Rosenthal, Eduard

Eduard Rosenthal, Prorektor der Universität Jena, an Ernst Haeckel (Konzept), Jena, 15. Februar 1914

Grossherzoglich und Herzoglich Sächs.

Gesamt-Universität

Der Prorektor.

Jena, den 15. Februar 1914.

Exzellenz,

Hochverehrter Herr Kollege!

Acht Jahrzehnte eines an wissenschaftlicher Arbeit und erfolgenreichen Lebens haben sie am 16. Februar durchmessen.

Wenn Tausende von Freunden und Verehrern Ihrer an diesem Tage gratulierend gedenken, so wird doch niemand außer den Ihrigen mit den innigeren Empfindungen Ihnen nahen als die Jenaer Hochschule, jene alte wissenschaftliche Körperschaft, der Euer Exzellenz seit mehr den einem halben Säkulum angehören und mit der Sie aufs innigste verbunden geblieben sind.

Die seltene Treue, die Sie der Thüringischen Landesuniversität bewiesen, indem Sie lockendere Rufe an grosse Hochschulen abwiesen, erwidert unsere Alma mater mit warmer Anhänglichkeit und herzlicher Verehrung. Der Ruhm Ihres Namens umstrahlt mit seinem Glanze unser Jena und ruft in unsere Erinnerung zurück, was Sie uns gewesen, seitdem Sie der unsrige geworden.

Selbstverständlich ziemt es uns als einer gelehrten Körperschaft nicht, in erster Linie zu || gedenken Ihrer populären Schriften mit ihrer ungeheuren Wirkung auf die Massen der Gebildeten. Wir erinnern uns am heutigen Tage Ihrer monumentalen gelehrten Forschungen, der Monographie der Radiolarien, jener von autoritativer Seite als eine der größten Zierden der neueren zoologischen Literatur bezeichnete Arbeit, mit der Sie bei Ihrem Eintritt in die Gelehrtenwelt Ihre Hauptdisziplin, die Zoologie, schon vor mehr als einem halben Jahrhundert grundlegend bereichert haben. Wir denken daran, wie Sie als Apostel Darwins durch Ihre „Generelle Morphologie der Organismen“ als ein sieghafter Verkünder des Entwicklungsgedankens bahnbrechend und umgestaltend auf die Biologie und die gesamten Naturwissenschaften gewirkt haben. Zahllosen gelehrten Monographien und Abhandlungen haben Sie in bewundernswürdig reicher Forscherarbeit mit seltener Arbeitsfreude und bewundernswerter Arbeitsfrische die wissenschaftliche Erkenntnis gefördert und Tausende wissensdurstige Jünglinge als Lehrer zielweisend geführt.

Dass sie auch das Glück haben, eine Schar von talentvollen Schülern heute als Kollegen an deutschen Hochschulen an hervorragender Stelle in erfolgreichem Wirkungskreise tätig zu sehen, mag den Rückblick auf Ihre gesegnete akademische Tätigkeit an unsere Alma mater Jenensis mit heller Freude durchleuchten.

Allen ihren dankbaren Schülern wird aber Ihre ehrwürdige Gestalt als die eines unerschrockenen freimütigen Verkünders seiner wissenschaftlichen Überzeugung, als des mutigen Vorkämpfers für die Freiheit der Lehre erscheinen.

Wenn wir aber nur Ihre wissenschaftlichen Verdienste würdigen wollten, so würden wir Ihrer Bedeutung nicht voll gerecht. Denn in schönster Harmonie vermählt sich in Ihnen mit dem Drange des wissenschaftlichen Forschers nach Erkenntnis der Wahrheit die künstlerische Erfassung der Schönheit der Natur, sei es, dass sie die Kunstkunstformen der Natur oder die Naturwunder der Tropenwelt mit künstlerischer Schöpferkraft vor unsere Phantasie hinzaubern.

Aber nicht nur für Alles, was sie als Lehrer und Forscher, den alten Ruhm unserer Universität mehrend, geleistet, dankt Ihnen diese an Ihren Jubeltage.

Mit tiefer Dankbarkeit gedenkt Thüringens Hochschule auch Ihrer hochherzigen Stiftungen, die zur Gründung des phyletischen Museums führten, das den Namen Ernst Haeckels || auch künftigen Geschlechtern zu dauerndem Gedächtnis überliefern wird.

So bringe ich Ihnen, hochverehrter Herr Kollege, im Namen des Senats unserer Universität zu ihrem 80. Geburtstag innige Glückwünsche dar.

Möge ihnen noch eine lange Reihe von Jahren beschaulicher Ruhe nach einem an Arbeiten und Erfolgen reichen Berufsleben beschieden sein!

In kollegialer Verehrung

R.

d. Z. Prorektor

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1914
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 1049, 238r-239v
ID
47911