Carneri, Bartholomäus von

Bartholomäus von Carneri an Ernst Haeckel, Marburg an der Drau, 1. September 1890

Marburg 1. Sept. 1890.

Geliebter und verehrter Freund!

Wie gerne hätte ich Ihren lieben Brief vom 7. vorigen Monats umgehend beantwortet, um Ihnen zu sagen, wie leid es mir thut, Ihre Frau wieder krank zu wissen und nicht die Freude haben zu können, Sie mit Ihren Lieben und zwar noch in diesem Monat hier zu sehen. Mein Brief hätte Sie noch in Jena gefunden. Wer weiß, wo Sie jetzt sind und wann Ihnen dieser Brief zukommt? Allein ich wollte Sie nicht allzurasch wieder in Briefschuld versetzen und erst den Hermann Wolff durchgearbeitet haben, der mich manchen schweren Seufzer gekostet hat. Hoffentlich geht || es Ihrer Frau wieder so gut, daß Sie alle leichtes Herzens der Ferienzeit sich erfreuen können. Das ist mir viel wichtiger; denn das Andere gehört zum allgemeinen Gang der Welt, über den ich mir nie werde ein graues Haar wachsen lassen.

Das Gewicht, das Wolff auf die von ihm erfundene Unsterblichkeit legt, charakterisirt sein ganzes Buch, das nichts anderes ist als Naturphilosophie im schlechtesten Sinn, aufgeputzt mit den neuesten Fortschritten der Naturwissenschaft. Die alten Naturphilosophen waren zu entschuldigen, weil es damals noch keinen Darwin gab und man die Weltentstehung wirklich nur speculativ erklären konnte. Es kann ja sein, daß die Naturwissenschaft mit der dysteleologischen Erklä-||rung nicht auslangt; darüber habe ich kein Urtheil. Allein darüber habe ich ein Urtheil, daß die Evolution eine wissenschaftliche, Wolff’s Psychologie mit Moral gemischt eine willkürliche Erklärung ist. Geht die moderne Wissenschaft auf Wolff’s Zielstrebigkeit ein – darauf kommt das Ganze hinaus – dann gilt Darwin nichts mehr, ist aber auch das Ganze wieder auf den Kopf gestellt.

Längst sah ich das kommen. An Darwin wird, wie an Kant, solang gebessert werden, bis das Entscheidende an beiden aufgegeben ist. Ich aber werde zu Grabe gehen, auf beide schwörend. Damit sage ich nicht, daß die Wissenschaft nicht über beide hinaus könne: sie kann und wird es, aber nur in wissenschaftlicher Weise; alles || andere gilt nicht – für die echte Wissenschaft.

Wolff weiß, was die Dinge ansich sind!! Eigentlich bietet er damit nur eine Paraphrase von Schopenhauer’s Willen, und auch Schopenhauer nahm eine Art unsterbliche Seele an. Gerade dieser Punkt ist aber für Wolff der wichtigste. Wenigstens garantire ich, daß imh, wenn er unseren Unterrichtsminister Gautsch bewegen kann, seinen ganzen Kosmos zu lesen, jede österreichische Professur offen steht. Dafür garantire ich aber auch dem Gautsch, daß, wenn nach seinem Tode der Häuptling der ihn constituirenden Bionten eine neue Verbindung eingeht, ganz etwas anderes herauskommen wird als ein Gautsch. Daß ich nicht ganz vernichtet werde, weiß ich längst; aber davon habe ich zu wenig und halte es, wie Sie, mit der Sterblichkeit. Mein über und über sterbliches Buch corrigire ich bereits, und es Ihnen zu schicken, wird ein Freudentag sein für Ihren

Carneri

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
01.09.1890
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 4655
ID
4655