Beckmann, Otto

Otto Beckmann an Ernst Haeckel, Würzburg, 9. April 1857

Würzburg d. 9. April 57.

Mein lieber Häckel!

In Anbetracht des nahenden Osterfestes, nach dessen Ueberstehung Du dem glücklichen Wien zueilen willst, sehe ich mich genöthigt, meine Frühlingsfaulheit oder besser gesagt, die edle durch laue Frühlingslüfte angeregte Harmonie zwischen den beiden nach Joh. Ballhorn u. A. Gelehrten einen gemeinen Menschen zusammensetzenden Potenzen aufzugeben und Dir trotz des Krebsganges meiner Feder doch von ganzem Herzen wegen Deiner edlen Astacologie meinen Dank auszuschütten. Ich bin zuerst gar nicht aus meinem Erstaunen herausgekommen über die sinnige Allegorie und die zarte Bescheidenheit, die sich in den prachtvoll umgürteten Exemplaren kundgeben, womit Du der strebsamen Würzburger Mikroskopiker Gemüth erquickt hast! Denn ich wußte schon, dass dies Scharlach eine Anspielung auf den Prozess des Kochens sein soll, durch den man verschiedene Arten langschwänziger Crustaceen seinem Gaumen zugänglich macht. Abgesehen davon will ich mich nicht in weitere Betrachtungen einlassen, die doch nur lobender Art sein könnten und Deinem jugendlichen Gemüthe schaden könnten. Soviel, dass Jeder, den ich sprach, Dein opus mit Vergnügen gelesen und dass es mir speziell viel Freude verursacht, kann ich sagen, mehr wird aber noch die Befriedigung, wenn man nicht nöthig hat, sich in diesen barbarischen Ausdrücken, die der Berliner Zopf immer noch liebt, herum zu taumeln. In eine gelehrte Besprechung dieses Opus mich einzulassen, würde mir schon erwünscht sein, wenn ich nicht wüßtea dass Leydig Dir geschrieben. Ich möchte indess doch etwas zu fragen erlauben, nämlich ob Du Dich wirklich von der Contractilität der Membranen der Blutkörperchen überzeugt hast? – Ferner damit auch ein wenig Kritik nicht fehle, möchte ich den Schluss des Muskelabschnittes p. 35, quae singularis muscul. Structe || nicht unterschreiben, da wahrscheinlich die Muskeln nie durch Zusammenlegung von Zellen entstehen, wie man das lange Zeit glaubte, sondern die Primitivbündel oder Theile derselben aus je einer auswachsenden Zelle entstehen. Diese schon seit langem von Reichert und Holst aufgestellte, durch embryologische und pathologische Erfahrungen bestätigte Anschauung ist eine Zeit lang durch Köllikers bestimmten Ausspruch „die Ansicht sei entschieden falsch unterdrückt; vor einigen Tagen zeigte K. mir indess Abbildungen von solchen auswachsenden Muskelzellen, die er jetzt auch gesehen: so rächt sich das Geschick. Du wirst diese kleine Digression wol entschuldigen. Leydig ist fort mit Frau und Kater, ein sichtbares Kind fehlt noch; wir wünschten noch einen Abend ihm unsere Anerkennung vorzuessen, indess wollte er nicht, wie er sich ausdrückte, in Würzburg aus der Rolle fallen. Friedreich und Gegenbaur hatten besonders dazu angeregt, doch ist es auch so gut, da es die Parteien noch mehr getrennt, vielleicht auch erbittert hätte. Deine Exemplare habe ich bis auf wenige angebracht und überall wirst Du die beste Anerkennung finden; Hr Semper ist nicht hier, sondern lernt malaiisch in Hamburg, wird aber wieder kommen und uns in althergebrachter Weise langweilen. Jetzt in den Ferien ist natürlich noch weniger los als sonst, jeder sitzt und arbeitet für sich weg und es ist nur der Ruf Scanzoni’s nach Petersburg, um der Kaiserin den Damm zu halten für 50000 fcs, der einige Gemüther in Aufregung bringt. Der Herr Hofrath wird natürlich gehen, um in Russland berühmt und reich zu werden und – das Weitere wird sich zeigen. Da er bis zum August wegbleibt, so wird es mit der geburtshülflichen Klinik natürlich nicht viel werden, da Hr. J. B. Schmidt grade seiner Guldenliebhaberei wegen nicht beliebt ist. Kölliker ist seit Leydig mit seinem Buch in die Welt getreten, mit erneuter Energie hinter dem Mikroskop und wird die Physiologie dementsprechend || wol eine Zeit lang an den Nagel gehängt werden. Wer vergleichende Anatomie lesen wird, weiss ich nicht, doch scheint Kölliker jetzt selbst darauf zurückzukommen, wahrscheinlich auch nur um Leydig würdig dereinst entgegenzutreten. Uebrigens will ich nicht mehr sagen; es ist aber sonderbar, wie sehr im Allgemeinen die Stimmung gegen K. ist – was natürlich unter uns bleibt. Was meine Wenigkeit oder Kleinigkeit betrifft, so bin ich jetzt einigermassen faul, lese gern Manches, aber mit dem recht ernsten Studium will es nicht so gehen, wie ich gerne möchte. Ich bummle hie und da einmal in Begleitung von Dreier und Boccius und freue mich königlich über die herrlichen Frühlingstage und das mit aller Macht hervorsprossende Blattwerk. Wir haben schon 18° R. Mittags gehabt und unter Beihülfe milden warmen Regens gedeiht Alles zu einer Herrlichkeit, wie man es ja in dem hiesigen Frühling kennt und mit Recht bewundert. Wenn nur das geistige Leben etwas anregender wäre, könnte man schon zufrieden sein, denn die frostigen kleinen Leiden quälen mich recht wenig, obgleich sie nicht zu sprechen sind. Wie gerne möchte ich auch noch ein wenig herumbummeln und meinen Hirnkasten mit allem Guten erfüllen, anstatt hier schon von dem Wenigen, was man weiss, ausbeuteln zu müssen, in Dingen sogar, die uns nicht einmal ans Herz gewachsen sind. Ich fürchte sehr, dass es im Sommer hier leer werden wird. Leerer als je, denn so viel ich sehe und höre, geht fast der gesammte Mediziner fort und es ist nicht möglich, dass so viel neue kommen. In 14 Tagen werde ich wieder so allein sein wie früher und schweigend mein bischen Geist in die Luft führen, damit es nicht ganz verkomme. Indess lass Dir keine unruhigen Gedanken bei diesem Geklage kommen, Du kennst mich und weißt, dass ich darüber hinaus bin, mich viel irritiren zu lassen; in stiller Arbeit finde ich mich dann schon wieder. Meine kleine Arbeit b war ich so frei Dir zu senden; ich bezweifle fast, dass sie Dir irgendwie gefallen wird, aber da Du sie zum Theil hast aufwachsen sehen, so mag das die sonstigen Beschwerden des Lebens ein wenig vergessen lehren. Blasius hat also Berlin verlassen und bin ich recht neugierig, wie ihm sein neuer Wirkungskreis zusagen wird, ich denke recht gut, auch abgesehen von den lieblichen Hoffnungen, die im Hintergrunde des Herbstes winken. Dir wird wol ganz schlimm bei dem Gedanken oder! Was machen die westphälischen || Cousinen, deren Liebenswürdigkeit offenbar einen so grossen Einfluss auf Dich geübt? Ich bin ihnen schon deswegen gut. Call ist heute abgereist, um in Wien sein Müthchen zu kühlen, Du wirst ihn ja dort sehen; ich habe ihn nicht mehr gesprochen seit gestern, da eine kleine Reise nach der Höhe des Edelmannswaldes, die ich zuletzt wie Du wol erinnerst, mit Dir erklimmte, mich zu lange draussen hielt. Es ist noch immer so reizend, wenn auch der Wald noch im Winterkostüm, wie sonst; schon hebt sich das liebe Mainthal in herrlichem Grün schimmernd aus seiner bergigen Einfassung hervor und die liebliche Bläue der langen Rücken des Spessart bildet den schönsten Hintergrund. Einem hereinbrechenden Gewitter sind wir zum Glück noch entgangen. Einen ganzen Schober netter Blumen für meinen Schatz habe ich heimgetragen; an manchen Stellen wimmelte es von Veilchen. Mein schwaches Gebein merkt diese Reise schon, indess hoffe ich, dass ich sonst nur Freude daran habe. Dass Du Wien recht geniessen und benutzen wirst, kann ich mir im Voraus denken, besonders wenn Du die Grillen läßt und das wol reichlich vorhandene schöne wahrnimmst. Ob Du in wissenschaftlicher Beziehung so viel haben wirst, wage ich nicht zu bestimmen, jedenfalls ist Material genug da, um einem denkenden Arzte Stoff genug zu bieten. Focke wird auch nach Wien gehen, die anderen aus der Gesellschaft gehen nach Prag. Ich aber – bleibe hier. Meine wissenschaftlichen Arbeiten sind in der letzten Zeit nicht viel weiter gekommen, wenigstens ist es schwer, kurze Resultate beizubringen. Meine Hauptbeschäftigung sind natürlich immer noch Nieren und ich freue mich so nach und nach zu einem etwas tieferen Verständniss dieses schwierigen Capitels zu gelangen; es ist natürlich noch das Angenehme dabei, dass überallhin sich meine Studien ausdehnen müßen und so gewissermassen von einem Punkte aus sich die Kenntnissnahme erweitert und so allmälig den ganzen Körper in Besitz nimmt. Ich habe neulich einen kleinen Vortrag über die Ernährung der Niere in der physikalischen Gesellschaft gehalten, der ich seit einiger Zeit als Mitglied angehöre. Seit Virchows Fortgang habe ich auch daran kein so lebhaftes Interesse, als sich in der That das rege Leben etwas mehr verwischt hat; die nette Bibliothek kommt mir indess sehr zu Nutzen und Du kannst Dir denken, dass ich manches verschlinge. Von meinem sonstigen Leben ist nichts zu berichten. Der verdrehte Schulmeister von Pfaffenhofen, Bacherl, hat nur neulich im Theater eine Anzahl seiner blödsinnigen und nicht blödsinnigen Dichtungen vorgetragen, wobei mein Zwerchfell sich der lebhaftesten Motion erfreute. Jetzt muss man fasten d.h. redlichst viel Fische und Mehlteig sich in den Leib schlagen, damit man nicht vergesse, dass Seele und Leib 2 Dinge sind. Heilsame Vorrichtung! – Im Uebrigen wünsche ich Dir frohes Fest, Deinem Gemüthe, ungestörte Heiterkeit, Deiner Reise alles Glück. Dreier grüßt bestens und dankt für Dein opus. Wir sehnen uns nach froher Nachricht aus Wien und verbleiben bis dahin

Euer treuer Freund

Otto Beckmann, gebenamst der Kleinec

a gestr.: wünschte; eingef.: wüsste; b gestr.: f; c Text weiter auf dem linken Seitenrand: viel Fische … gebenamst der Kleine

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
09-04-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7821
ID
7821