Haeckel, Ernst

Bericht der Universität Jena an Serenissimos Academiae Nutritores (Konzept), Jena, 10. Dezember 1884

Ad Serenissimos Academiae

Nutritores

Jena, den 10. Dezember 1884

Unterthänigster Bericht Großh.

Herzogl. S. Gesammtuniver-

sität die Wiederbesetzung

des durch den Weggang

des Professors Dr. Dietrich

Schäfer erledigten ordentlichen

Lehrstuhls der Geschichte betref-

fend.

Durchlauchtigster " "

in Hinsicht auf die mit Ende dieses Semesters durch den Abgang des Professor Doktor Schäfer nach Breslau eintretende Erledigung der von diesem innegehabten ordentlichen Professur der Geschichte hat unsere philosophische Fakultät den in Abschrift angeschlossenen Denominationsbericht wegen Wiederbesetzung dieses Lehrstuhls an uns erstattet.

Nachdem wir diesem Berichte nach mündlicher Berathung im Consistorio überall beigetreten || sind, verfehlen wir nicht denselben Ew. " " zu allergnädigster Entschließung wegen Ernennung eines Nachfolgers hiermit zu überreichen und bemerken dazu noch unterthänigst, daß Herr Professor Dr. Schäfer auf eine Anfrage im Consistorio die in der Beilage eingefügten Darlegungen über den in Vorschlag gebrachten Professor Ottokar Lorenz in Wien gemacht hat.

In tiefster Ehrerbietung und pflichtschuldigster Treue verharren

Ew. " "

unterthänigste

Prorector und Senat der Großh. Herzogl. Gesammtuniversität||

Beilage zum Bericht des Senats Nr. 101.

Referat des Prof. Dr. Schäfer, betreffend den in Vorschlag gebrachten Prof. Dr. Lorenz

aWie schonb in der Fakultät, so wurde auchc im Senat die Frage aufgeworfen, was wohl Prof. Lorenz veranlassen möge, eine pecuniär so viel günstigere Stellung an einer großen Universität mit der bescheideneren Professur in Jena vertauschen zu wollen, und ob dieser Wunsch wohl im Zusammenhange stehen mit der sogenannten Affaire Maaßen, in der Lorenz’s Name viel genannt worden sei. Auf Grund der ihm zugegangenen Nachrichten konnte der Referent die folgenden Aufklärungen geben, für deren Richtigkeit und Vollständigkeit er der Natur der betreffenden Hergänge nach nicht unbedingt einzustehen vermag.

In Anlaß einer Stimmabgabe des Prof. Maaßen als Mitglied des niederösterreichischen Landtags betreffend die Zulassung einer tschechischen Privatschule in Wien, begannen die Studenten Demonstrationen gegen den genannten Lehrer, die mehrere Tage das Wiener Auditoriengebäude zum Schauplatz tumultuarischer Auftritte machten. Prof. Lorenz fand sich bewogen, gegen dieses Treiben aufzutreten und zwar in der Form, daß er in seinem Auditorium den Studenten das Ungehörige ihres Betragens verwies. Da das in lebhafter, wahrscheinlich durch die Wahl der Aus||drücke aufreizender Weise geschehen war, faßten die Studenten den Plan, auch gegen Lorenz zu demonstriren. Davon in Kenntniß gesetzt, richtete dann dieser in der nächsten Vorlesung eine zweite Ansprache an die in Massen versammelten Studenten, in welcher er seiner Auffassung noch energischer Ausdruck gab. Gelegentlich dieser Ansprache ist dann von Seiten Lorenz’s eine Äußerung gefallen, durch die sich der zeitige Rector Wedel beleidigt fand, und die er zum Anlaß nahm, unter den obwaltenden Verhältnissen sein Rectorat niederzulegen. Es wird berichtet, ob mit Grund, ist dem Referenten unbekannt, Lorenz habe den Studenten gegenüber die Äußerung gethan, „Unter meinem Rectorate“ (Lorenz war kurz zuvor Rector gewesen) „hätte Derartiges nicht vorkommen können.“ Noch vor dem Rücktritt des Rectors hatte der Senat, veranlaßt durch die von den Zeitungen verbreiteten entstellenden Berichte über Lorenz’s Reden, diesen durch den Decan der juristischen Facultät, Prof. Exner, mündlich und vertraulich auffordern lassen, eine Mitteilung über diese Vorgänge zu erstatten. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Presse alle diese Hergänge im Interesse ihrer Parteibestrebungen auszubeuten suchte und auch, teilweise unter vollständiger Mißachtung und Verkennung des Thatbestandes, ausbeutet. In Rücksicht darauf stellte dann Lorenz, als er die erwünschten Mitteilungen machte, zugleich die Bitte, der Senat möge die Sache in ordnungsmäßige Untersuchung || nehmen und nannte zugleich Zeugen unter Angabe ihrer Adresse. Den Beschluß über diesen Antrag vertagte der Senat bis zum Abgang des Rectors, der inzwischen resignirt hatte. Nach einer neuerlichen Aufforderung des neuen Rectors hatte dann Lorenz eine Besprechung mit diesem, in der er sein früheres Ersuchen wiederholte und einige Erklärungen gab. Darauf hat der Senat beschlossen, von jedem weiteren Verfahren Umgang zu nehmen.

Prof. Lorenz stellt es selbst nicht in Abrede, daß „bei dem Umstande, daß sich viele bisher bestandenen Beziehungen zu Collegen und Persönlichkeiten hier verändert haben, ein Weggang ihm erwünscht und angenehm wäre“; er leugnet aber mit der größten Entschiedenheit, daß aus den „nach seiner Überzeugung die Wiener Universität tief schändenden Ereignissen für ihn die leitende persönliche Motivirung hervorgehe, seine jetzige Stellung aufzugeben.“ Er fügte hinzu: „Sollte diese Ansicht die in Jena überwiegende, vorherrschende oder entscheidende sein, so verzichte ich ein für allemal auf die mir sonst zu größter Ehre und Auszeichnung gereichende Berufung.“ Was ihn bestimmt, Österreich zu verlassen, sind nach seiner eigenen Erklärung die folgenden Gründe:

1) daß dieser Staat sich in einer offenbaren Unhaltbarkeit seiner politischen und moralischen Zustände zeige;

2) daß seine Studien und politischen Überzeugungen Lorenz von jeher auf Deutschland angewiesen haben;

3) daß er seinen Söhnen das deutsche Staats||bürgerrecht erwerben möchte und sie vom österreichischen Militärdienst befreien, zu dem sie binnen Kurzem herangezogen werden würden;

4) daß er den letzten Teil seines Lebens einer Wirksamkeit würde zuwenden können, die moralisch und staatlich auf gesünderer Grundlage ruhe.

Diese Beweggründe haben für Lorenz ein solches Gewicht, daß er ihnen gegenüber große pecuniäre Opfer nicht scheut und auch auf die bestimmte Aussicht verzichtet, vom Sommer 1887 an eine Pension im Betrage von 3500 fl. beziehen und in Ruhe genießen zu können. Ein analoger Fall liegt, wie ein Senatsmitglied hervorhob, vor mit Prof. Königsberger, der, seinerzeit Ordinarius in Heidelberg, von dort mit einem hohen Gehalt nach Dresden und weiter unter noch günstigeren Bedingungen an die Wiener Universität berufen wurde, zum vorigen Sommer-Semester aber in die alte bescheidene Heidelberger Stellung zurückgekehrt ist. Beispiele, dass Professoren, wenn ihre Privatverhältnisse ihn das irgend gestatten pecuniäre Vorteile anderen nachsetzen, sind glücklicherweise an deutschen Hochschulen nicht selten und werden es wohl auch nicht werden.

In den gesamten Lehrgängen vermochte der Referent nichts zu erkennen, was den Wunsch, eine wissenschaftlich so bedeutende Kraft wie die des Prof. Lorenz unsere Universität zu erwerben, abzuschwächen geeignet gewesen wäre.

Dieser Ansicht schloß sich wie vorher die Facultät, so jetzt auch der Senat einstimmig an.

a gestr. egh. Einfügung Ernst Haeckels. Indem der Senat den Antrag der philosophischen Fakultät, den erledigten Lehrstuhl für Geschichte dem Professor Dr. Ottokar leeren Lorenz in Wien zu übertragen, befürwortet, fügt er seinerseits noch folgende Bemerkungen hinzu:; b von Ernst Haeckel eingefügt: schon; c von Ernst Haeckel eingefügt: auch

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
10-12-1884
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 440, 21r-23v
ID
47846