Bleek, Wilhelm Heinrich Immanuel

Wilhelm Heinrich Immanuel Bleek an Ernst Haeckel, Kapstadt, 19. November 1867

Kapstadt, 19. Nov. 1867

Lieber Ernst,

Ich habe so eben erfahren, daß es unwahrscheinlich ist, daß irgend eine Englische Ausgabe meiner Abhandlung veranstaltet wird. Wenigstens haben die Verleger in England denen ich die Unternehmung einer Übersetzung angeboten habe, a sie abgelehnt. So kam mit der deutschen Ausgabe nur ohne Weiteres fortgeschritten werden. Würde dies günstigere Bedingungen ergeben? Doch alles das lasse ich in Deinen Händen. Ich möchte nur aber wünschen zu sehn, was Du etwa als Einleitung sagst. Der Rest des Buches kann dann so vom Stapel laufen lassenb . Ich meine im Falle die Einleitung persönliches enthielte; sonst kann ich es Dir natürlich ganz überlassen. Ich habe || mit sehr großem Interesse alles gelesen, was Du mir von Deinem Buche geschickt hast, und danke Dir dafür sehr, obschon ich bedauere, daß ich nicht das ganze Buch hatte, da es Antworten auf viele Fragen, die mich interessiren, versprach. Unsere Tendenz ist im Ganzen und Großen dieselbe, und ist dabei genug Verschiedenheit da, individuellen Anschauungsweise um uns gegenseitig auszugleichen, und die etwaigen, einseitigen Seiten eines jeden von uns für den anderen als Reibungspunkte zu konstituiren. Merkwürdig ist mir nur, c daß während ich mit Dir mich auf demselben Boden zu befinden bewußt bin, ich dies Gefühl Schleichern gegenüber nicht habe. Es ist schwer für mich es zu formuliren; aber ich fühle daß Schleichers Ausgangspunkt und mein eigner und namentlich unsere Betrachtungsweise höchst ver-||schieden sindd . Es mag sein, daß manches in der Verschiedenheit unserer Ausdrucksweise liegt, aber es ist sicher nicht allein das. Ich weiß nicht warum Schleichers Arbeiten mir jetzt immer etwas Unbefriedigendes haben. Er kommt mir häufig zu schnell zu allgemeinen Schlüssen, die mir manchmal klar nicht nur auf sehr schwankenden, sondern ganz falschen Grundlagen zu beruhen scheinen. Es ist sehr möglich, daß er dasselbe Urtheil auch über mich fällt. Ich habe dabei den größten Respekt für ihn persönlich; aber das hindert mich z.B. mich in meinen Arbeiten auf seine zu berufen, etc. Ich bin mir aber bewußt, daß wenn meine Anschauungsweise die natürliche ist, dann seine eine eingermaßen schiefe sein muß, oder vice versa. Meine ist aber eine mehr historische, d.h. genealogsich-vergleichende, seine eine mehr schematisirende, die Sprache mehr äußerlich erfassende. Damit will ich natürlich nicht || sagen, daß selbst wenn ich Recht habe in dieser meiner Ansicht, daß darum Schleichers Arbeiten nicht höchst verdienstlich sind. Es mag auch sein, daß ich mit Schleicher mehr übereinstimme, als mit den meisten andern Sprachvergleichern Deutschlands, deren Worte mir ja jetzt faste gar nicht zu Gesichte kommen. Doch viel mehr als mit Schleicher stimme ich im allgemeinen überein mit Max Müller, ich meine im Ganzen und Großen. – Doch ich muß schließen. Grüße Schleicher trotz alledem sehr von mir,

Dein getreuer Vetter

W. H. I. Bleek.

a gestr.: es; b eingef.: lassen; c gestr.: daß ich fühle; d eingef.: sind; e eingef.: fast

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
19-11-1867
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 7045
ID
7045