Bail, Theodor

Theodor Bail an Ernst Haeckel, Danzig, 18. April 1868

Danzig. 18 April. 1868.

Hochgeehrter Herr Professor!

Zu den gemüthlichsten Stunden, an die ich mich erinnere, gehören entschieden die, in denen ich Ihre Bekanntschaft machte. Doch es brauchte zu dieser Bekanntschaft keine Stunden, wir sahen uns, und Ihre Liebenswürdigkeit machte Sie sofort zu meinem treuen Reisegefährten, obgleich das damals (Sie erinnern sich des gährenden Fäßchens) nicht ohne große Aufopferung möglich war. Seit jener Zeit habe ich an Sie stets mit a herzlichster Freundschaft, aufrichtigster Verehrung gedacht, habe Theil genommen an den Leiden und Freuden, welche Sie trafen, und bin mit Bewunderung Ihren ausgedehnten Arbeiten gefolgt. Sie || einmal persönlich wieder zu sehen, war mir bisher versagt, denn seit dem Jahre 60 habe ich im vergangenen Jahre zum ersten Male wieder eine Naturforscher-Versammlung besuchen können, denn dazu bedarf ein Schulmeister des Urlaubs, durch den er seinen schon genügsam beladenen Collegen noch größere Lasten aufbürdet.

Mit derselben Liebenswürdigkeit, mit der Sie mir bei unserm ersten Zusammentreffen begegneten, haben Sie auch vor Kurzem wieder unserm gemeinsamen Freund Dr Hein versprochen, mir zur Erreichung des Zieles behülflich zu sein, worauf meine ganze Sehnsucht gerichtet ist. Wohl hatte ich früher geglaubt, ich würde auch ohne die ursprünglich von mir beabsichtigte akademische Carriere mich glücklich fühlen können, wenn ich mich nur neben den Berufspflichten des || Lehrers an der Förderung der Wissenschaft betheiligte. Allein je weiter ich mich in gewisse Gebiete der Forschung eingearbeitet habe, um so unleidlicher wird es mir, mich von den entwicklungsgeschichtlichen Studien durch 29 wöchentliche Unterrichtsstunden und andere Amtsgeschäfte abziehen zu lassen. Zwar verbringe ich meine meisten Mußestunden und besonders die Ferien am Mikroskope. Aber die letzten sind im Vergleich zu denen der Universitäten, wie Sie wissen, äußerst kurz, und die angestrengte Thätigkeit im Dienste zweier so verschiedener Herren ist so aufreibend, daß ich sie, um meiner 5 Köpfe zählenden Familie willen, nicht für die Dauer werde fortsetzen können. Dabei wachsen Manuskripte und Zeichnungen immer mehr an, es fehlt aber die Zeit, sie zu veröffentlichen. Endlich liegt auch in der Beschränkung des auf der Schule vorzutragenden Stoffes für denjenigen etwas Ermüdendes, der seine Zuhörer bis zu der von der Wissenschaft verrichteten Höhe führen möchte. Gewiß Sie werden sich in meine Lage hineindenken können, || und ich ergreife mit innigster Dankbarkeit Ihr Versprechen, sich an meiner Befreiung aus derselben zu betheiligen. Da Prof. Sachs aus Freiburg nach Würzburg berufen worden ist, habe ich mich an ihn mit der Bitte gewandt, er möge darauf hinwirken, daß ich sein Nachfolger würde. Noch weiß ich nicht, ob er darauf eingehen wird. Vielleicht wären grade die Verhältnisse in Freiburg bei günstigen Empfehlungen für mich geeignet. Ist es Ihnen möglich, dann ersuche ich Sie, mir dort Terrain zu erobern. Ein andrer Ort, wo im Vertrauen gesagt, bald eine Stelle zu besetzen sein dürfte, ist Kiel. Auch dort käme ich sehr gern auf die Candidatenliste. Es wird mir immer schwer, um dergleichen Gefälligkeiten zu bitten, selbst Sie, zu dessen wohlwollender Hülfsbereitschaft ich das festeste Vertrauen hege; aber ich kann ja in dieser Sache nicht für mich selbst wirken. Genauere Mittheilungen über meine Befähigung für den Lehrstuhl als Botaniker b würde jederzeit Geheimrath Göppert in Breslau zu ertheilen bereit sein. Ich würde Ihnen meinen Dank für Ihre gütige Vermittlung auch durch meinen rastlosen Eifer im neuen Amte bezeigen.

Mit den besten Wünschen für Ihr Wohlergehen empfiehlt sich Ihnen herzlichst

Ihr ergebener Dr Bail.

a gestr.: den Gefühlen, b gestr.: ,

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-04-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 8209
ID
8209