens noch philosophische Teilinteressen neben ihren spezial-wissenschaftlichen.

Wenn unsere „Gesellschaft für positivistische Philosophie“ sich eine Vertiefung sowie m Fort- und Ausbildung nach der erkenntnis-kritischen Seite hin zum Ziele gesetzt hat als Ergänzung der rein naturwissenschaftlichen, entwicklungsgeschichtlichen Grundlegung, die sie der grandiosen Gedankenarbeit Ew. Excellenz verdankt, so tut sie letzten Endes dem Monismus gegenüber nichts anderes, als was seinerzeit ein gewisser Ernst Haeckel seinem Meister Darwin gegenüber tat, als er die Ideen des von Darwin gering geschätzten Lamarck zum Ausbau des Darwinismus verwandte und dadurch dem Darwinismus jenes unerschütterliche Fundament gab, das für alle Zeiten wohl sich als festgefügt erweisen wird. Wer damals behauptet hätte, Haeckel sei kein Darwinist, weil er nicht einseitig sich nur auf Darwin stützt, würde heute mindestens der Engherzigkeit und des Dogmatismus geziehen werden.

Ihre ablehnende Stellungnahme unserer „Gesellschaft“ gegenüber befremdet mich um so mehr, da Sie einern wirklichen Conkurrenzgründung gegen den Monistenbund, wie es das Breitenbach’sche Unternehmen ist, in weitherzigster Weise Ihre Protektion zu teil werden liessen.

Zum Schluss gestatten Sie mir wohl einige wenige Zeilen über mich selbst. In einer rund zwölfjährigen Wirksamkeit als populär-wissenschaftlicher Vortragsredner, Schriftsteller und Dozent der „Freien Hochschule Berlin“ glaube ich, mit ca. 2000 Vorträgen und Vortragszyklen, meist naturwissenschaftlichen oder monistischen Inhalts, die ich in sämtlichen grösseren Städten Deutschlands und Oesterreichs gehalten habe, sowie mit einigen hunderten von Aufsätzen, die ich in mehreren Dutzenden von Zeitungen und Zeitschriften publiziert und schliesslich auch mit einigen populär-wissenschaftlichen Broschüren, mancherlei für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse und vor allem der monistischen Denkweise geleistet zu haben. ||

Mancherlei Opfer habe ich meiner Gesinnung schon bringen müssen. Vor 10 Jahren musste ich mein Amt verlassen, weil es einem preussischen Oberlehrer nicht erlaubt ist, öffentlicho freidenkerische undp monistische Propaganda betreiben. Jahrelang habe ich dann schwer kämpfen müssen, um meine Familie und mich überhaupt nur einigermassen durchzubringen. Und als es mir dann in den letzten 3-4 Jahren gelungen war ein klein wenig weiter zu kommen und einen schmalen Notpfennig zurückzulegen, sah ich mich in diesem Jahre durch eine schwere Erkrankung mit Kurgebrauch, die mich für Monate arbeitsunfähigq sein liess, sowie durch eine Erkrankung meiner Frau, die bis heute noch nicht gehoben, gezwungen, schliesslich die geringen Ersparnisse, die wir uns gemacht hatten anzugreifen und zu verbrauchen. Meine Arbeitsfähigkeit hat infolge eines zehnjährigen Angespanntseins ohne Erholungspause so gelitten, dass ich nicht mehr das zu leisten vermag, was ich mir früher zutraute. Besonders darf ich eine Reisetätigkeit nur noch in sehr beschränktem Masse ausüben, weil sie leicht dazu angetan ist, das neuliche Leiden wieder hervorzurufen. Ich muss deshalb nach einer festen Stellung umsehen. Ich hatte geglaubt, dass es möglich sein werde, einmal im Laufe der Jahre innerhalb unseres Bundes, irgendwie eine, wenn auch bescheiden dotierte Stellung, sei es als Redakteur, Generalsekretär oder festangestellter Wanderredner, zu erlangen. Insoweit derartige Stellen in den letzten Jahren vergeben worden sind, sind sie aber anderen Männern gegeben; mitunter merkwürdigerweise wie z. B. die Redaktion der Zeitschrift, Männern, die der Sache nicht die Opfer gebracht haben und erst seit ganz kurzer Zeit in der Bewegung stehen. Ich habe nichts dazu gesagt.

Jetzt habe ich endlich einmal Gelegenheit, eine Stellung annehmen zu können, die einerseits nicht von mir verlangt, dass ich meine Ideen abschwöre, sondern mich gerade als bekannten Monisten und Freidenker besonders willkommen heist, das ist die mir in Aussicht stehende Stellung als Professor der Brüsseler Universität. r Sies würde mir nicht nur das nötige wirtschaftliche Fundament wiedergeben, sondern zugleicht auch || die Möglichkeit, endlich einmal streng wissenschaftliche Arbeiten durchzuführen und endlich auch einmal Wissenschaftliches zu publizieren. Ich hätte weiterhin von dort aus die Möglichkeit, wenn auch in beschränktem Masse, meine propagandistische Tätigkeit für den Monistenbund in Deutschland – ähnlich wie es Professor Broda von Paris aus tut – auszuüben.

Meine Zeugnisse und meine Probevorlesungen u.s.w. haben dort gefallen. Man fragt mich nun, ob ich vielleicht noch eine Empfehlung von Ew. Excellenz beibringen könnte und in der Annahme das Ew. Excellenz mein zwölfjähriges Mitkämpfen für den Monismus genügend bekannt sei und mit Rücksicht darauf, dass Ew. Excellenz wiederholt die Güte hatten, mich bei sich zu empfangen und mit mir mancherlei ernsthafte Dinge zu besprechen, glaubte ich diese Empfehlung den Brüsseler Herren in Aussicht stellen zu dürfen. Wie stehe ich nun da, wenn die ausbleibt!

Ich kann und aberu Ew. Excellenz nicht zu einer Sache überreden, die Sie nicht glauben, vor sich selbst verantworten zu können; der Zweck dieser Zeilen war lediglich, Ew. Excellenz die sachlichen Unterlagen zu einer nochmaligen objektiven Nachprüfung Ihrer Ablehnung zu geben.

In alter Verehrung

Ihr

ergebenster

M. H. Baege

a eingef.: der; b korr. aus: hinbetrachten; c korr. aus: dass; d korr. aus: hinaus schoss; e eingef.: langen; f korr. aus: Gross; g korr. aus: wären; h korr. aus: ander; i gestr.: gegen, eingef.: auch; j korr. aus: philosophische; k korr. aus: dass; l eingef.: des Deutschen Monisten Bundes; m irrtüml. doppelt: wie; n korr. aus: eine; o korr. aus: öffentliche; p eingef.: und; q korr. aus: arbeits unfähig; r gestr.: und; s korr. aus: sie; t korr. aus: zuglaich; u eingef.: aber;

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
25-11-1913
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8261
ID
8261