Sethe, Bertha

Bertha Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 20. Februar 1860

Berlin 20/2 60.

Daß Dich der Aufenthalt in Sicilien, dem schönen Enna, noch fortwährend befriedigt, freut mich sehr; wie sollte es aber auch anders, abgesehen davon, daß Du so reiche Ausbeute für Dein Studium findest, und Du also für Dein ganzes Leben sammelst, so ist doch gewiß nichts köstliches, als der Vollgenuß einer reichen schönen Natur, und das wird Dir ja in so hohem Maaße zu Theil, daß Du wohl mehr mußt zu thun haben, alle die mannigfaltigen Eindrücke, in Dir zu verarbeiten. Gibt es doch nichts, was das in uns ersetzen könnte; die Anschauungen der Kunst haben einen hohen Werth für unsere Entwicklung, aus ihnen nehmen wir das Edelste und Beste, was in uns lebt, doch das, was uns Gottes schöne Natur gibt, ist noch etwas ganz anderes, mir ist es immer, als wäre es Gottes Odem, der uns weich und warm anhaucht, belebt und erwärmt, uns ganz vergeistigt.

Gestern Morgen, Sonntag, lasen Anna und ich uns aus Schleiermachers Predigten über die Ehe [vor ], ich hätte Dich gern dabei gehabt und Dir in’s Auge sehen mögen, ich weiß es, es hätte Dich mächtig erfaßt.

Zum Geburtstag Dir zu schreiben, habe ich leider ganz verdämmert, so komme ich denn freilich etwas spät mit meinem Glückwunsch, aber nicht minder von Herzen. In dem neuen Jahr wirst Du nun Deine Laufbahn beginnen, die ja entscheidend || für Dein ganzes Leben ist, auf sie ist ja dann Dein ganzes Leben und Deine Entwickelung gegründet, und mit der Deinigen auch die Deiner Anna; so wolle denn Gott Euch Beiden den Anfang segnen, daß aus ihm heraus sich ein reiches schönes Leben in Beruf, in Wissenschaft, in gemeinsamer Freud und gemeinsamen Leid, immer fester und inniger Ihr eins werden möget in der Liebe, das ist mein Wunsch und mein Gebet. – Es ist mir sehr viel werth, daß ich jetzt Deine Anna wieder öfters sehe, es war eine rechte Lücke in meinem Leben, daß wir so lange getrennt waren, erst war sie so lange verreist, dann bei Deinen Eltern, und zuletzt kam meine und ihre Krankheit dazwischen, so daß wir auf lange eigentlich getrennt waren. Ich habe auch wieder eine böse Zeit durchgemacht, und eine ernste Mahnung bekommen, daß ich mich nicht für all zu gesund halten darf, sondern immer von Neuem auch meine Abhängigkeit von meinem Körper, und dadurch eines schweren Lebens voll Entbehrungen und Entsagungen bewußt werden soll, und das ist das schwerste für mich: Ein unnütz Leben ist ein früher Tod! – Das ist mir aus der vollen Seele gesprochen; doch da bin ich wieder bei mir, und das ist eben nicht erquicklich; mein Blättchen geht zu Ende! Ich bin mit Herz und Sinn viel bei Dir.

Deine alte Bertha.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-02-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44417
ID
44417