Bessels, Emil

Emil Bessels an Ernst Haeckel, Washington D. C., 21. Oktober 1875

Smithsonian Institution

Washington, D.C. 21/X/75

Mein lieber Herr Professor!

Am Ende werden Sie bei dem Empfange dieses meines Schreibebriefes schon in dem Besitze des avisirten Paquets, beziehungsweise Kistchens, sein. Es ist eigentlich eine niederträchtige Tollheit, dass ich die Sendung an Sie u. nicht direct an Costenoble richtete, zumal das Manuscript für die Zeitschrift erst heute folgt. Allein ich konnte a nicht voraussehen, was da kommen würde, als ich Ihnen vor Kurzem schrieb. Die arctischen Myosotis, die ich bei den Nordpolfahrten mit in den Kauf nehmen musste, und die seit meiner Rückkehr regelmässig im Frühling und Herbst rheumatische Früchte treiben, quälten mich während der letzten Woche auf so zudringliche Weise, dass ich fast arbeitsunfähig war u. vor Schmerzen, ausser dem Abfertigen meiner unerquicklichen Correcturbogen, absolut nichts thun konnte. Was Sie bezüglich des Inhalts des Kistchens || selbst angeht, ist herzlich wenig: Nur ein Dutzend Photographien u. der Holzstock mit den beiden Thermometern, der meinen kleinen Aufsatz über Sonnenwärme begleiten soll. Derselbe wird vollständig, in etwa 80 Quartseiten in meinen physikalischen Resultaten erscheinen, aber wann, das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Kaum vor den nächsten 6 Monaten, da der Druck so langsam vor sich geht. Ihre Zeitschrift wird also das etwas überraschende Resultat zuerst veröffentlichen. Da keine Tafeln dabei sind, verlange ich wahrscheinlich nicht zuviel, wenn ich um 50 Separatabdrucke unter meiner Adresse nach Heidelberg bitte. Hoffentlich wird Schäffer die Güte haben die Correctur zu besorgen. Um dieselbe zu vereinfachen, liess ich auch die Hauptmasse der Zahlen setzen u. klebte die Blätter ein. Ob die Mittheilung für Ihre Zeitschrift passt, ist eine Frage die nur Sie entscheiden können; allein ich glaube, dass dieselbe nicht ganz unwillkommen sein dürfte, da der Gegenstand allgemeines Interesse hat, die Beobachtungen die ersten ihrer Art sind u. meine hiesige Publication nur in einer Auflage von 500 Exemplaren erscheinen wird, von welchen nur wenige nach Deutschland kommen werden. Hätte Griesbach bei der Abfassung seiner || „Vegetation der Erde“ ähnliche Daten besessen, wie die vorliegende, so wären seine Schlussfolgerungen, bezüglich der Sommerwärme in der Polarregion anders ausgefallen.

Wenn es Ihre Zeit gestatten sollte u. ich nicht zu viel verlange, so möchte ich Sie bitten einen Blick in meine „Skizzen aus dem Hochnorden“ zu werfen u. mir Ihre Ansicht über dieselben mitzutheilen. Ich habe in dieser Beziehung grenzenloses Vertrauen zu Ihnen. Halten Sie das Machwerk für anständig? Rathen Sie mir Anmerkungen an das Ende des Buches zu setzen oder würden Sie dieselben für entbehrlich halten? Wenn ich offen sein soll u. Sie mich nicht der Selbstüberhebung anklagen, so möchte ich Ihnen sagen, dass ich mir Humboldt’s „Ansichten der Natur“ zum Muster nahm. Allein die Schwierigkeit der Behandlung übersteigt alle Grenzen, da es sonderbarer Weise in unserer Sprache an Worten gebricht, die in derjenigen des armseligen Polarmenschen hinlänglich vorhanden sind, so dass Jemand der grönländisch schreiben könnte, weit weniger Wiederholungen zub gebrauchen hätte, als der Deutsche. Ich klage mich an, den grössten Theil der Schilderungen (17 an der Zahl) viermal geschrieben zu haben, denn sonderbarer Weise ging das Manuskript drei Mal im || Schiffbruch verloren. Ob ich klug gehandelt, müssen Andere entscheiden. Mir gewährte indessen die Ausarbeitung immer eine grosse Freude u. ausserdem diente mir der Umstand als Sporn, dass ausser schlecht geschriebenen Reisebeschreibungen, die meist in der Form von Tagebüchern gehalten sind, für den Hohenorden, für dessen Erforschung man schonc über 5 Millionen Pfund Sterling verausgabte, nichts existirt, d was die Grossartigkeit der Natur ordentlich zur Anschauung brachte. Würden Sie den Aufsatz: „Ein Entdeckerschiff vom Winterhafen“ beibehalten? Derselbe stört die Harmonie des Ganzen, ich hielt denselben jedoch für unbedingt nöthig, da beinahee Niemand eine richtige Idee von dem wahren Sachverhalte hat. Dass ich dabei die Saite des Humors ungehindert schwingen liess, geschah aus guten Gründen. Ich glaube, dass ich bei der Schilderung der Winternacht etwas aus der Rolle gefallen bin, da ich der unbelebten Natur Leben ertheilte; allein bei der Anmuth der Bilder war dies nicht anders thunlich. Was meinen Sie dazu? – publiciren?

Ich sehe ein, dass ich Sie zu sehr plage, aber andrerseits möchte ich gerne eine kritische, mahnende || Stimme, mit aller Strenge der Kritik hören, da die Verantwortlichkeit bei der Publication eines solchen Buches groß ist u. ich hier keinerlei Anregung habef. Man pfuscht dabei dem Künstler u. Aesthetiker in’s Handwerk, namentlich dem Letzteren. Die einzige Entschuldigung, die man bieten kann ist die, dass derselbe niemals den Hohenorden aufsuchen u. in demselben überwintern wird. Jemand also muss es thun u. ich scheue mich nicht die Rolle des Sündenbocks zu übernehmen, zumal ich die eines Jonas schon öfter spielen musste, als mir angenehm u. meinen Finanzen u.s.w. zuträglich war. Das Buch soll etwa 220 bis 250 Seiten umfassen u., in Bezug auf Ausstattung wenigstens, ein Prachtwerk werden. Jedes Capitel enthält eine Vignette, einer der Schilderungen (deren Verzeichniss dem ersten Aufsatz beiliegt) eine Karte u. elf davong Kupferstiche. Die Radirungen, werden wegen des hohen Preises mit meinem Verleger einen kleinen Kampf verursachen, allein ich werde darauf bestehen, da weder Holzschnitt noch Stahlstich Befriedigung gewähren. Die Weichheit geht bei denselben unbedingt verloren. Ist es nicht Costenoble, dann muss Engelmann, der meine Reisebeschreibung verlegt, Vater sein. Ich lege Ihnen 2 Proben der Holzschnitte dieses Machwerkes bei, die || Sie vielleicht interessieren dürften. Jedenfalls werde ich Ihnen das Buch, welches eine grosse Anzahl Illustrationen enthält, zur Zeit zu Füssen legen. Ich vergass Ihnen mit dem Reste die beifolgenden Photographien zu schicken. Drei davon stellen Ansichten aus dem Felsengebirge dar, mit den besten Wolkeneffecten, die ich noch je sah; die Vierte dagegen gestattet Ihnen einen Blick in die ordnungsvolle Bude

Ihres

getreuen Dieners

Emil Bessels

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass die beiden Bilder wenn aufgeklebt, ihre Plätze wechseln müssen, um den stereographischen Effect zu erzielen.

a gestr: dass; b gestr.: zu; c eingef.: schon; d gestr.: welches; e eingef.: beinahe; f eingef.: u. ich hier keinerlei Anregung habe; g eingef.: davon

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21.10.1875
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7527
ID
7527