Beckers, Hans

Hans Beckers an Ernst Haeckel, o. O., 1. März 1917

Donnerstag, den 1. März 1917.

Geehrter Herr Professor!

Bezugnehmend auf Ihre 1915 erschienene Schrift (Ewigkeit) möchte ich mir folgende Zeilen erlauben.

Vor einer Woche erst bin ich auf dieselbe aufmerksam geworden, und da ich von jeher ein besonderer Freund Ihrer geschätzten freigeistigen Werke gewesen, so hatte ich nichts eiligeres zu tun, als mich im Besitz der oben erwähnten Schrift zu bringen.

Mit lebhaftem Interesse habe ich dieselbe zu lesen angefangen, … jedoch ein wenig enttäuscht aus den Händen gelegt.

Bevor ich nun einige Fragen an Sie, Herr Professor, zu richten mir erlaube, möchte ich Sie bitten, meine Worte etwa nicht als Kritik hinnehmen zu wollen – gewiß nicht, es ist mir nur darum zu tun, von Ihnen Aufklärung in einigen Punkten zu erlangen.

Durch eifriges Lesen Ihrer früheren Schriften hat sich mir allmählich die Vermutung aufgedrängt, daß Sie, Herr Professor, sich zum Determinismus bekennen. Ob diese meine Vermutung nun wirklich zutrifft, vermag ich ja mit Bestimmtheit nicht zu sagen – jedoch – ich nehme es an.

„Der Mensch ist ein Produkt seiner Verhältnisse“! Dieser Lehrsatz enthebt den Menschen aber auch der vollen Verantwortlichkeit für sein Tun. Er kann nicht, wie er vielleicht möchte, sondern all sein Handeln bleibt stets mehr oder weniger von der „Macht der Gewohnheit“ beeinflusst. Außerdem … „Gut“ und „Böse“ sieht in jedem Kopfe anders aus, denn was der Eine für „recht“ und „gut“ hält, bildet || manchmal für einen Anderen ein unübersteigbares Hindernis auf dem Wege zur Erreichung des „Guten, Wahren und Schönen“. Und wer vermöchte wohl, ohne der Kritik zum Opfer zu fallen, die Behauptung aufstellen, er allein handele richtig!? Also, hinsichtlich zweier, sich streitenden Parteien darf man ruhig sagen: beide haben Recht. Natürlich jede auch nur von ihrem Standpunkte aus. Eine „absolute Wahrheit“, ein „absolutes Recht“ existiert meiner Ansicht nach, schlechthin nicht. – Oder sollte ich irren, Herr Professor? Nun soll aber jede der Parteien nach besten Kräften einen möglichst harmonischen Ausgleich zu finden bestrebt sein … um der Ruhe willen … oder, … wenn beide ihre Ansicht als die „nur allein seligmachende“ den Anderen aufzudrängen hartnäckig bemüht sind, sich bekämpfen … der Stärkere wird dann siegen!

Der jetzige Krieg bietet ein treffliches Beispiel dafür.

Sie, Herr Professor, – und das ist für mich das unerklärliche in Ihrer eingangs erwähnten Schrift – belegen nun Englands Handeln mit Namen wie: „Seeräuberei“, „Barbarei“ und dgl. Inwieweit diese „Tatsachen“ – die wir auch nur den Zeitungen entnehmen – und eine Zeitung ist auch nur Mittel zum Zwecke der „Wahrheit“ entsprechena – sei dahingestellt. Das unser „liebes Deutschland“ aber auch kein Mittel scheut, um seine Machtgedanken durchzusetzen, beweist der Heeres-Aufstand von 1904–05 zur Genüge. Doch das haben wir ja auch nur aus den Zeitungen – ich selbst habe es von Teilnehmern erfahren – aber auf die damaligen Fälle und die von heute angewandt, hat dieser Zweifel ja den gleichen Wert!

England wehrt sich seiner Haut … wer vermag ihm das zu verargen? Mit welchen Mitteln nun das geschieht, ist, meiner Meinung nach, gleich. Wildmordender Krieg … und strenge Einhaltung völkerrechtlicher Bestimmungen, – wie sonderbar klingt dies doch! ||

Krieg und Barmherzigkeit … zwei, unversöhnliche Gegensätze! Ein solch blutiger Kampf, bei dem unzählige junger Menschenleben hingeschlachtet werden, und das manchmal auf die grausigste Art, ist doch gewiß kein sportliches Vergnügen, bei dem auf „strenge Wahrung“ gewisser, vorher abgemachter Regeln gesehen werden soll.

Es ist vielmehr blutiger Ernst, der hier obwaltet.

„Lügenfeldzug“ nennen Sie Englands Art der Kriegsführung, andere Völker und Nationen durch „falsche Versprechen“ zu sich auf seine Seite, und gegen uns, zu locken. In der Politik ist nun aber die „Lüge“ erlaubt, wie uns schon mancher bedeutende Staatsmann versichert hat – – aber, und das ist nicht übersehen – nicht lügen können, ist noch lange nicht „nicht lügen wollen“!

Ich bin zu Ende, Herr Professor, und wende mich nun an Sie mit der Bitte, mir mit kurzen Worten Ihre Ansicht über das Erwähnte mitzuteilen. Vielleicht sind Sie darüber besser informiert, als ich, und ich möchte auch mein Wissen um einige neue Gedanken bereichern. Übrigens bin ich auch jederzeit sehr gerne bereit jede meiner Ansichten um eine besser begründete einzutauschen.

Es zeichnet ergebenst mit freigeistigem Gruß

Hans Beckers.

Vorstehenden Absender bemerkte ich der Bordzenzur wegen, als Deckadreße, bitte Sie jedoch eine event. Antwort an mich selbst zu richten: Heizer H. B. S.M.S. „Prinzreg. Luitpold“.

a eingef.: der Wahrheit entsprechen

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
01.03.1917
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7814
ID
7814