Snell, Karl

Karl Snell (Dekan) an die philosophische Fakultät der Universität Jena, Jena, 24. Juli 1876

Assessores gravissimi.

Ich beehre mich, Ihnen in der Anlage ein Gesuch des stud. chem. Weygold vorzulegen, in welchem derselbe auseinandersetzt, daß die Anwendung der neuen Promotionsbedingungen auf ihn, der seit länger als einem Jahre seine Arbeiten auf die Promotion in absentia eingereicht habe, hart und unbillig erscheinen müsse, und daran die Bitte knüpft, ihn noch ausnahmsweise zur Promotion zuzulassen. Ich ersuche Sie, über dieses Gesuch zu entscheiden.

Hochachtungsvoll

Snell

d. Z. Decan

Jena 24tn Juni | 1876 ||

Decane Maxime Spectabilis,

Gestatten Sie zur Motivirung meines Votums einen Fall anzuführen, der eine Analogie für das vorliegende Gesuch und dessen Entscheidung bietet.

Bei der Prüfungsscommission für Candidaten des höheren Schulwesens bewarb sich ein Studierender der Naturwissenschaften um die Zulassung, welcher in Weimar an der Realschule den Cursus durchgemacht hatte, die aber damals noch nicht eine Realschule I Ordnung gewesen war; nach dem Reglement sollten aber nur Abiturienten von einer Schule dieser Ordnung zur Prüfung zugelassen werden. Durch Verfügung der hohen Ministerien wurde jedoch, weil zur Zeit, da Jener die Weimarische Schule besuchte, das betreffende Reglement a noch nicht bekannt gemacht worden war, der Aspirant unserer Commission zur Prüfung überwiesen.

Mir scheint es ein Act der Gerechtigkeit gegen Hrn. Weygold zu seyn, seinen Fall in gleicher Weise zu entscheiden. Die Facultät hat aus eigener Entschließung die Promotionsbedingungen sehr verschärft, sie kann ebenso festsetzen, von welchem Zeitpunkte ihre Anwendung gelten soll; dieser Anwendung eine rückwirkende Kraft zu geben, erachte ich für unbillig und hart. Darum stimme ich für Zulassung des Hrn. Weygold zur Absenz-Promotion. | Stickel

Die vorliegende Bittschrift an den Senat ist zugleich eine Beschwerde über unsere Facultät. S. Magnificenz kann uns dieselben nur notitiae causa vorgelegt haben. Dafür dankend haben wir sie zurückzugeben und abzuwarten, wieb der Senat dieselbe in Betracht zu ziehen für gut findet. Gegen die Vorläufigkeit einer Entscheidung oder Begutachtung unsererseits verwahre ich mich auf das bestimmteste.

Da in dieser Angelegenheit bereits ein Dissens eingetreten ist, so hat zwar nach Maaßgabe in das Modellbuch eingetragner Beschlüsse selbstverständlich eine zweite || Missive zu erfolgen, der Sicherheit wegen beantrage ich jedoch ausdrücklich eine solche. | 25/VI 76. E. E. Schmid

Das Gesuch kann auf keinen Fall genehmigt werden; der Verfasser desselben muß sich so gut wie alle anderen, die etwa im gleichen Falle sind, dem mündlichen Examen unterziehen. Das Inkrafttreten des Gesetzes kann nicht darauf warten, bis alle die zahlreichen Exemplare unserer alten Statuten Anwendung gefundenc, die zufällig gerade im Umlauf sind. Neuerungen können nur dann keine Kraft haben, wenn das Promotionsgesuch schon eingereicht ist auf Grund der alten Bestimmungen. In der Formfrage bedauere ich, der Meinung des Herrn Collegen E. Schmid durchaus nicht beipflichten zu können. Wenn ein Gesuch, auch wenn es Beschwerden enthält, an eine eventuell incompetente Behörde gelangt, so hat sie dasselbe an die materiell competente Behörde zur Entscheidung abzugeben, u. diese hat dem Petenten die Entscheidung, mit oder ohne Rüge wegen der falschen Adresse, direct zukommen lassen. | A. Schmidt | pr. Hildebrand

Ich bin für Gewährung dieses Gesuchs, da Hr. Weygold einestheils durch den Fleiß, die Gründlichkeit und die Ausdauer, welche er d seiner schwierigen Arbeit seit mehr denn zwei Semestern durch fast den ganzen Tag dauerndes Untersuchen im hiesigene Universitäts Laboratorium zugewandt hat, anderntheils durch ein längeres Unwohlsein daran verhindert wurde, dieselbe schon, wie er beabsichtigte, mit Ende des vorigen Semesters zu vollenden. Ich muß erklären, daß, wenn ich die neuesten Beschlüsse der Facultät hätte ahnen können, ich ihm pflichtschuldigst den Rath ertheilt haben würde, seine Arbeit abzubrechen, weil auch die damals gewonnenen Resultate druckwürdig waren und genügt haben würden.

Daß er sein Gesuch an eine falsche Adresse gerichtet hat, ist ihm wohl nicht so übel zu nehmen, daß es eine Beschwerde gegen die Facultät enthält, kann ich nicht finden, eine || solche vorzubringen lag keinesfalls in seiner Absicht. Hr. Weygold, der auch anderen Collegen persönlich bekannt ist, wird gewiß auch von Ihnen das Zeugnis erhalten, daß er ein ernst strebender, befähigter junger Mann ist. Andere, welche ein ähnliches Gesuch der Facultät anbringen möchten, sind mir nicht bekannt. | 26.6.76 A. Geuther

Indem ich dem Votum des Herrn Collegen Adolf Schmidt in jeder Beziehung durchaus beistimme, bin ich entschieden gegen Gewährung des Gesuchs des Herrn Weygold. Als derzeitiger Prorector habe ich das an den Senat gerichtete Gesuch brevi manu an den Decan der philosophischen Facultaet abgegeben, weil ich letztern allein für competent, den Senat dagegen für ganz incompetent in dieser Frage halte. Ich habe dies auch Herrn Weygold mitgetheilt, als er sich mündlich bei mir beschwerte, und war um so mehr verwundert, eine Eingabe „an den Senat“ von ihm zu erhalten. Sollte die Majorität sich für Gewährung des Gesuchs entscheiden, so halte ich diese Ausnahme für einen sehr bedenklichen Präcedenz-Fall und würde in diesem Falle einen Consess zu beantragen mich genöthigt sehen. | Haeckel

Ich bin in diesem Fall für Gewährung des Gesuchs, nicht weil Herr Weygold ein Recht hätte, auf im Jahre 1874 empfangene Bedingungen zu fußen, sondern weil sich der College Geuther für die Tüchtigkeit des Mannes verbürgt und für die Druckwürdigkeit der Arbeit einsteht. Dazu kommt, daß ich auch für Präsenzpromotionen ein Examen im sogenannten Hauptfach für vollständig ausreichend halte, vorausgesetzt, daß es ein rigorosum ist; ein solches abzulegen Herr Weygold aber offenbar geneigt und befähigt ist. | Moriz Schmidt

Ich sehe mich veranlaßt gegen Gewährung des Gesuchs zu stimmen, so sehr mir auch Herr Weygold persönlich leid thut und so wenig ich auch in seinem Anschreiben an den Senat eine Beschwerde gegen unsere Facultät finden kann, – es wäre aber durch Gewährung dieses Gesuchs ein bedenklicher Präcedenzfall geschaffen, der uns wahrscheinlicher Weise alsbald mehr derartige Gesuche zuführen würde. | E. Strasburger

Ich stimme, wie die Herren Collegen Stickel, Geuther und Moritz Schmidt für Gewährung des Gesuchs, weil ich eine rückwirkende Kraft unserer Gesetze nicht anzuerkennen vermag. | Fortlage

Ich stimme gegen Gewährung des Gesuchs, weil Herr Weygold sein Gesuch erst eingereicht hat, nachdem wir unsere Beschlüsse gefaßt haben, bitte übrigens das Modellbuch mit den Beschlüssen circuliren zu lassen. | Delbrück

Wie Herr College Delbrück | R. Eucken

Beschluß: Das Gesuch des Hrn. Weygold um Dispensation von den gegenwärtigen Promotionsbedingungen ist abgewiesen durch eine Majorität von 2 Stimmen.

Snell

d. Z. Decan.

a gestr.: erlassen; b gestr.: ob; eingef.: wie; c gestr.: sind; eingef.: gefunden; d gestr.: seit zwei Semestern; e eingef.: hiesigen

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
24-07-1876
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
UAJ
Signatur
UAJ, M 451, Bl. 152r-154r
ID
47406