Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Agnes und Ernst Haeckel, Berlin, 23. November 1869

Berlin

23 November

1869.

Herzlichen Dank liebe Kinder für Euren Glückwunsch zu meinem Geburtstage, und wie ich gesund in ein neues Lebensjahr eingetreten bin. Es waren 18 Personen bei Tisch und wir waren von 3 Uhra bis gegen 8 Uhr beisammen, meine Frau und Deine Schwägerin Huschke, die morgen Mittags bei uns eßen wird, werden weiter erzählen und durch sie werdet ihr das Nähere erfahren. Ich bin durch 2 Schriftchen überrascht worden, einmal von Karl durch eine kurze Lebensbeschreibung von Carl, und einmal durch Dich, lieber Ernst, durch die Schrift über die Alpenübergänge und die nöthigen geschaffenen Anstalten zu denselben. So bin ich auch geistig bereichert. Ich habe heute wieder mein gewöhnliches Alltagsleben fortgesetzt, gegen 8 Uhr stehe ich auf, nachdem ich gewöhnlich den Abend vorher gegen 11 Uhr schlafen gehe und gut schlafe. Nachdem ich gefrühstükt und Zeitungen gelesen, gehe ich um 10 Uhr 1¼ b Stunde spatzieren im Thiergarten, wo ich mich aber häufig setzen muß, da ich lange Touren ohne Sitzen nicht aushalte und so kehre ich müde nach Hause. Hier erwartet mich um 12 Uhr eine Portion Austern, die ich mit Mutter behaglich verzehre und um 2 Uhr wird noch mit Mutter 1 Stunde gewöhnlich im Thiergarten gefahren, damit Mutter frische Luft schöpft und durch sie erfrischt wird. Nach Tische wird eine gute Stunde geruht, so kommt der Abend heran, wo ich nachdem ich die Zeitungen gelesen, gewöhnlich nach 7 Uhr noch ½ Stunde in der Stube promenire und um 9 Uhr zum Theetrinken komme und nachdem ich einige Parthien Triktrak mit Mutter gemacht, um halb 11 Uhr zu Bett gehe, wo ich dann bis früh 8 Uhr gut zu schlafen pflege. So ist meine Art zu leben. Bei meiner Lektüre steht mir die ganze Welt offen, zunächst die Geschichte des Preußischen Staats, über welcher ich fortdauernd sitze und eben erst bis in die neueste Zeit zu dem Besitzstande, wie er durch den Krieg von 1866 geschaffen, gekommen bin. || Die Hauptsache ist, daß ich meine liebe Alte, diese unübertreffliche Person bei mir habe, die mich nie verläßt. Ihr Kinder könnt Gott nicht genug danken, daß ihr eine solche Mutter habt, die Euch auch nach meinem Tode nicht verlaßen wird. Nun für heute ist es gut. Aber ich finde, lieber Ernst, daß Du zu viel arbeitest, Du mußt Dich nicht übernehmen. Zum Sommer hoffe ich werde ich wieder zu Dir kommen. Grüße mir Deinen Freund den Profeßor Gegenbaur recht. Es freut mich, daß es seiner Frau so gut geht. Nun adieu für heute. Die nächsten Weihnachten hoffe ich Dich bei mir zu sehen. Dein Alter

Hkl

a eingef.: von 3 Uhr; b gestr.: Uhr

 

Briefdaten

Datierung
23-11-1869
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44961
ID
44961