Bessels, Emil

Emil Bessels an Ernst Haeckel, Stuttgart, 3. August 1868

Stuttgart den 3. August 1868.

Geehrter Herr Professor!

Halten Sie mich nicht für undankbar, weil ich Ihnen bis jetzt keine Nachricht über meinen gefassten Entschluss zukommen liess. Oft gedachte ich Ihrer, mich der fröhlichen Tage Jena’s erinnernd, oft fasste ich den Vorsatz Ihnen zu schreiben, allein erst heute komme ich dazu denselben auszuführen; ich hoffe, Sie werden über mein langes Schweigen nicht bösse sein.

Also elend an die Scholle gebunden, was Ihnen Dohrn vielleicht mittheilte. Während ich träumte, jetzt unter Palmen wandeln zu können, sitze ich nun hier in Württembergs Athen, unter einer Sonne, deren Strahlen mit denjenigen tropischer Welten nicht wetteifern können, unter Menschen, die an Plumpheit und ungeschlachtetem Wesen die einfachsten Naturkinder zuweilen übertreffen; mit einem Worte: unter Schwaben. Ich treibe es nicht zu weit, wenn ich sage, dass sich die Honoratioren nur dadurch von den Ur-Kaffern auszeichnen, dass sie einen Cylinderhut tragen, fehlt dieses schöne Stück Meuble, so können Sie einen Ober Studienrath nicht von einem Böblinger Repsbauern – um mit Scheffel zu reden – unterscheiden, Sprache und Benehmen würden schwerlich zu Gunsten des Herrn Ober-Studienrathes sprechen. Aber gutmüthig und bieder sind die Leute, was am Ende Manches ersetzen kann, und es gibt hier gute Demokraten, wenngleich zuweilen etwas verrannt. Ja so! ich sagte Ihnen ja noch nicht wie es mir mit Godeffroy erging.

Ich schrieb also an den Biedermann, dass mir eine äusserst vortheilhafte Stelle geboten sei und ich nun ernstlich bitten müsse, mir etwas Bestimmtes mitzutheilen. Darauf erhielt ich eine Antwort, wie ich sie nicht erwartet hätte; es hiess: „Wir müssen warten, bis uns die Nachrichten aus der Südsee zugekommen sind, früher können wir keinen definitiven Beschluss fassen; dieselben können täglich einlaufen. Dann steht Ihrer Abreise nichts mehr im Wege. Dies ist aber leider Alles, was wir Ihnen heute mittheilen können. Sind die Nachrichten günstig, so hören Sie wieder von uns.“ ||

Das heisst in gutes Deutsch übertragen: Lassen Sie uns einstweilen in Ruhe. Mein Entschluss war alsbald gefasst. Ich schrieb zwei Briefe, einen an Krauss; in welchem ich zusagte, einen andern an Godeffroy, der Hamburger Krämerseele mittheilend, dass ich die mir angebotene Stelle ausgeschlagen habe und nun auf seine weiteren Nachrichten harre, denn um jeden Preis musste ich wissen, was der edle Ritter im Schilde führe. Bis heute habe ich noch keinen Brief von Godeffroy empfangen, sollte er mir wirklich noch schreiben, so werde ich ihm seinen [!] Standpunkt gründlich, im guten Deutsch, klar zu machen suchen. Vorerst habe ich es nicht zu bereuen, die hiesige Stelle angenommen zu haben. Es gibt zwar mitunter langweilige Arbeiten, wie z. B. das Bestimmen usw., doch wenn man diesem Geschäfte vorurtheilsfrei, mit offenen Augen obliegt, was unsere Museums-Zoologen nicht verstehen, so zeigt sich bei jedem Stück die wunderbare Anpassungsfähigkeit des Organismus an seine Umgebung, das Unhaltbare der Species-Krämerei, womit ich meinen guten Krauss tief kränken kann. Als ich vor einiger Zeit, beim Bestimmen von Varanen – die nach Farbe classificirt werden, beinahe wie die Briefmarken – den ganzen Schrank durchmusterte und die schönsten Uebergänge zwischen Varanus niloticus und bivitattus zusammenstellte, da schien sein väterliches Gemüth ganz besonders ergriffen.

Im Ganzen hat man hier sehr wenig wissenschaftliche Anregung; die Leute thun in der Regel nura was ihres Amtes ist, dann wird Bier getrunken. Ausser einem Physiker des hiesigen Polytechnikums und Gustav Jaeger ist Niemand unter die Naturforschern aufzutreiben, der irgendwie begeistert für seine Wissenschaft ist. Jaeger ist ein äusserst geistreicher Mensch und hat in der That oft äusserst gute Gedanken; es ist nur traurig, dass der gute Mann populär schreiben muss, um eine sehr zahlreiche Familie zu ernähren. Er sendet Ihnen seine besten Grüsse. Wenn Sie ein Plätzchen in der jenenser Zeitschrift übrig haben sollten, so bitte ich Sie darüber um Nachricht: Sie sollen alsdann einen an überraschenden Thatsachen äusserst reichen Aufsatz von Jaeger über das Knochen-Wachsthum || erhalten. Die Untersuchungen sind an Menschen, Hirsch, Rind, Schaf, Katze u. Hund durchgeführt. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass das Längenwachsthum des Knochens unter sonst gleichen Umständen in geradem Verhältniss zu seiner mechanischen Leistung steht. Alle Thatsachen sprechen in der schlagendsten Weise für die Descendenz-Theorie. Bitte, schreiben Sie mir bald, ob Sie den Aufsatz in die Zeitschrift nehmen können; Jaeger hatte denselben schon zur Publikation absenden wollen, nur auf meine Bitte hielt er ihn zurück. Können Sie von mir einen kleinen Aufsatz über die Entwicklung u. den morphologischen Werth des kugelförmigen Organes der Amphipoden gebrauchen? Die Geschichte ist noch nicht ganz fertig, da es mir in unserer Wasser armen Gegend an Material fehlt. Ich büsste die hierzu nöthigen Zeichnungen auf einer Reise nach England ein.

Endlich ist es mir gelungen, zub einem Einblick in die Embryologie der Schmetterlinge zu gelangen, indem ich äusserst durchsichtige Eier fand, durch deren Studium man über Vorgänge klar wird, die man an weniger durchsichtigen beobachtet. Die Entwicklung bietet viel Bemerkenswerthes. Man kann 2 Typen der Keimstreif-Bildung beobachten. Eine Erscheinung, die bis jetzt beinahec isolirt * dazustehen scheint, nahm ich bei einer Pyralide wahr. Hier wechseln Dotter u. Blastoderm ihre Stelle. Während die Keimhaut den Dotter anfangs umgibt, wird sie in einem etwas späteren Stadium gänzlich von derselben eingeschlossen. Es kommt hier nicht zur Bildung eines Amnions, was ich bei einer Motte auffand. Leider stehen der Beobachtung viele Hindernisse im Wege. Bemerkenswerth ist die Bildung der Extremitaeten. Ich glaube, dass die ersten Raupen 3 Beinpaare besassen und dass alle Weiteren als von der Raupe erworben betrachtet werden müssen. Während die 3 vorderen sich sogleich mit den Mundtheilen, oder etwas später bilden, sprossen die Afterbeine erst dann hervor, wenn der Embryo schon beinahe fertig gebildet ist und schon 2 Drehungen ausgeführt hat, auch gehen dieselben in das fertiged Insect über, während alle übrigen Anhänge als Imaginalscheiben angelegt werden. Wenn es mir glückt, hinlänglich || Material zusammenzubringen, so werde ich diesen Sommer noch fertig. Die Pyraliden legen ihre Eier nur sehr ungern ab und kommen unter können unter keinen Umständen von ihrer Unterlage entfernt werden ohne Schaden zu leiden. Ich erbaute grosse Gebärhäuser aus Objectträgern, die ich auf Pappe leimte. Legt nun ein Weibchen seine Eier ab, so brauche ich nur den betreffenden Objectträger zu entfernen und durch einen neuen zu ersetzen; auf diese Weise habe ich nicht nöthig die Eier zu berühren.

Soeben werde ich auf eine sehr unangenehme Weise unterbrochen. Ich erhalte ein Telegramm, das mich nach Heidelberg beordert: am Ende muss ich nachträglich noch Soldat werden. Leben Sie wohl, verehrter Herr Professor, es bittet Sie, die Herren Gegenbaur u. Schleicher bestens zu grüssen

Ihr ergebenster

Emil Bessels,

der sich erlaubt, Ihren zoologischen Garten um eine Species zu vermehren.

P. S. Meine Adresse:

Emil Bessels

Königl. Naturalienkabinet. ||

* Einen ähnlichen Vorgang glaube ich bei Myriapoden beobachtet zu haben. Ich hatte aber nur ein Ei, das nach kurzer Zeit zu Grunde ging. Meine ganze Myriapoden-Beute wurde durch die Sonne zu Grunde gerichtet.e

a eingef.: nur; b eingef.: zu; c gestr.: ganz, eingef.: beinahe; d eingef.: fertige; e Text am unteren Rand von Seite 3, mit Einfügungszeichen, eingef.: Einen ähnlichen … Grunde gerichtet.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03.08.1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7510
ID
7510