Bauer, Karl

Karl Bauer an Ernst Haeckel, München, 14. April 1908

München. 14. April 8. | Ungererstr. 8. III.

Hochgeehrter lieber

Herr Professor!

Tausend Dank für die reichliche Spende! Das war gestern eine freudige Überraschung, als ich vom Atelier heimkam & Ihre Sendung, von meiner Frau ausgepackt, auf dem Tische lag wie eine Bescherung. Und Ihr lieber Brief dazu mit der ehrenden Nachricht, dass meine Goethestudien einen so guten Platz erhalten sollen & die Absicht eines Besuches in Jena nicht abgelehnt wurde.

Schon bei Herrn Walther hatte ich || Gelegenheit einige Aquarelle von Ihnen zu sehen, die so viel Können & Stimmungsgefühl zeigten. Nun ich mehr beisammen sehe, kann ich erst rech beurteilen, wie viel mehr Ihre Kunst über das Dilettantische hinausgeht wie bei Goethe. Man meint Sie müssten laengere Zeit den Beruf des Malers ausgeübt haben, dabei muss man noch in Betracht ziehen, wieviel bei der Reproduktion immer an Wirkung den Originalen gegenüber verloren geht.

Sie sehen also nicht umsonst wie ein grosser Maler aus, namentlich das sonnige Auge erinnert stark an Böcklin. ||

Aber auch ohne dies Alles würden Sie zu unsrer Fakultät gehoeren, denn die Malerei ist doch eigentlich eine Abteilung Ihrer Wissenschaft. Wie diese strebt sie ja auch in erster Linie nach Erfassung der organischen Form und nach Erforschung & Verdeutlichung – wenn auch mit andern Mitteln – der innerlichsten Lebensthätigkeit in der Natur und wie bei der Naturphilosophie muss alles, was sich dem Reiche des Geistes und der Phantasie mehr zuwendet, eng mit der Natur zusammenhaengen, wenn es überzeugen soll. Ihr Einfluss auf die Entwicklung des Modernen Kunstgewerbes durch Ihr so berühmtes || Werk „Kunstformen der Natur“ macht sich überall auffallend bemerkbar.

Von den übersendeten Bildnissen gefallen mir am besten Perscheid 1904, Zeiss-Tessar 1907, Hans Müller 1896, erstere besitze ich schon, letzteres aucha, aber mit Hut, in W. May’s Buch; von den mir neuen finde ich am hervorragendsten Haack 1902, fast ganz von vorne & Tesch’s Heliogravure von 1905, Profil mit Hand.

Wegen der Aehnlichkeit kann ich ja nicht urteilen, aber wenn man viel von Ihren Bildern gesehen hat, wirken diese besonders überzeugend, während z. B. Lenbach trotz der künstlerischen Qualitäten mich so wenig überzeugt, wie G. Max’ Aufnahme.

In Verehrung & Dankbarkeit

grüsst Sie bestens

Ihr ergebener Karl Bauer.

a eingef.: auch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-04-1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7981
ID
7981