Vogel, Richard; Zilich, W.

Richard Vogel und W. Zilich an Ernst Haeckel, Elberfeld, 5. Dezember 1903

Elberfeld, den 5. December 1903

Hochverehrter Herr Professor!

Nachdem wir Ihr Werk „Welträthsel“ mit großem Interesse gelesen haben, möchten wir Sie bitten, uns gütigst mitzuteilen, ob und in welchem Ihrer Werke sich Aufschlüsse über folgende beiden Fragen befinden: 1) Wie erklärt sich der natürliche Tod des organischen Individuums? 2) Findet sich das Bewußtsein des begrenzten individuellen Lebens ausser beim Menschen auch bei anderen Tieren vor?

Wir haben namentlich über erstere Frage verschiedentlich nachgedacht und können in Folge unserer wahrscheinlich nicht ausreichenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse ohne Annahme eines gewissen jedem Individuum bei seiner Zeugung mitgegebenen Quantums Lebenskraft uns nicht erklären, wie nach einer anfänglichen Vermehrung der Zellen infolge äußerer Reize und des dadurch hervorgerufenen Stoffwechsels später ein Stillstand und schließlich ein Zerfall des Organismus eintritt. Wir sind der Ansicht, daß diese Substanz, welche wir mit dem – vielleicht schlecht gewählten – || Ausdruck „Lebenskraft“ bezeichnet haben, lediglich zum Zwecke der Erhaltung der Art und nicht des Individuums vermehrt und verwendet werden kann.

Indem wir Sie um Entschuldigung bitten, falls wir Sie durch unsere Fragen belästigen sollten, zeichnen wir

Hochachtungsvoll

Richard Vogel,W. Zilich,

BankbeamterIngenieur

Elberfeld, Holzerstr. 1.II

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-12-1903
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44856
ID
44856