Bleek, Wilhelm

Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek an Ernst Haeckel, Kapstadt, 18. März 1868

Kapstadt, d. 18. März 1868

Mein lieber Ernst,

Habe vielen Dank für Deinen lieben Brief vom 26 Januar, den ich vor ein paar Tagen erhielt zugleich mit einem von Hrn. Böhlau der Dein Vorwort mir übersandte. Ich danke Dir ganz besonders für das letztere. Ich habe in demselben nichts abgeändert außer in beiden Stellen, in denen Du wünschtest daß ich etwas Näheres Persönliches über mich selbst geben solle. Du wirst aus dem beiliegenden ersehen, was ich habe hineinsetzen lassen. Natürlich wirst Du ändern, was etwa nicht passen sollte, etc. Du brauchst übrigens sonsta das Vorwort nicht wieder nach Weimar zu schicken, da ich eine korrekte Abschrift (die eine Freund für mich gemacht hat) an Böhlaub mit dieser Post zugleich mit der Antwort auf seinen Brief übersandt habe. Er hat mich gebeten einen Satz auf Seite XXI meiner Vorrede („Sowie aber die Astrologie – bis – – seine Schwester ergehen.“) zu streichen. Der Satz ist nicht von besonderer Wichtigkeit; so habe ich ihm gesagt, daß er wegfallen solle, im Falle Du || es auch für besser hält. Im Allgemeinen ist es kritisch, glaube ich, schlechte Politik, die Spitzen einer Ausführungc, die allerdings manchen in die Seite stoßen, aber darum desto mehr die Aufmerksamkeit erregen, abzubrechen. Hast du den Aufsatz von G. Jäger im „Ausland“ gelesen? Neben manchem Kindischem scheint er doch vieles wohl beobachtete, und durchwogene zu enthalten. Im Fall Du nichts dagegen hast, würde es wohl gut sein, eben darauf zu verweisen. – Ich bin jetzt sehr in Anspruch genommen von dem zweiten Theil meiner Vergleichenden Grammatik, der jetzt gedruckt wird; doch ist das Ende dieses Theilsd noch nicht im Manuskript fertig. – Layard’s Birds of South Africa habe ich vorigen Monat einem nach Deutschland zurückgehenden Missionar (Rev. G. Knauer) an Dich addressirte mitgegeben. Solltest Du es nicht sehr bald erhalten, so wende Dich nur an den Inspector des Rheinischen Missionshauses, Dr. Fabri in Bremen. – Es freut mich sehr von Dir und Deiner lieben Frau so gute Nachrichten zu hören. Ich wünschte sehr, daß wir Euch alle || bald einmal wieder sehen könnten; aber dies Jahr geht es doch nicht, vielleicht im Nächsten. Wir werden am Ende dieses Monats in die Stadt ziehen (so daß ich im Winter nahe bei der Bibliothek sein kann, was bei meiner Gesundheit sehr wünschenswerth ist. Wir wohnen jetzt noch vier Englische Meilen von der Kapstadt, in die mich jeden Morgen die Eisenbahn (eine Station ist dicht bei unserm Hause) trägt. – Dann werden alle drei Schwestern meiner Frau bei uns wohnen. Im Allgemeinen geht es uns allen gut. Unsere kleine Edith gedeiht vortrefflich, obschon sie auch etwas Skrofulöses in ihrer Konstitution hat. – Ich weiß nicht ob ich Dir schrieb, daß wir voriges Jahr unseren Arzt Dr. Graff verloren, der g seinem Berufe unterlag, und von dem bei uns herrschenden Fieber (das von dem Hungertyphus in Europa nicht verschieden sein soll) hinweggerafft wurde. Er war einer der Wiener Aulahelden vom Jahre 1848 und dann im Schleswigholsteinischen Kriege gewesen. Er kam dann hierher und ihm folgte eine || deutsche Braut, die er aber im ersten Kindbette verlor. Jahre lang lebte er dann als Misanthrop in einem kleinen Dorfe etwa 20 Englische Meilen vor der Kapstadt. Nach sieben Jahren heirathete er wieder die Tochter eines deutschen Apothekers; und die neuen Sorgen und Hoffnungen veranlassten ihn dann sich nach der Kapstadt überzusiedeln. Wir waren noch besondere Veranlassung zu dieser Übersiedelung, insofern als wir ihn zufällig kennen gelernt, und als Arzt u. Freund hatten schätzen lernen. Er machte an meiner Frau eine Operation, die vorher von den zwei angesehensten Ärzten der Kapstadt in durchaus fehlerhafter Weise versucht war. So wünschten wir ihn sehr als Arzt zu haben, und da viele andere mit uns h darin übereinstimmten, so fand er gleich sehr viel Praktiken, doch war das zu kurz; und bei seinem Tode fand sich sehr wenig (fast gar nichts) für die Wittwe u. vieri Kinder (1 Sohn u. 3 Töchter). Esj gelang uns aber das Interesse so anzuregen, daß eine Sammlung für sie beinahe Tausend Pfund Sterling einbrachte. Diese werden nun hier vortheilhaft angelegt, und von den Zinsen (und möglicherweise von einer ganz kleinen Pension der Regierung, wenn die das Parliament bewilligt) muß sie dann die Kinder in Deutschland zu erziehen suchen, wohin sie wohl nächsten Monat mit ihnen fahren wird. Doch ich muß schließen. Mit herzlichen Grüßen an Dich u. Deine liebe Frau von uns, Dein getreuer

Vetter Wilh. H. I Bleek.

Grüße Schleicher bestens von mir.k ||

a) Wilhelm Bleek hat sich seit bald zwanzig Jahren mit der vergleichenden Erforschung der Südafrikanischen Sprachen beschäftigt, und hat seit 1851 darüber schon eine Reihe von Abhandlungen publicirt. l

„De Nominum Generibus Linguarum Africae Australis, Copticae, Semiticarum aliarumque Sexualium.“ Bonnae 1851. –

„Über Afrikanische Sprachenverwandtschaft“ in den Monatsberichten der Berliner Gesellschaft für Erdkunde, 1853. –

„On the languages of Western and Southern Africa“ in Transactions of the Philological Society, 1855, – No. 4. – ||

The Languages of Mosambique. Vocabularies, etc. London 1856. –

The Library of H. E. Sir George Grey, K.C.B. – Philology. – Vol. I. Africa. m Vol. II. Australia and Polynesia, Cape Townn 1858–59. –

Reynard the Fox in South Africa. – Hottentot Fables and Tales from Original Manuscripts etc. London 1864 –

A Comparative Grammar of South African Languages. Part I. Phonology, 1862; Der zweite Theil o dieser Vergleichenden Grammatik ist jetzt im Drucke begriffen) ||

b) […] gescheut. Um sich wo möglich an Ort und Stelle mit den Sprachen und Völkern Afrikas vertraut zu machen, begleitete er 1854 als wissenschaftlicher Beamter der Englischen Regierung die Expedition zur Erforschung des Benue (Tschadda); Krankheit jedoch zwang ihn die Expedition bevor sie den Niger hinaufstieg, zu verlassen. Nach England zurückgekehrt, traf er dort mit dem neu ernannten Gouverneur der Kapkolonie, Sir George Grey, und dem ersten Bischof von Natal, dem jetzt berühmten Colenso, zusammen. Mit dem letzteren ging Bleek dann im folgenden Jahre nach Natal, und während der anderthalb Jahre, die er in dieser Kolonie und im Zululande war, brachte er viele Monate in den bienenkorbförmigen Hütten der Eingeborenen zu. || (Petermann’s Geographische Mittheilungen, 1855 S. 55, 145, 271, 361–363; 1856, S. 362–373; 1857, S. 99 & 266; 1858; S. 418.) Seitdem wirkte er in der Kapstadt zunächst im Verein mit Sir George Grey, der mit dem regen Interesse, mit dem er alle wissenschaftlichen Bestrebungen zu fördern gewohnt ist, die großen ihm zu Gebote stehenden Mittel benutzte, um eine möglichst reiche Sammlung von Materialien zu einer genauen ethnologischen und philologischen Kenntniß der auf so niederen Kulturzuständen zurückgebliebenen Völker und Sprachen Südafrikas zusammen zu bringen. Diese Sammlung bildet einen Theil der auch anderweitig äußerst werthvollen (namentlich an alten Handschriften reichen) Bibliothek, die Sir George Grey bei seiner Versetzung nach Neu Seeland im Jahre 1861 an die Kap Kolonie schenkte. Neben seiner Stellung als Bibliothekar hat nun Bleek in der Kapstadt auch anderweitig vielseitige Gelegenheit zur näheren Kenntniß jener tiefstehenden Menschenrassen, welche […] ||

Herrn Professor Ernst Haeckel

in Jena

Germany

a eingef.: sonst; b gestr.: ihm; eingef.: an Böhlau; c korr. aus: Ausführungen; d eingef.: dieses Theils; e eingef.: an Dich addresiert; f eingef.: Dr. Graf; g gestr.: sich; h gestr.: den selben; i gestr.: drei; eingef.. vier; j korr. aus: Wir schulden; k Text weiter auf linkem Rand: Grüße Schleicher bestens von mir.; l Text unleserlich gestrichen; m gestr.: 1858; n eingef.: Cape Town; o gestr.: ist

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
18-03-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 7047
ID
7047