Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Bielefeld, 15. März 2018

DR. WILHELM BREITENBACH

BIELEFELD, 15.3.1917

Zastrowstr. 29.

Sehr geehrter Herr Professor!

Vor einigen Tagen erhielt ich die Schrift des Züricher Privatdozenten Adolf Naef über „Die individuelle Entwicklung organischer Formen als Urkunde ihrer Stammesgeschichte.“ Ich habe die Schrift mit grossem Interesse gelesen. Manche Aufstellungen des Verfassers sind gut und berechtigt, andere wieder sind einseitig und wohl auch zu weit gehend, noch andere erscheinen mir schief und unhaltbar, oft sogar recht unverständlich zu sein.

Gleich die Einführung des Begriffes „Systematische Morphologie“ statt „Genereller Morphologie“ ist wertlos, weil der Naef‘sche Begriff durchaus keine Verbesserung vorstellt.

Im allgemeinen stimmt Naef ja dem Biogenetischen Grundgesetz zu. Er geht aber doch wohl weit, wenn er die Embryonalentwicklung als eine völlig sichere Urkunde für die historische Entwicklung der Art betrachtet. Diese übertriebene Vorstellung, die man || bei einseitigen Embryologen häufiger findet, führt ihn dann folgerichtig dazu, den Begriff der Caenogenese zu verwerfen. Ohne diesen Begriff kommen wir aber kaum aus.

Der Satz, dass die Ontogenese der abgeänderten Nachkommen als die abgeänderte Wiederholung der Ontogenese der Stammformen aufzufassen ist, scheint mir nicht neu zu sein. Schon Arnold Lang hat ja gezeigt, dass die Naupliusform nicht die Wiederholung eines

Endstadiums ist, sondern die Wiederholung einer ontogenetischen Larvenform [ist].

In ähnlicher Weise stecken in manchen Sätzen Naefs, trotz ihrer neunen Fassung, alte Dinge.

Erfreulicherweise ist, dass Naef die Berechtigung vertritt, Übergangsformen zu rekonstruieren

und sie in bestimmte Lücken zu setzen oder an Stellen, an denen man Abzweigungen des Stammbaumes voraussetzen muss.

In der Wertschätzung der historischen Betrachtung überhaupt nähert sich Naef ebenfalls

Ihren Anschauungen und demgemäss muss er natürlich auch ein Gegner der Entwicklungsmechaniker sein.

Wenn man auch in Einzelheiten manches gegen || Naef sagen kann, so ist doch die

Hauptsache, dass er den Grundgedanken des Biogenetischen Grundgesetzes in origineller

Weise vertritt und die Individualentwicklung eine stammesgeschichtliche Urkunde nennt. Auch bei diesem Gelehrten sieht man wieder, wie Recht Sie mit Ihrer immer wiederholten

Bemerkung haben, dass man ein wahres Verständnis des Gesetzes nur gewinnen kann, wenn man in kritischer Weise Embryologie, vergleichende Anatomie und Paläontologie berücksichtigt. Die meisten angreifbaren Stellen in der Arbeit Naefs rühren daher, dass der Verfasser einseitig sich lediglich auf Embryologie stützt.

Die Kohlenkalamität wird selbst hier, in der nächsten Nähe des Kohlengebietes, immer

schlimmer. Soeben wird bekannt gemacht, dass das Elektrizitätswerk wegen Kohlenmangel

seinen Betrieb zur Hälfte einstellen muss. Der Magistrat macht bekannt, dass es bis zur nächsten Ernte keine Kartoffeln mehr gebe. Das Brod soll auch knapper werden. Die Rüben

beginnen zu faulen. Das Hungergespenst rückt näher und an keiner Front Aussicht auf irgend eine grosse || Entscheidung. Wir gehen sehr schlimmen Zeiten entgegen, schlimmeren wie die meisten Menschen auch nur ahnen. Unter den jetzigen Umständen kann man auf das Ergebnis der neuen 15 Milliarden-Anleihe doppelt gespannt sein. Ueberall ist die Hoffnung, dass der Krieg im Herbst zu Ende geht. Ich glaube nicht daran, denn ich sehe auf keiner Stelle eine Möglichkeit, eine grosse Entscheidung herbeizuführen.

Meine kleine Schrift ist viel gekauft worden und es wird augenblicklich eine zweite Auflage gedruckt. Prof. Duisberg, der mir schrieb, dass er eine kleine Stiftung für dort gemacht habe, hat mehrere Hundert Exemplare bezogen.

Mit herzlichsten Grüssen in alter Treue

Ihr ergebenster Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-03-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6185
ID
6185