Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an August Freiherr von Türcke (Kurator), Jena, 5. Mai 1881

Abschrift

Jena, den 5. Mai 1881

Gesuch des Professors Dr. Ernst

Haeckel um Urlaub für das

Wintersemester 1881/82.

Hochgeehrter Herr Curator!

Während der zwanzig Jahre, welche ich nunmehr als Docent der Zoologie an der Universität Jena thätig bin, bestrebte ich mich hauptsächlich dasjenige Forschungs-Gebiet, welchem von Anfang an meine besondere Neigung zugewendet war, das Formen-Gebiet der niederen Seethiere, immer vollständiger kennen zu lernen und auszubauen. Eine Reihe von Arbeiten, welche großentheils in der Jenaischen Zeitschrift für Naturwissenschaft und in den Jenaischen Denkschriften veröffentlicht wurden, legen für die erlangten Resultate Zeugniß ab, insbesondere die Monographie der Radiolarien (1862), der Gorgoniden (1865), der Siphonophoren (1869), der Moneren (1870), der Kalkschwämme (1872), der Medusen (1880). Zur Ausführung dieser Studien unternahm ich zahlreiche Reisen an die Meeresküste, hauptsächlich an das Mittelmeer und die atlantischen Küsten von Europa, ferner nach den canarischen Inseln und dem rothen Meere. Hierbei wurden mir immer mehr die großen Lücken in dem genannten Forschungs-Gebiete fühlbar, welche durch unsere unvollständige Kenntniß der entfernteren Meeresküsten bedingt sind, und ganz besonders in jener Erd-Zone, in || welcher das organische Leben unseres Erdballes seine höchste Entfaltung und seinen größten Reichthum erlangt, in der Tropen-Zone. Immer mehr befestigte sich dabei zugleich in mir der lange gehegte Wunsch, einmal ein halbes Jahr an der Küste eines Tropen-Meeres arbeiten und mit Hülfe meiner vieljährigen Erfahrungen einen Theil der dort noch verborgenen wissenschaftlichen Schätze heben zu können.

Ein günstiges Zusammentreffen von mehreren Umständen läßt mir nur den nächsten Winter als den geeigneten Zeitpunkt dafür erscheinen, jenen längst vorbereiteten Plan endlich zur Ausführung zu bringen. Ich beabsichtige im nächsten Herbst (September) direct (via Suez) nach Ceylon zu reisen und an den Küsten dieser Insel, eventuell auch an anderen, benachbarten Küsten-Puncten des indischen Oceans 4‒5 Monate hindurch ausgedehnte zoologische Untersuchungen anzustellen, sodann im April 1882 zurückzukehren. Von Seiten der englischen Regierung stehen mir dafür gewichtige Empfehlungen sowie von Seiten der Berliner Academie der Wissenschaften eine nahmhafte Unterstützung zur Deckung der sehr beträchtlichen Reisekosten in sicherer Aussicht.

Sie, hochgeehrter Herr Curator, ersuche ich nunmehr, mir den erforderlichen Urlaub für das Wintersemester 1881/82 bei den Durchlauchtigsten Erhaltern der Universität Jena gütigst vermitteln zu wollen. Ich darf auf dessen Gewährung wohl um so sicherer hoffen, als mir bereits || bei Ablehnung meiner letzten Berufung (nach Bonn 1874) ein halbjähriger Urlaub für den genannten Zweck von Seiten des hohen Staats-Ministeriums bereitwilligst in Aussicht gestellt wurde.

Für eine vollständige Vertretung meiner Vorlesungen ist dadurch bestens gesorgt, daß mein früherer Schüler und jetziger College, Professor Richard Hertwig (junior) sich mit Freuden bereit erklärt hat, sowohl die theoretischen Vorlesungen als die praktischen Uebungen über Zoologie an meiner Stelle und in meinem Sinne zu übernehmen.

Sehr erwünscht würde es natürlich sein, wenn das hohe Staats-Ministerium mir für die Vermehrung der Zoologischen Sammlung größere Summen zur Disposition stellen wollte. Die auf dieser Reise gebotene Gelegenheit, seltene und werthvolle Gegenstände für das hiesige Zoologische Museum zu sammeln, ist vorzüglich günstig, und ich würde dieselbe mit Freuden nach Kräften auszubeuten suchen.

Indem ich Sie, hochgeehrter Herr Curator, ersuche, auch auf diesen Punkt die geneigte Aufmerksamkeit des hohen Staats-Ministeriums zu lenken, und indem ich der Erfüllung meiner ergebensten Bitte vertrauensvoll entgegensehe, bleibe ich in vorzüglichster Hochachtung

Ihr ergebenster

Prof. Dr. Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
05-05-1881
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
LATh-StA Altenburg
Signatur
Gesamtministerium, Nr. 1277, Bl. 107r‒108r
ID
50173