Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an August Strindberg, Jena, 28. Mai 1894

Jena 28. Mai 1894

Hochgeehrter Herr!

Überlastet mit Arbeiten habe ich erst jetzt Zeit gefunden, Ihre Broschüre „Antibarbarus“ zu lesen. Ihre chemischen Ideen, die der herrschenden Schule natürlich verkehrt und haeretisch erscheinen, erinnern mich vielfach an ähnliche Ideen, die mir ein geistreicher, vor einiger Zeit verstorbener, speculirender Chemiker mittheilte. Ich selbst bin jedoch leider viel zu wenig mit Chemie vertraut, um irgend ein maasgebendes Urtheil über ihren Werth fällen zu können. ||

Neue bahnbrechende Ideen welche den herrschenden Dogmen der Schule widerstreben, werden oft einfach für „verrückt“ erklärt. So ist es ergangen mit Kopernicus, Galilei, Spinoza, C. F. Wolff, Lamarck, Darwin etc. etc. Diese Beispiele können Sie trösten. Ich finde in Ihrer Schrift, soweit ich sie verstehe, Nichts, was nach meiner subjectiven Ansicht als absolut verkehrt oder „Verrückt“ bezeichnet werden könnte. Ich habe Nichts dagegen, wenn Sie diese subjective Meinungs-Äusserung Ihren Freunden und Verwandten mittheilen.

Hochachtungsvoll

Prof. E. Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-05-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Unbekannt
ID
44665