Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Bielefeld, 31. März 1919

Bielefeld, 31.3.1919

Sehr verehrter Herr Professor!

Besten Dank für Ihren freundlichen Brief vom 23. d. M., aus dem ich leider ersehe, dass es mit Ihrer Gesundheit nicht so steht, wie ich und mit mir all Ihre Freunde wünschen möchten.

Zu meinem Bedauern höre ich auch von dem Abfall Prof. Schaxels. Ich habe den Herrn vor Jahren einmal in Jena kennen gelernt und muss gestehen, dass er mir schon damals lau vorkam, da er sich dem Monismus gegenüber sehr zögernd zu verhalten schien. Seine neuere Arbeit über biologische Theorien kenne ich leider nicht, möchte sie aber gern lesen. Würde es Ihnen grosse Mühe machen, sie mir auf einige Zeit zu leihen? Ich würde sie bald

wieder zurückschicken. Vielleicht liesse sich etwas darüber schreiben.

Einliegend sende ich Ihnen eine kleine Abhandlung über den alten geologischen Unterricht an der Realschule in Lippstadt, der eben erschienen ist. || Besonders auf Betreiben von Prof. Johannes Walther ist jetzt auf den preussischen Schulen geologischer Unterricht in leider stark verwässerter Gestalt eingeführt worden. Die jetzigen Herren scheinen von diesem Lippstädter Unterricht, der so viel eingehender und geschlossener war, nichts gewusst zu haben. Jetzt soll der geologische Unterricht gewissermassen schon auf der Sexta beginnen und dann tropfenweise bis zur Prima geführt werden. Ich halte das für verkehrt und unzweckmässig. Der Erfolg wird zeigen, dass ich Recht habe.

In den nächsten Tagen hoffe ich Ihnen auch meine Abhandlung über „Die Protozoen im

Unterricht“ schicken zu könne, ich erwarte täglich die Sonderabzüge.

Dass das „Genetische Museum“ nun doch nicht zustande kommen soll, ist sehr bedauerlich. Ich dachte, die Sache wäre perfekt. Was soll denn nun mit Ihrem Haus gemacht werden? Von Dr. H. Schmidt höre ich gar nichts mehr. Zwar hat er mir vor einigen Wochen auf einer Karte mitge-||teilt, dass er in den nächsten Tagen ausführlich schreiben werde, er hat das aber noch nicht getan. Im Unterricht habe ich in den letzten Wochen im Anschluss an die Behandlung des Menschen den Jungen auch etwas über Anthropogenie vorgetragen, was sie lebhaft interessierte. Ich hoffe, dass von dem Gegenstand etwas hängen geblieben ist und dass bei einigen Schülern wenigstens das Interesse an der Frage dauernd sein wird. Leider hört meine Kriegstätigkeit an der Schule jetzt mit Semesterschluss auf. Nach dem was ich von jüngeren Herren aus dem Fach gesehen und erfahren habe, wird der Unterricht sich in ausgefahrenen Geleisen bewegen. Die biologische Ausbildung der jungen Herren lässt sehr viel zu wünschen übrig. Einer der Herren verwechselte neulich bei einer Probelektion Assimilation mit Dissimilation und liess in der pflanzlichen Zelle statt Kohlehydrate Kohlensäure entstehen. Den Fehler merkte sogar der naturwissenschaftlich nur wenig orientierte Direktor und war erstaunt über diese Unkenntnisse. Der Herr wurde || denn auch abgelehnt. Ein eigentlicher Nachfolger ist für mich noch nicht da. Wenn bis zum Schluss der Ferien keiner gefunden ist, werde ich noch einige Zeit an der Schule bleiben.

Mit den besten Wünschen über Ihr Befinden und mit herzlichen Grüssen in alter Treue

Ihr dankbarer

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
31-03-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6200
ID
6200