Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an den Dekan der philosophischen Fakultät, Johannes Thomae, Jena, 4. Januar 1885

Decane maxime spectabilis!

Hierdurch erlaube ich mir, bei Gelegenheit des demnächst abzuhaltenden Facultäts-Consesses der philosophischen Fakultät den Antrag vorzulegen,

Herrn Johannes Murray

Director der Challenger-Commission

in Edinburgh

zum Doctor philosophiae

honoris causa

zu ernennen.

Herr Johannes Murray (gegenwärtig ungefähr 50 Jahre alt, aus Montreal in Canada gebürtig) hat den bedeutendsten Anteil an der denkwürdigen Forschungs-Reise, welche die englische Regierung in den Jahren 1872-1876 auf dem Kriegsschiffe „Challenger“ behufs || Erforschung der physikalischen Verhältnisse der Tiefsee, und insbesondere des organischen Lebens der tiefsten Meeresgründe, ausführen ließ. Wie bekannt, wurden die erfreulichen Entdeckungen dieser Expedition von der englischen Regierung in einem großen Werke veröffentlicht, dessen Umfang auf 40-50 Quart-Bände (begleitet von 3000-4000 Tafeln) berechnet ist. Die ersten 10 Bände sind bereits erschienen und auf Veranlassung des Herrn Murray unserer naturwissenschaftlichen Gesellschaft zum Geschenk gemacht, von dieser an die Universität-Bibliothek abgegeben worden; die übrigen Bände werden folgen. Nachdem der erste Director der Challenger-Expedition, Sir Wyville Thomson, den außerordentlichen Anstrengungen des großen Unternehmens || erlegen war, wurde dessen Leitung Herrn J. Murray übertragen, und seiner unermüdlichen und umsichtigen Thätigkeit ist es vor Allem zu danken, daß dasselbe bisher glücklich weiter geführt wurde. Die allgemeine Beschreibung der ganzen Forschungsreise ist von ihm nahezu vollendet und soll im Laufe dieses Jahres erscheinen. Außerdem hat er bereits eine Anzahl kleinerer Abhandlungen veröffentlicht; welche hauptsächlich die neu entdeckten merkwürdigen Lebens-Verhältnisse der Tiefsee-Thiere, die Entstehung der Korallenbänke, der Tiefsee-Sedimente etc betreffen. Da mir Herr Murray seit 8 Jahren persönlich bekannt ist, und ich bei Gelegenheit meiner eigenen Beiträge zum Challenger-Werk („ Bände mit 172 Tafeln) in vielfachste Beziehung zu ihm getreten bin, || habe ich die Vielseitigkeit seiner naturwissenschaftlichen Thätigkeit und die die Originalität seiner Forschungsweise hinreichend kennen gelernt. Zu besonderem Danke bin ich ihm dadurch verpflichtet, dass er einen sehr werthvollen Theil der Challenger-Sammlung unserem Zoologischen Museum zum Geschenk gemacht hat.

Indem ich Ew. Spectabilität ersuche, die vorstehende Mittheilung zur Motivirung meines Antrages bei Gelegenheit der Einladung zum nächsten Facultäts-Consesse den Herren Assessoren vorzulegen, bleibe ich

Hochachtungsvoll

Ihr

Ernst Haeckel

Jena

den 4. Januar 1885

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-01-1885
Entstehungsort
Zielort
Jena
Besitzende Institution
Universitätsarchiv Jena
Signatur
UAJ, M 480, 106r-107v
ID
47446