Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Brackwede, 9. März 1906

DEUTSCHER MONISTENBUND

JENA

Brackwede, 9. März 1906

Sehr geehrter Herr Professor,

nach meiner Rückkehr aus Bremen habe ich das Bedürfnis Ihnen einige Zeilen über die

Eindrücke zu schreiben, die ich dort empfangen habe. Es war für mich ein sonderbares Gefühl, mit nicht weniger als drei Pfarrern zusammen zu sitzen, um die Organisation des

Monistenbundes zu beraten. Es mögen das gewiss sehr feinsinnige Männer sein, immer aber steht doch noch die Religion im Mittelpunkt ihres Denkens und sie selbst mitten in der Kirche. Es will mir nicht recht in den Sinn, wie ein Mann, der sich Monist nennt, Kinder tauft, konfimirt, im Talar Sonntags auf die Kanzel steigt und predigt, kurzum eben Pfarrer ist und bleibt. Ich habe das bestimmte Gefühl, dass die meisten der Leute, die unserem Bunde beitreten, das tun, weil sie durch das Studium naturwissenschaftlicher Werke, nicht am wenigsten der Ihrigen, zur monistischen Abschauung gelangt || sind. Nicht aber denken sie dabei an die modernen religiösen Probleme, wie das Christusproblem u. dgl. Wer einmal zum naturwissenschaftlichen Monismus sich bekennt, um diesen Ausdruck zu gebrauchen, der hat für die Kirchen und ihre Probleme doch wohl nur noch wenig Interesse.

Er erwartet vom Monistenbunde jedenfalls keine Schriften über solche Fragen, sondern über naturwissenschaftliche Dinge. Ich verkenne gewiss nicht, dass in unserem Bunde auch die religiösen Probleme besprochen werden müssen, aber ich würde es doch lebhaft bedauern, wenn Pfarrer bei uns irgendwie die Richtung des Bundes massgebend bestimmen.

Der Monismus, wie wir ihn auffassen, ist aus der Naturforschung heraus geboren, er will den Menschen eine naturwissenschaftliche Welterkenntnis vermitteln, in der das Christentum, auch das der modernen Theologie nicht, keinen Platz hat. Zum mindesten ist es entbehrlich. Wenn mich nicht alles täuscht, müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass die || theologische Richtung bei uns nicht das Uebergewicht erhält. Dadurch würde der Bund nach meinem Gefühl in eine ganz falsche Richtung gedrängt und schliesslich nichts weiter werden als eine Art freireligiöser Gemeinde. Der Bund soll sich aber nicht für eine bestimmte Richtung festlegen lassen, sondern unter seinen Fittichen sollen alle Bestrebungen Platz haben, die grundsätzlich auf monistischem Boden stehen.

Ich halte es für sehr wichtig, dass wir mit der Agitation für unsere Sache nicht, wie Kalthoff

wollte, bis zum nächsten Herbst warten, sondern gleich beginnen. So diesem Zweck müsste Dr. Schmidt seine Programmschrift schnell fertig stellen, damit sie einmal allen sich Meldenden eingesandt werden kann und dann auch noch nebenher im Buchhandel vertrieben werde. In unserer schnelllebigen Zeit ist der schnell vergessen, der nicht immer wieder von sich reden macht. Wollen wir den ganzen Sommer über rein || nichts machen, so wird uns im Herbst und Winter kein Mensch mehr kennen, und unsere seitherigen Mitglieder werden fragen: Ja, besteht denn eure Aufgabe nur darin, Geld zu sammeln? Dafür danken wir bestens. Der Effect wird der Austritt vieler Mitglieder sein. Die Anfänge unserer Bewegung sind ja ganz gut. Es heisst jetzt die Sache energisch anfassen und in die richtigen Bahnen zu leiten. Diese Bahnen dürfen aber nicht zu theologisch sein.

Ich habe Ihnen, verehrter Herr Professor, ganz offen meine Meinung gesagt und hoffe, dass Sie glauben werden, sie ist nur dictirt von dem grossen und aufrichtigen Interesse an unserer gemeinsamen Sache. Ich wünsche aber, dass der Naturwissenschaft die ihr gebührende erste Stelle im Monistenbunde erhalten bleibe und dass sie nicht zur ancilla theologiae werde.

Mit den herzlichen Wünschen für Ihre Gesundheit und mit den besten Grüssen bin ich

Ihr treu ergebener Schüler Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
09-03-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 6015
ID
6015