Ritter, Paul von

Paul von Ritter an Ernst Haeckel, Basel, 11. Mai 1886

Basel.

8 Schärtlingasse

11 Mai 1886.

Hochgeehrter Herr Professor,

Gestatten Sie mir, in freundlicher Erwiderung Ihrer geehrten Zuschrift v. 8n Mai 1886 für die mir zugedachte Auszeichnung meiner Promotion zum Doctor phil. honoris causa der Universität Jena, Ihnen und Ihren geehrten Collegen meinen tiefgefühlten und wärmsten Dank hiermit abzustatten. – Am 9n Mai 1886 hatte ich, nach einem romantischen Spaziergang auf den Hohen Blauen, im Schwarzwalde, mich als Cand. philo. der Alma mater Dorpatiensis in meinem vereinsamten Heim in Basel zur Ruhe begeben und, am 10n Mai 1886 überraschten mich Ihre freundlichen Schriftzüge || mit einer Mittheilung, welche ich am Wenigsten erwartete und welche, sobald sie mich auf dem Hohen Blauen getroffen hätte, mich unverzüglich in den ersten Bergesabgrund geworfen hätte. − Aber die geehrten Herren Collegen, welche mich zum Doctor promovirten, sind, wie ich voraussehen darf, Naturphilosophen mit hochherzigen Gefühlen, welche im Kampfe ums Dasein das Leben dem Tode vorziehen und ihren neuen Jünger lieber ein Schmollis als ein Pereat zutrinken dürften. – Wie dem auch sei so übt das Reich der Träume und Geister eine wohl verwandtschaftliche Beziehungskraft aus, welcher wir uns selten entwinden können. – Aus jenen tiefen Betrachtungen in die Natur auf dem Hohen Blauen und diesen süßen Überraschungen, aus welchen ich durch Ihre unerwartete Auszeichnung || gleichsam wie mit lieblichen Engelsstimmen entzückt aund in die Wirklichkeit gerufen wurde, – wurde ich zu einem feierlichen Symposium gleichgesinnter Männer der Wissenschaft und Wahrheit eingeladen, wo in ungezwungenem Verkehre die edelsten Früchte des Geistes den Eingeladenen dargeboten werden. – Wenn es überhaupt einen wahren und menschenveredelnden Gottesdienst auf Erden gibt, so ist er nur in diesen heiligen Hallen zu finden! – Die stille und heilige Verehrung der Natur und die Erkenntniß ihrer Wunder wie das z. B. eines Ameisenhirns, welches Charles Darwin als das höchste Schöpfungswunder pries, ist der reinste und vollkommenste Gottesdienst, welcher unsere Seele bzu erfüllen vermagc. – Die moderne phylogenetische Zoologie ist freilich neu und ihre göttliche Bedeutung Vielen unbekannt, aber sie hat ein Meer von glänzenden und berechtigten Aussichten vor sich, insofern sie allein berufen ist uns || in die geheime Weihestätte der Natur einzuführen. – Mit den Typen, welche die phylogenetische Zoologie ihre Sätze zusammenstellt, werden wir einmal imstande sein das große Werk der Schöpfung richtig aufzufassen und zu verstehen. – Ein freier Mann und Weltbürger begrüßt seine Collegen mit herzlichem Handschlag, verspricht data dextra ein ebenbürtiger Genosse zu sein und wünscht, daß ewige Frühlingsgefühle ihrer Herzen und Sinne durchziehen mögen! –

Bevor ich irgend eine Auszeichnung in Empfang nehme, möchte ich die geschäftlichen Formalitäten meiner Stiftung beendigt wissen, weshalb ich Herrn Justizrat Dr. von Harnier zu Frankfurt mit demd Vollzug derselben beauftragt habe. – Derselbe wird Ihnen schreiben und nöthigenfalls auch später enach Weimar reisen. –

Mein Curriculum vitae werde ich mir erlauben Ihnen später zuzusenden. –

Fräulein Kucera dankt und erwidert Ihre freundlichen Grüße. –

Genehmigen Sie mit meinem herzlichen Grüßen die Versicherung meiner vorzüglichen Hochachtung und Ergebenheit, –

Paul von Ritter

Bis zum 18. August 1886 muß Alles geordnet sein. –

a eingef.: und in die Wirklichkeit gerufen wurde, -; b eingef.: zu; c gestr.: kann, eingef.: vermag; d eingef.: dem; e eingef.: nach Weimar reisen. –

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-05-1886
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46610
ID
46610