Bäumler, Johann Andreas

Johann Andreas Bäumler an Ernst Haeckel, Pressburg, 12. Januar 1918

S. Excellenz Herrn Geheimrat Prof. Dr. Ernst Haeckel

Jena

Ew. Excellenz!

Als langjähriger Verehrer u. überzeugter Anhänger, Ihrer so fest begründeten Lehren, erlaube mir mit folgende Photographien, eines wohl als „Atavismus“ zu betrachtenden Schweinchens mit der Bitte zu übersenden, dieselbe gütigst anzunehmen, lieber hätte wohl das Original gesendet.

Vor Jahren beantragte schon, in einer Ausschuss-Sitzung unseres Vereins, das Original an Sie zu übersenden, denselben Antrag stellte, anlässlich Ihres 80ten Geburtsfestes, mit der motivierung, das dieses seltene Stück, nur in Ihrem phyletischen Museum, den richtigen Platz hat!

Wir haben viele gebildete Männer unter uns, doch leider auch solche, welche Lauf & Geist der Zeit nicht verstehen, ja das Rad der Zeit, am liebsten zurückdrehen würden! diese legten Protest dagegen ein.

Nun ist es mir endlich gelungen, durch meinen Freund Dr. Richard Doht, Chefchemiker der hiesigen Dynamitfabrik, – einem sehr gebildeten fortschrittlichen || Manne u. gleich mir ein überzeugter Verehrer u. Anhänger der Lehren Ew. Excellenz, – gelungene Photographien zu bekommen, welche mit dem Ausdrucke unserer aufrichtigsten Bewunderung, für den grössten Naturforscher, & consequentesten Begründer des Entwicklungsgesetzes, aller Zeiten, sowie charakterfestesten Manne der Wissenschaft, übersenden.

Herr Dr. R. Doht besorgte auch die Abschrift, aus den Verhandlungen des „Vereins für Naturkunde“ zu Pressburg; Band V 1860-1861, selbe wurden damals durch Prof. Dr. G. A. Kornhuber redigiert, derselbe besprach auch den Fall in der am 6. Janner 1860 abgehaltenen Sitzung, (Sitzungsberichte pag. IV.)

Mit dem Wunsche, möge es Ihnen vergönnt sein, in bester Gesundheit, für Ihre Lehren, noch lange in den heißersehnten Frieden, Ihre Verehrer mit manchen „Kristallseelen“ noch zu erfreuen; verbleibe in unbegrenzter Hochachtung, ew. Excellenz ergebenster

J. A. Bäumler

Pressburg am 12. Januar 1918

[Beilage: Abschrift aus den Sitzungsberichten des Vereins für Naturkunde zu Preßburg:]

Se. Excellenz Herr Georg Wilhelm Freiherr von Walterskirchen hat dem Verein, dessen hochgeschätztes Mitglied er ist, durch seinen Wirtschafter Herrn Georg Pischitz ein äusserst merkwürdiges Monstrum vom zahmen Hausschwein übergeben lassen, welches zur Vorlage kam und vom Sekretär Herrn Dr. G. A. Kornbuber erklärt wurde.

Das 3jährige Muttertier gehört der englischen Race an, welche wir wegen ihrer ausserordentlichen Mastfähigkeit bei der Jubelfeier der k. k. Landwirtschaftsgesellschaft in Wien zu bewundern Gelegenheit hatten, und welche Herr Baron von Walterskirchen von Herrn Baron Warel bezog und sie mit bestem Erfolge auf seinem Meierhofe an der Strasse nach Weinern in Reinzucht pflegen lässt. Von den am 2 Januar geworfenen sieben Thierchen waren bis auf das eingesandte todt zur Welt gekommene, sämmtliche normal und lebensfähig und gedeihen ganz frisch. Das monströse Thier gehört zu jener Klasse von Missbildungen, welche etwas mehr besitzen, als ihnen der Idee ihrer Gattung nach zukommen sollte. Es ist nämlich eine Doppelmissbildung, wobei jedoch zugleich eine Verschmelzung (Symphysis) auftritt. Nach dem Systeme der Teratologie von Geoffroy St. Hilaire wäre der vorliegende Fall zu den M. doubles autoritaires und zwar in die zweite Familie der dritten Tribus einzureihen. Es zeigt nämlich am Kopfe in der Mitte des Stirnbeins einen 4''' langen knöchernen Fortsatz, welcher einen cylindrischen 19''' langen und 4 ½''' dicken, der Länge nach durchbohrten häutigen Rüssel trägt, der von einer nahe der Wurzel sich hart anfühlenden (knöchernen) sonst weicheren (knorpeligen), stielrunden Masse gestückt erscheint. ||

Unmittelbar unter diesem Rüssel zeigt sich genau in der Medianlinie des Kopfes ein einziges, grosses (10''' breites) fast kreisrundes Cyklopenauge, äusserlich von regelmässiger, normaler Bildung, nur sind die Lider ausnehmend schmal und das untere ist in der Mitte gespalten. Unmittelbar darunter setzt sich die Haut wieder in einen 13''' langen, kegelförmigen, oben mit queren Wülsten und Falten versehenen, unten von einer Fortsetzung der Schleimhaut der Maulhöhle überkleideten, nur subcutanes Bindegewebe einschliessenden, nicht durchbohrten Rüssel fort, unter welchem die Schleimhaut des harten Gaumens in zahlreiche, beiderseits der Mittellinie liegende und an diesen unten einem Winkel von etwa 70° zusammenstossende Querfalten gelegt nach unten vorragt. Die Spitzen der Oberkiefereckzähne sind beide sichtbar. Ein Unterkieferknochen ist äusserlich gar nicht wahrzunehmen und die Haut bildet statt der Unterlippe eine kurze, halbmondförmige Falte, über welcher die 5''' breite und 1½''' hohe, gleichfalls semilunare Maulöffnung angebracht ist. Die Ohrmuscheln sind von abnormer Grösse, jedoch symmetrisch und normal am Kopfe gestellt. Ihrer Form nach sind es nahezu Trapeze, wo die kürzeren (1''') der zwei parallelen Seiten die Anheftungstelle, die längere (22''') den äusseren freien Rand darstellt. Sie sind nach hinten gerichtet und stehen unter einem Winkel von etwa 50-60° vom übrigen Körper ab. Diese Bildung der äusseren Ohren, sowie jene des oberen Rüssels erinnert lebhaft an den Typus einer anderen Tiergattung derselben Ordnung (Pachidermen), zu welchen das Schwein gehört, daher das Monstrum auch von seinen Bewunderern als ein Ferkel mit Elefantenohren und Rüssel bezeichnet worden war. Der übrige Organismus ist sowohl seiner Grösse, als der Gestalt und Zahl seiner Teile nach normal gebildet.

 

Briefdaten

Gattung
Empfänger
Datierung
12-01-1918
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7950
ID
7950