Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Kükenthal, Jena, 12. Dezember 1891

Jena 12.12.1891.

Lieber Herr College!

Zu meinem Bedauern habe ich gestern durch mehrere Collegen erfahren, daß Sie die Unterlassung der Einladung zur Hochzeitsfeier meiner Tochter als eine absichtliche Zurücksetzung aufgefaßt haben. Von einer solchen kann keine Rede sein, da es sich hierbei um keine officielle Feierlichkeit, sondern nura um ein Familien-Fest handelt.

Wir glaubten Ihnen dazu schon deßhalb keine Einladung schicken zu dürfen, weil Sie bisher jede Annäherung an unsere Familie thunlichst vermieden haben. || Weder zu Ihrer Hochzeit, noch zur Taufe Ihrer Tochter haben Sie uns eine Einladung gesandt; auch haben Sieb unsere eigene Einladung niemals erwidert.

Bei dieser Gelegenheit wurde ich zugleich gestern durch die befremdende Mittheilung überrascht, daß Sie überhaupt mit Ihrer hiesigen Stellung seit längerer Zeit unzufrieden sind. Es ist mir dies unbegreiflich, da Sie selbst vor zwei Jahren mit vollem Rechtc die Erlangung der Ritter-Professur als ein großes Glück betrachtet haben. ||

Ich selbst habe nach bestem Wissen Alles gethan, um Ihre wissenschaftliche Thätigkeit nach Kräften zu fördern, und Ihre vielfach beneidete Stellung zu einer möglichst fruchtbaren und angenehmen zu gestalten.

Ich muß Sie daher bitten mir mitzutheilen, ob jene Angaben wahr, und durch welche mir unbekannten Verhältnisse sie begründet sind.

Mit collegialem Gruße

Ihr

E. Haeckel ||

Herrn Professor

W. Kükenthal

II. Inhaber der

Ritter-Professur

Jena.

a eingef.: nur; b eingef.: haben Sie; c eingef.: mit vollem Recht

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
12-12-1891
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 47494
ID
47494