Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, o.O., o.D . [Neapel, Mai 1859]

Liebe Eltern!

Die inliegenden Briefe an Martens und Karl, die ich bald zu befördern bitte, lassen mir diesmal nur wenig Raum. Sehr leid thut es mir, daß Du, liebste Mutter, noch immer nicht ganz wieder hergestellt bist. Schone Dich nur recht und krame nicht so viel in der Wirthschaft herum; Ottilie kann Dir ja viele Arbeit abnehmen. Besonders nimm Dich aber bei der Wäsche in Acht, wo Du ja immer die Leidenschaft hast, Dich zu erkälten. Dich, lieber Vater, bitte ich, mir im nächsten Brief ein ma l etwas über unsere Stellung zu Östreich zu schreiben. Hier erfährt man so gut wie nichts davon, da die Augsburger Allgemeine hier allgemein gelesen wird und alle Deutschen ziemlich inspirirt. || Ich kann nicht sagen, daß ich diese Schwärmerei theile und sehe nicht ein, was Preußen durch Theilnahme am Krieg gewinnen soll. – Wegen Kriegsgefahr für mich hier braucht ihr euch gar nicht zu ängstigen. Das sieht sich aus der Ferne immer viel schlimmer an, als es wirklich ist. Die Deutschen sind hier allerdings schlecht angeschrieben, wie die Schweizer; sie wagen aber doch nichts gegen sie zu unternehmen. Ich habe mich diese Woche wenigstens äußerlich italianisirt, indem ich mir meine Mähne, die bis auf die Schultern herabgewachsen war, ganz kahl habe abschneiden lassen. Seitdem hat das Tedesco-Rufen auf den Straßen wenigstens aufgehört. Schreibt mir recht bald wieder. Herzliche Grüße an alle Lieben.

Euer treuer Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
??.05.1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 47468
ID
47468