Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 27. April 1906

DR. W. BREITENBACH

BUCHDRUCKEREI UND VERLAG.

BRACKWEDER ZEITUNG.

BRACKWEDE, 27. April 1906

Sehr geehrter Herr Professor,

in der Rheinisch-Westfälischen Zeitung zu Essen von heute finde ich die zwei einliegenden Notizen, die Sie gerade in Ihrem Nebeneinanderstehen interessiren werden. Besonders die letzte Notiz verdient unsere ganze Aufmerksamkeit und ich bin fast überzeugt davon, dass die Gründung dieser schwarzen Gesellschaft mit der Gründung unseres Monistenbundes irgendwie zusammenhängt. Diese Gesellschaft aber wird ohne Zweifel ganz anders und viel energischer vorgehen wie unser Bund das bisher getan hat, von dem man ja überhaupt noch nichts gesehen und gehört hat. Soviel ich die Herren Schwarzen kenne, und ich kenne sie gründlich, verfügen sie über die nötigen Mittel und werden nun bald nicht nur zahlreiche billige Schriften herausgeben, sondern auch überall Vorträge halten lassen, in || denen sie uns entgegen treten und ihre veraltete Weltanschauung vertreten.

Sie werden mit einem Wort das ausführen, was ich als dringendste Aufgabe unseres Bundes

bezeichnet habe, Schriften herausgeben und Vorträge halten.

Ich bin jetzt mit dem Monistenbund seit September vorigen Jahres beschäftigt, die formelle

Gründung des Bundes ist nach vieler Arbeit erfolgt, wir haben einen Vorsitzenden gewählt,

aber dieser will nicht, dass wir eine Agitation für den Bund beginnen. Ich verstehe das nicht und habe so meine eigenen Gedanken darüber. Wenn Sie nun aber die beiliegende Notiz über die katholische Gründung betrachten und wissen, dass diese Leute energisch vorgehen werden, so müssen Sie zu dem Schluss kommen, dass das Verhalten des Herrn Kalthoff absolut falsch ist und nur dazu beitragen kann, die wenigen Sympthieen, die wir bisher gefunden haben, vollends einzubüssen. Dass ausserdem uns, den eigentlichen Gründern des Bundes, die Lust vergeht, noch weiter mitzumachen, wenn wir keinen Fortschritt sehen, das ist auch || nicht verwunderlich. Wie mir, so geht es verschiedenen Herren des Ausschusses, mit denen ich in letzter Zeit gesprochen habe. Es wird nötig sein, auf der demnächstigen Conferenz, an der ich, wenn eben möglich, teilzunehmen gedenke, einmal recht deutlich zu sprechen. Wenn wir dann nicht endlich zu positiven Arbeiten kommen, gebe ich alle Hoffnung auf. Fast vier Monate besteht der Bund und es ist eigentlich noch nichts geschehen und nun steht der Sommer bevor, in dem nach Kalthoffs Ansicht die Arbeit auch noch ruhen soll. Glauben Sie mir, verehrter Herr Professor, wir verlieren unsere besten Freunde, wenn die Sache so weiter geht. Wir sind vor einem halben Jahre mit Begeisterung und unter erheblichen Opfern an die Sache herangegangen und haben denn auch die Gründung fertig gebracht. Nun aber werden wir in unseren Absichten und Arbeiten auf Tritt und Schritt gehindert. Sie können sich denken, dass Leute wie Carstens alle Lust verlieren ihre Mittel noch weiter in den Dienst der Sache zu || stellen.

Ich bitte Sie dringend, Ihren Einfluss geltend zu machen, dass doch endlich mit der wirklichen

Arbeit begonnen wird. Die Zahl der Herren, die sich bisher als Mitglieder gemeldet haben, ist so lächerlich klein, dass ich mich wirklich scheue, sie Bekannten gegenüber zu nennen. Wir hätten bei energischer und zielbewusster Arbeit unbedingt schon Tausende von Mitgliedern haben müssen und auch bekommen.

Verzeihen Sie mir, verehrter Herr Professor, diese pessimistischen Aeusserungen, aber ich

kann mir nicht helfen, sie sind der Ausdruck meiner ehrlichen Ueberzeugung und es ist mir gar nicht angenehm, sie niederlegen zu müssen. Ich wollte Ihnen aber doch einmal zeigen, wie die Stimmung bei unseren besten Freunden ist.

Hoffentlich also auf Wiedersehen am 9. Mai.

Mit den besten Grüssen verbleibe ich wie immer

Ihr ergebenster treuer Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
27-04-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6016
ID
6016