Thomae, Johannes

Johannes Thomae, Dekan der philosophischen Fakultät, an Ernst Haeckel, Jena, 26. November 1884

Magnifice Academiae Prorector!

Senatus illustris!

Jena, den 26ten November 18844.

Denominationsbericht der philosophischen

Facultät, die Wiederbesetzung des

durch den Weggang des Professors

Dr. Dietrich Schäfer erledigten ord-

entlichen Lehrstuhls für Geschichte betr.

Obschon die philosophische Facultät noch nicht aufgefordert worden ist, für die durch Berufung des Herrn Professor Dr. Dietrich Schäfer nach Breslau frei werdende ordentliche Professur der Geschichte Vorschläge zur Wiederbesetzung zu machen, so glaubt dieselbe doch die Angelegenheit nicht länger verschieben zu dürfen. Und zwar schlägt die Facultät Herrn Professor Dr. Ottokar Lorenz in Wien vor.

Da unter gewöhnlichen Verhältnissen eine äußerlich so günstige Stellung, wie sie Professor Lorenz in || Wien inne hat, nicht mit der in Jena frei werdenden vertauscht werden würde, wäre die Facultät nicht auf den Gedanken gekommen, Professor Lorenz bei ihren Vorschlägen zu berücksichtigen, wenn derselbe nicht zunächst schriftlich, dann mehreren Mitgliedern der Fakultät gegenüber mündlich den Wunsch geäußert hätte, nach Jena zu kommen, und sich auf das Bindendste bereit erklärt, die fragliche Stelle, wenn er berufen werde, zu übernehmen. Nachdem dies geschehen war, glaubte die Facultät neben Lorenz eine andere Persönlichkeit nicht berücksichtigen zu sollen, da nach genauester Musterung eine solche, die wissenschaftlich neben Lorenz hätte genannt werden können und zugleich auch nur mit einiger Wahrscheinlichkeit für Jena zu gewinnen gewesen wäre, sich nicht fand.

Ottokar Lorenz, am 17. September 1832 zu Iglau in Mähren geboren, anfangs, wenn die eingezogenen Erkundigungen recht berichten, Katholik, dann zum Protestantismus übergetreten, habilitirte sich 1857 in Wien, wurde an der dortigen Universität 1861 außerordentlicher und 1862 ordentlicher öffentlicher Professor; von 1857-1865 war er zugleich Beamter am K. K. Haus-, Hof- und Staats||archiv. Seine Arbeiten, über die eine alles Wichtigere berücksichtigende Liste beiliegt, erstrecken sich über alle Gebiete der mittleren und neueren Geschichte, haben aber ihren Schwerpunkt in der ersteren, ein Verhältniß, das sich vollständig an die Bedürfnisse unserer Universität anschließt, da wir für neuere Geschichte in Herrn Professor Böthlingk eine beauftragte Lehrkraft besitzen, durch den Weggang des Professor Schaefer in erster Linie aber eine das Mittelalter vollauf vertretende Kraft nothwendig wird. Auf dem Gebiete des Mittelalters gilt Ottokar Lorenz als einer unserer ersten historischen Arbeiter. Seine „Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert“ hat für die lange vernachlässigte Behandlung des späteren Mittelalters gleichsam die Wege gewiesen; sein Buch über „Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des 13. Jahrhunderts“ reiht sich würdig an Wattenbachs berühmtes Werk an und bietet durch Untersuchung und Gruppirung eines geradezu ungeheuren Materials trotz aller Irrthümer in Einzelheiten, die dem Buch nachgewiesen werden können, der weiteren Forsch||ung eine bisher schmerzlich entbehrte Grundlage. In einer Reihe von Monographien hat Lorenz Sinn und Begabung für historische Kritik glänzend bewährt, in seinem Aufsatz über Schlosser und seiner Polemik gegen Dubois-Reymond gezeigt, daß er sich auch mit den allgemeineren Fragen historischer Wissenschaft, mit den Beziehungen der Geschichte zur Philosophie eingehend und erfolgreich beschäftigt hat. Als Darsteller übertrifft Lorenz zahlreiche Fachgenossen und ist mit Recht beliebt. Eine besondere Begabung besitzt er, ein großes und weitsichtiges Material zu überblicken und zu beherrschen, und große historische Entwickelungen mit sicherer Auswahl in ihren Hauptzügen zur Anschauung zu bringen; seine Studie über „Papstwahl und Kaiserthum“ ist dafür ein glänzender Beleg. Er hat nicht nur Fleiß und Arbeitskraft, sondern auch, was neuere Historiker nicht selten vermissen lassen, Ideen. Seine Leistungen als akademischer Lehrer werden allgemein gerühmt. Es werden ein lebendiger, fesselnder Vortrag, Anschaulichkeit und Präcision der Darstellung und aufmerksame Leitung seiner Fachschüler, an ihm hervorgehoben. || In Wien gilt er für den bedeutendsten Historiker der Universität neben Sickel, und für einen der geschätztesten Lehrer.

Unterzeichnete bittet Ew. Magnifcenz, diesen Vorschlag dem illustren Senate unterbreiten und das Weitere veranlassen zu wollen.

In Ehrerbietung verharrt

die philosophische Facultät.

d. Z. Decan.

J. Thomae

Dr. Ottokar Lorenz’s Schriften:

1. Deutsche Geschichte im 13. und 14. Jahrhundert, I, II, 1 (2 starke Bände), Wien 1864. 1866.

2. Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des 13. Jahrhunderts, zwei Bände. 2. Auflage Berlin 1876.77 (3. Aufl. im Druck)

3. (mit Wilhelm Scherer): Geschichte des Elsasses, Berlin 1872. (2. Auflage in Vorbereitung)

4. Ottokar II und des Erzbistum Salzburg 1246-60. Sitzungsbericht der Wiener Akademie 1860.

5. Die Wahl Adolf‘s von Nassau, ebend. 1867.

6. Leopold III. und die Schweizer Bünde. 1860.

7. Die Sempacher Schlachtlieder, 1861 (auch Germania VI, 2).

8. Ueber die beiden Wiener Stadtrathsprivilegien K. Rudolf I, Wien 1864 (Sitzungsber.)

9. Ueber den Unterschied von Reichsstädten und Landstädten, mit besonderer Berücksichtigung von Wien, (Sitzungsbericht 1878).

10. Analekten zur Englischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts, v. Sybel’s historische Zeitschr. 21)

11. Zur Wallenstein-Litteratur, ebd. 390 und „Wallenstein und dessen Besitz von Mecklenburg“, Deutsche Rundschau Apr. 1880.|

12. Joseph II. Und die belgische Revolution nach den Papieren des General-Gouverneur Grafen Murray, Wien 1862.

13. Neue Ausgabe von Pölitz’ österreichischer Geschichte, Wien 1877.

14. Papstwahl und Kaiserthum, eine historische Studie aus dem Staats- und Kirchenrecht, Berlin 1874.

15. Friedrich Christoph Schlosser und über einige Aufgaben und Principien in der Geschichtsschreibung, 1878.

16. Die bürgerliche und die naturwissenschaftliche Geschichte (gegen Dubois-Reymond: Kulturgeschichte und Naturwissenschaft), v. Sybel, Historische Zeitschrift, 39.1878.

17. Ueber Gymnasialwesen, Pädagogik und Fachbildung, Wien 1879.

18. Anonym: Die Gymnasien Oesterreichs und die Jesuiten, Leipzig 1859.

19. Drei Bücher Geschichte und Politik, Berlin 1876. (enthält meist frühere Arbeiten gesammelt)

Editionen:

1. Chronicon Thuringicum Viennense im 1. Bde. der Geschichtsquellen der Provinz Sachsen.

2. Briefe Wallenstein‘s aus der Zeit von 1627-30. Mecklenburgische Jahrbücher, Bd. 40.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-11-1884
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, BA 440, 17r-20v
ID
47845