Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Karl Ritter von Stremayr, Minister, [Jena, ca. 25. Januar 1871]

Hochgebietender Herr Staatsminister!

Es ist heute ein Monat verflossen, seit ich a die Antwort auf das Schreiben absandte, durch welches Euer Excellenz mir den Antrag stellten, die durch den Tod von Prof. Kner erledigte Lehrkanzel der Zoologie an der Universität Wien zu übernehmen. Ew. Excellenz hatten in diesem Schreiben die Güte gehabt, mir eine vorläufigeb, vertrauliche und rückhaltlose Äußerung über die Bedingungenc zu gestatten, welche ich bei eventueller Annahme jener Professur d zu stellen haben würde, und ich hatte, Ihrem gütigen Vertrauen entsprechend, diejenigen Wünsche, welche sich mir dabei zunächst aufdrängten, gleichsam als Praeliminarien weiterer Verhandlungen, offen ausgesprochene. Da nun in der seither verflossenen Monatsfrist keine Rückäußerung von Seiten Euer Excellenz darüber an mich gelangt ist, glaube ich annehmen zu müssen, daß der Erfüllung jener Wünsche unübersteigliche Hindernisse im Wege stehen, und will nicht länger zögern, Euer Excellenz diejenigen Anschauungen über die Wiener Zoologie Professurf mitzutheilen, welche sich mir im Verlaufe der letzten Wochen aufgedrängt haben. ||

Aus mehrfachen Erkundigungen, welche ich von verschiedenen Seiten über die Verhältnisse der fraglichen Professur eingezogen habe, scheint mir übereinstimmend hervorzugehen, daß mir dieselbe nicht die unbeschränkte Freiheitg und die völlige Unabhängigkeit wird bieten können, auf welche ich für meine ganze Thätigkeit das größte Gewicht lege und welche ich hier in Jena thatsächlich stets genossen habe. Das Verhältniß zu dem zweiten Wiener Zoologen, Professor Schmarda, welches ich in meinem ersten Schreiben an Euer Excellenz nicht berührt hatte, scheint mir doch nach dem, was ich inzwischen darüber vernommen habe, h sich schwerlich zu meiner vollen Befriedigungi gestalten zu lassen. j Die gemeinsame Benutzung der Sammlungen, die abwechselnde Übernahme der Examina und die daran sich knüpfenden Verhältnisse würden vermuthlich zu Conflicten geführt haben, welche mir meine Stellung in hohem Grade gerade erschwert, wenn nicht völlig verleidet haben würden. Völlige Unabhängigkeit in jeder Beziehung, völlige Selbstständigkeit in der Direction des zoologischen Instituts und der zoologischen Sammlung, wie ich sie hier genieße, stehen für mich || wie ich dies Euer Excellenz bereits in meinem ersten Schreiben ausgesprochen habe, in erster Linie. Nach dem, was ich inzwischen erfahren habe, sind aber die Umständek der Wiener zoologischen Professur gerade in dieser Beziehung sehr ungünstig und so beschaffen, daß sich wohl schwerlich ein befriedigendes Verhältniß würde herstellen lassen. l ||

Während diese und andere reifliche Erwägungen mich zu der Überzeugung führten, daß die Wienerm Professur n mir das nicht voll ersetzen kann, was ich hier aufgebe, haben inzwischen meine hiesigen Verhältnisse sich so verändert, daß ich sie mit noch o verstärktem Widerstreben aufgeben würde. Die hiesige Regierung, die während meiner hiesigen zehnjährigen Wirksamkeit stets in der liebevollsten Weise meinen Wünschen und Bedürfnissen entgegengekommen ist, hat Alles gethan, um mich noch mehr an Jena zu fesseln und meine hiesige Stellung so angenehm als möglich zu machen. p

Euer Excellenz werden es unter diesen Umständen entschuldigen, wenn ich dieq mir von Ihnen gewordene ehrenvolle Berufung dankend ablehne und das Verbleiben in dem hiesigen bescheideneren, aber meiner Individualität mehr zusagenden Wirkungskreis der glänzenden akademischen Laufbahn in Wien vorziehe. Indem diese Entschließung als das Ergebniß reiflichster Erwägung Euer Excellenz mitzutheilen, die Ehre habe, will ich r nicht verfehlen, Euer Excellenz nochmals meinen aufrichtigen Dank für das mir zu Teil gewordene Vertrauen auszusprechen, und die Versicherung der vorzüglichsten Verehrung s zu wiederholen, mit der ich verbleibe

Euer Excellenz ergebenster

E. Haeckel

a gestr.: an Ew. Exzellenz; b eingef.: vorläufige; c gestr.: Wünsche; eingef.: Bedingungen; d gestr.: aus; e gestr.: mitgetheilt; eingef.: ausgesprochen; f eingef.: die Wiener Zoologie Professur; g gestr.: diejenige; eingef.: die unbeschränkte Freiheit; h gestr.: nicht; i eingef.: zu meiner vollen Befriedigung; j gestr.: das Wiederholt; k gestr.: Verhältnisse; eingef.: Umstände; l gestr.: Wie ich ferner vernehme, scheint die philosophische Facultät der Wiener Universität meine Berufung nicht sowohl für das Lehrfach der Zoologie überhaupt, als vielmehr für allgemeine Entwicklungslehre ins Auge gefaßt zu haben. Wenn ich meine schriftstellerische und Lehrtätigkeit auf diese Disciplin, die allerdings mein Lieblingsfach und das Hauptobject meiner Arbeiten ist, beschränken sollte, so würde ich allerdings sowohl Institut und Sammlung in Wien, als auch marines Observatorium in Triest entbehren können. So verlockend mir aber einerseits jene Beschränkung erscheint, so kann ich mich doch andererseits nicht entschließen, die specielle zoologische Seite meiner Thätigkeit aufzugeben. Ich erblicke in dieser und ihrer fortgesetzten Pflege die sichere Basis, welche ich für meine allgemeinen naturphilosophischen Arbeiten nicht entbehren kann; m eingef.: Wiener; n gestr.: der Zool.; o gestr.: mehr; p gestr.: Außerdem hält mich als starker Anker der Kreis von gleichgesinnten Naturforschern, in dem ich hier lebe, und für den ich in Wien voraussichtlich keinen Ersatz finden würde; q irrtüml.: das; r gestr.: Ih; s gestr.: entgegen

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
ca. 25.01.1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Wien
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 49585
ID
49585