Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, [Wien, 29. Mai 1857] (Beilagen: zwei Reiseberichte Raxalp und kleinere Exkursionen bei Wien)

Liebe Eltern!

Eurem letzten Briefe nach seid ihr jetzt in Freienwalde und ich wünsche euch Lieben Allen ein recht vergnügtes Fest. Meinem Versprechen gemäß sende ich euch einen kurzen Bericht über das Detail unserer so höchst gelungenen Alpenfrühlingsfahrt auf die Raxalp. Der Beschluß derselben folgt mit dem nächsten Brief. Morgen (Samstag) früh wollen wir eine dreitägige Fahrt nach Ofen und Pesth (per Dampfschiff hinab, per Eisenbahn zurück) unternehmen. Ich habe diese Woche viel Glück gehabt. Auch den physiologischen Cursus bei Prof. Ludwig habe ich endlich zu Stande gebracht, worüber ich sehr froh bin. Die Physiologie zieht mich hier von Tag zu Tag mehr an und in gleichem Verhältniß stößt mich die Medicin mehr ab. Stellweis wird mir auch schon das Schreckensgespenst des Staatsexamens fürchterlich. Gestern habe ich übrigens gehört, daß man dazu auch 13 Exemplare der Dissertation bei der Meldung mit einreichen muß. Nun habe ich aber nur noch 3. Gebt also von denen, die ich euch noch zur Vertheilung hinterlassen, ja kein einziges mehr weg, sondern sucht im Gegentheil, ob ihr sie von Leuten, denen doch nichts daran liegt, wieder zurück erhalten könnt. Ich glaube, Martens hat noch ein paar zur Vertheilung.

Falls dieser Brief ein doppelter sein sollte, so schreibt mir es, damit ich künftig nur 1½ Bogen einlege.a

An euch lieben Freienwalder Alle die herzlichsten Grüße. Vergnügte Feiertage

Euer Ernst.b

[Beilagen: 1. Bericht über die Raxalp-Exkursion vom 21. – 24. Mai 1857; 2. Exkursionen bei Wien 9./10. Mai, 16./17. Mai 1857]

Den Himmelsfahrtstag hatte ich von jeher zu einer botanischen Frühlingsexcursion benutzt, und da dieselbe durch die Gunst des Wetters und den Reiz des jungen Frühlings fast immer sehr befriedigend ausgefallen war, dieser Tag mithin in sehr gutem Andenken in meinem Naturkalender aufgeschrieben steht, so beschloß ich, ihn auch im Jahr 1857 in Wien nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen und hatte zu diesem Zweck auch bald ein halb Dutzend wanderlustiger Genossen aus dem bunten Kreise meiner Bekannten zusammengebracht. Die Gesellschaft bestand aus einem Schotten (Cowen), einem Dänen (Krabbe), einem Petersburger (Bastgen), einem Kurlaender (Boettcher), einem Bremenser (Focke), einem Berliner (Chamisso) und aus meiner Person. Wir letzteren drei bildeten sammt einem 8ten Halbnaturforscher, Mack (aus Braunschweig), frühern Senior der Nassauer in Würzburg, das botanische Comité, während die andern 4 mehr rein bummellustig waren. Donnerstag, 21/5 früh 7 Uhr fuhr diese nordische Allianz, deren Wohnungen, wie die der meisten Mediciner, alle in der Alservorstadt liegen, von dem Centrum der letztern, dem k. k. allgemeinen Krankenhause, in einem Omnibus nach dem beinah ¾ Stunden entfernten Südbahnhof ab. Schon diese Fahrt durch die staubigen (meist nicht gepflasterten) Vorstadtstraßen ist in der Frühe eines schönen Feier- oder Sonntages recht interessant, da man wohl die halbe Stadt auf den Beinen und nach den Bahnhöfen eilen sieht, um in ihrer Art „Natur zu kneipen“, d. h. nach irgend einem nahen Stationsorte zu fahren und dort im Grünen, ohne gerade ihre Bewegungswerkzeuge sehr anzustrengen, Wein u. Bier zu genießen. Demgemäß ist an diesen Tagen die Zahl der Extrazüge nach den besuchtesten Orten, wie nach Baden, fast um das 3–4fache vermehrt und Hunderttausende von Menschen werden ununterbrochen hin- und hergeschafft, so daß man jede Stunde abfahren kann. Schon das bunte Getreibe dieser geputzten und genußsüchtigen Menschenmenge machte uns diese Fahrt sehr interessant, noch mehr aber der reizende Anblick des grünen Wiener Waldes, der sich mit seinen vielen runden, wellenförmig aufeinander folgenden Sandsteinkuppen über den unabsehbaren Häusermeeren der Kaiserstadt hinzieht. Die letztere übersieht man fast in allen ihren Theilen als sehr gut, da sie bedeutend tiefer liegt, als der auf dem höchsten Außenpunkt der Stadt liegende Südbahnhof, auf dem man im 2ten Stock des Gebäudes in die Waggons einsteigt. Auch weiterhin bleibt die Bahn meist beträchtlich über der Ebene erhoben, so daß links der Blick frei über die weiten, grünen, fruchtbaren Flächen bis zum Leithagebirg, das östlich den Horizont umzieht, hinschweift, während rechts (westlich), eine stete Abwechslung der heitersten und buntesten Landschaftsbilder das Auge in ununterbrochener Aufmerksamkeit erhält. Die Vorstädte Wiens setzen sich nach außen überall unmittelbar in große Dörfer fort, die durch die zahlreichen schönen Villen, Gärten, Landhäuser, Parks und Sommerfrischen der reichen Wiener ein sehr anmuthiges Ansehen erhalten und in stetem buntem Wechsel bis über Baden hinaus am Fuße des grünen Kahlengebirgs und weiterhin des Wiener Waldes sich hinziehen. Den belebtesten, interessantesten und schönsten Theil dieses Zuges bildet die Strecke zwischen Brunn und Vöslau und innerhalb dieser wieder diejenige von Mödling bis Baden. In Mödling stiegen wir nach ¾stündiger Fahrt aus undc wanderten zunächst in die Brühl herauf, dem herrlichen Kalkfelsenthal, in dem wir auf unserer ersten Excursion (am 9/5) zum ersten mal die kostbaren Naturschönheiten hatten kennen lernen, die Wiens nächste Umgebung so sehr von derjenigen aller andern großen deutschen Residenzen auszeichnen. Es ist eigentlich eine enge, tief und zackig ausgeschnittene Schlucht, mit nacktem gelbem Kalkgestein und dunkelgrünen || Waldabhängen, überwiegend aus der sehr interessanten Pinus austriaca (sive nigricans) gebildet, einem sehr von unseren Föhren und Tannen im ganzen Habitus abweichenden Nadelholz mit knorrig starkem, untersetztem Stamm und fast schwarzgrüner Nadelkrone, die sich meist in Gestalt eines flachen doldenartigen Schirms über dem Gipfel des meist niedrigen und dicken, aber bis hinauf zur Krone ganz kahlen und astfreien Stammes ausbreitet. Bald gleicht sie mehr der Pinie, bald mehr der Kiefer, ist aber durch das düstere Schwarzgrün der Nadeln, die mattgraue Rinde des knotigen, nackten Stammes und die kurze gedrungene Statur leicht schon von weitem zu unterscheiden. Einen ganz reizenden Gegensatz bilden zu dieser östreichischen Schwarzföhre jetzt im Frühling die freudiggrünen Laubholzgruppen, die in der lieblichsten bunten Zeichnung überall aus dem schwarzen Bergmantel der erstern hervorleuchten und an Reinheit und Intensitaet der prächtig hellgrünen Farbe mit den jungen Wiesenmatten wetteifern, die den Boden des Thals bekleiden. Selbst die gelben Kalkfelsen nehmen sich in diesem Bilde recht gut aus, zumal sie stellenweis mit leuchtend bunten Blumenheerden bekleidet sind, und rechnet man dazu noch das bunte Leben, das die weit im Thal sich hinaufziehenden Land- und Bauernhäuser, die geputzten Sonntagsbesucher und im Gegensatz dazu die zahlreichen Ruinen, die, theils künstlich, theils natürlich, die Berghöhe überragend, hervorbringen, so hat man ein recht ansprechendes und wechselvolles Landschaftsbild, das bei dem herrlichen Frühlingsmorgen zu doppeltem Naturgenuß aufforderte. Jauchzend und singend wanderten wir denn auch munter und jugendlich frisch in der herrlichen Gebirgsnatur vorwärts, erklommen zuerst die Trümmer der Markgrafenburg, von denen aus, am Eingang des Thals, man einen prächtigen Überblick desselben und einen Durchblick auf die weite Ebene genießt, dann, durch dichtes Gebüsch über 500ꞌ steil aufkletternd, den Siegenstein, den höchsten der umliegenden Berge, dessen Gipfel ein dorischer Tempel, der sogen. Husarentempel, ziert. Hier genossen wir die erste prachtvolle Aussicht, östlich auf die weite, unabsehbare Ebene, mit ihren fruchtbaren Feldern und Gräben, durch viele 100 Dörfer, Landgüter und Städte belebt und am Horizont von der flachen Wellenkette der Leithagebirge bekränzt, nördlich die in einem verworrenen Knäuel verschmolzenen Häusermassen Wiens, aus dem nur der riesige Stephansthurm als überall kenntliches Wahrzeichen hervorragt, weiterhin die gebüschumschlossenen Donauufer, westlich in die grünen Bergketten des Kahlengebirgs und Wiener Walds übergehend, die sich in schönen Wellenformationen bis zu den nächsten Bergen der Umgebung heranziehen. Auch nach Süden setzt sich dieser grüne Höhenzug weiter fort, erhält hier aber einen großartigen Hintergrund durch den kahlen, weißgefurchten Riesenrücken des lang hingestreckten Schneeberges, an den sich im Südwesten noch einige andere Schneefelder aus den steirischen Alpen anschließen. Von der hohen Aussichtswarte herabgestiegen, durchschnitten wir einen Theil dieses grünen Waldgebirgs, indem wir im Nordwesten von Baden über Gaden nach Heiligkreuz gingen, ein sehr anmuthiger, vierstündiger Waldweg, abwechselnd durch Laub- und Nadelholz, der in ersterem uns auch, besonders an den freien Stellen, sehr schöne botanische Ausbeute lieferte, die freilich nicht so mannichfaltig ist, als die ungemein reiche Kalkflora am Eingang der Brühl, wo wir eine Masse Hesperis tristis, Alyssum montanum, Arabis petraea et turrita, Cytisus ratisbonensis, Globularia cordifolia et vulgaris, Erica carnea, Daphne Cneorum, Primula acaulis, Muscari etc gefunden hatten. Bei Gaden begegnete mir auch zum erstenmale Androsace maxima und Dentaria enneaphyllos.|| Sogar mein zoologischer Sinn wurde durch viele Genüsse überrascht, indem überall in Menge die ganz prachtvolle grüne große Eideche des Südens, mit dem blauen Kopfe (Lacerta viridis) auf den grasigen Felsen sich sonnte und dazwischen riesige Exemplare von Coluber Aesculapii, einer gegen 4ꞌ langen, schwarzbraunen Schlange sich e zeigten, von denen ich eins beim Heraufklettern auf einen Baum zu fangen das Glück hatte. Sehr zahlreich zeigte sich hier, wie nachher im Helenenthal, die Blindschleiche, überall von einer bei uns ganz ungewöhnlichen Größe. Von Heiligenkreuz aus, wo wir uns unter einer Menge anderer Sonntagsspaziergänger mit Fourage versorgten, wurde der anmuthige Weg noch viel schöner, indem er, südöstlich dem Lauf des Schwächatbaches folgend, in das herrliche, vielberühmte Helenenthal herabführte, welches wohl mit Recht unter allen landschaftlichen Umgebungen Wiens den ersten Rang einnimmt, obwohl zum Theil schon zu viel daran herumgekünstelt ist. Mitten durch die mit frischen Matten bedeckte Thalsohle schlängelt sich der vielgekrümmte Bach, zu dessen Seiten die hohen, vielfach in Formation und Bekleidung wechselnden Thalwände, bald felsig, bald waldig, hier eng zusammentreten, während sie gleich darauf wieder weit kesselartig divergiren. An einer Stelle drängen sie den Fluß so eng zusammen, daß die das Thal ganz abschnürende Felswand (Urtelwand) durch einen Tunnel durchbrochen werden mußte. Oberhalb dieser letztern steigt an der rechten Thalwand von den Krainer Hütten aus das „eiserne Thor“ empor, der höchste Berg in diesem Abschnitt des Wiener Waldes, den wir, durch die Genüsse des Morgens ermuntert, noch zu besteigen beschlossen, obwohl es schon 4 Uhr Nachmittags vorbei war, als wir an seinem Fuß anlangten. Auch kamen wir nach beinah 2stündigem angestrengtem Steigen glücklich auf dem steilen hohen Gipfel an, wurden aber im Betreff unsers Hauptzweckes schmählich betrogen, indem das hohe Unterholz uns jede Aussicht vollkommen verschloss. Zwar erhob sich in Mitten desselben auf dem höchsten Punkt ein sehr hoher Aussichtsthurm, über dessen Thür in großen goldnen Buchstaben stand: Fuerst Simon Sina dem Vergnuegen des Publicums! Allein – diese Thür war und blieb zu, trotzdem wir nicht nur auf jede Weise ein menschliches Wesen daraus hervorzulocken, sondern auch geradezu ihn zu stürmen versuchten und mit Bäumen und Felsen gigantenartig den Thurm berannten. Unverrichteter Sache mußten wir bald wieder abziehen, hatten jedoch die Genugthuung, beim Herabweg auf ein paar freie Waldplätze zu gelangen, von denen wir zwar kein ganzes Panorama, aber doch ein paar sehr schöne Theilansichten, theils über das ganze Gebirge bis (nördlich) Wien, theils nach dem Schneeberg und seinen Alpen (südlich) genossen. Auch der letzte Theil des schönen Helenenthals, mit einigen grandiosen Ruinen auf hoher, steiler Felswand geschmückt, den wir schon auf unserer durch Regen mißglückten Tour am Sonntag vorher (17/5) kennen gelernt hatten, bot uns zuletzt noch ein sehr befriedigendes Ende unserer Excursion. In Baden langten wir erst gegen 9 Uhr an und trennten uns hier in 2 Parthien, indem die Majoritaet nach Wien zurückfuhr, während Focke und Chamisso zurückblieben, um, durch das gute Wetter ermuthigt, eine schon vorher verabredete Frühlingsparthie in die so nahen Alpen, in specie eine Besteigung des Schneebergs, zu versuchen. Ich selbst wollte zwar anfänglich nicht daran Theil nehmen, da ich nur sehr ungern Freitag bei Bruecke die physiologische Vorlesung versäumte, konnte es aber doch unmöglich übers Herz bringen, eine so herrliche Gelegenheit zur Erfüllung eines Lieblingswunsches, nämlich die Alpen im Frühling || kennen zu lernen, zu versäumen, zumal ich Samstag (wo in Wien Ferialtag und kein Colleg ist) und Sonntag zu Haus doch nichts verlor. Ich war also leicht gewonnen und blieb mit da, obwohl keineswegs für eine Alpentour ausgerüstet. Nicht nur hatte ich meine Alpenschuhe nicht bei mir, sondern auch außer Pflanzenpresse, Regenschirm und Plaid keine andre Wäsche als die ich auf dem Leibe trug. So mußte mir denn den Mangel der Wäsche mein trefflicher alter Plaid, der vielerprobte Freund ersetzen, was er denn auch gleich in der ersten Nacht (wo uns der Zufall in ein Wirthshaus geführt hatte, wo man für Schlafgeld, in dem sonst so theuren Badeort, nur 10 xr zahlte!!) in der Art that, daß er mir als Bett und Hemd zugleich diente. Das eine Hemd, was ich nur mit hatte, ruhte von den Strapatzen des Tages auf einem Stuhl aus und trocknete sich, und ich wickelte mich in puribas naturalibus in meinen Plaid, wie schon öfter auf den Alpen und in Italien. Das Bett zerfiel nämlich bei einem kräftigen Versuch, den ich machte, mich hineinzulegen, in Trümmer und so blieb mir nur der Boden übrig. Auch sonst war diese denkwürdige Nacht reich an Ereignissen, die uns folgenden Tags noch viel Stoff zum Lachen gaben. An Schlaf war nicht viel zu denken, da verschiedene Insecten, namentlich Wanzen, an denen hier nirgends Mangel ist, uns ebenso wenig dazu kommen ließen, als die furchtbare Hitze in der engen Kammer, die uns in ein wahres russisches Schwitzbad versetzte. So vertrieben wir uns denn die Nacht mit Erzählungen und schlechten Witzen und amusirten uns sehr über Chamisso, der noch nie so etwas durchgemacht hatte und ganz außer sich darüber war. Endlich brach der Morgen sehr erwünscht an und wir hatten vor Abgang des Zuges (um 9 Uhr) noch Zeit genug, uns an der Sonne ordentlich zu trocknen. Auf dem Bahnhof genossen wir noch ein classisches Genrebild, eine Zigeunerfamilie, die von Gensdarmen nach Haus transportirt wurde. Wohl über 1 Dutzend Kinder, orgelpfeifenartig aus allen Größen, kletterten wie Katzen auf dem kräftigen Vater und der schönen Mutter herum, lauter herrliche nackte Naturgestalten, muskulös und doch zierlich, mit dunkelbrauner Haut, rabenschwarzen Augen und Haaren, edlen, lebensvollen, feurigen Physiognomien. –

Fast auf der ganzen Fahrt von Baden bis zur Anfangsstation der Semmeringbahn (Glocknitz) hat man zur Rechten den grandiosen Schneeberg vor sich, der sich mit seinem breiten, schneedurchfurchten Rücken wie ein Riese aus den niedern Vorbergen plötzlich erhebt und in allen einzelnen Parthien immer großartiger und deutlicher hervortritt, je näher man ihm schrittweise rückt. Anfangs sieht man auch zur Rechten noch die Umgebungen des Helenenthals und weiterhin Vöslau mit seinen berühmten Weinbergen, bis wohin sich noch immer die Villen und Güter der reichen Wiener erstrecken. Doch tritt diese liebliche Hügelkette bald mehr zurück und hinter Wienerisch Neustadt (wo die Bahn nach Oedenburg abgeht) wird f die Gegend selbst etwas einförmig, weite Maisfelder und dunkle Tannenwaldung, bis sie bald wieder in anmuthiger Abwechslung, Bergwälder und Felsen, Ruinen und Schlösser, Dörfer und Wiesen zeigt und endlich gegen Glocknitz hin immer schöner und zuletzt schon ganz alpenhaft wird. Hier sahen wir zum erstenmal die großen, schweren Riesenlocomotiven, mit denen der Semmering allein befahren werden kann. Wir fuhren noch die nächste kleine Station bis Peyerbach und befanden uns schon mitten in den Voralpen. ||

„Alpen im Frühling!“ Das war so lange mein sehnlicher Wunsch gewesen und stand nun mit einem Male fertig vor mir da. Vergeblich würde ich die Wonne zu schildern versuchen, mit der ich mich jetzt plötzlich in die herrliche Alpennatur versetzt sah, mit der ich gierig ihren unvergleichlichen Anblick von der grünen Thalsohle bis zum beschneiten Hochgebirgsfirst, vom schwarzen Tannenwald zum malerischen Felskegel, vom lustigen Alpendorf bis zur einsamen Sennhütte einsog und schon im Geist vom einen zum andern wanderte. Das waren von jeher die freudevollsten Lebensmomente für mich, wenn ich, des trostlosen Staubes des Alltagslebens müde, die Menschen und Städte und ihren traurigen Wust satt, in der großen, weiten, reinen Natur den Frieden und das Glück fand, das ich dort vergeblich anstrebte. Wie Antaeus, von Hercules im Ringkampfg erdrückt, jedesmal wieder auflebte und neue Kräfte schöpfte, wenn er mit der Mutter Erde wieder in Berührung kam, so lebte ich auch jedesmal wieder auf, so oft ich, von der Trostlosigkeit unbefriedigten Strebens, von der Unzufriedenheit mit mir selbst und der Welt, fast überwältigt, an nie versiegender Quelle edelsten und reinsten Naturgenusses mich selbst vergesse und in der bewundernden Anschauung des wundervollen Erdenkleides neue Kraft und neuen Lebensmuth schöpfe. So oft schon hatte mich der süße, trostvolle Friede, den ich aus diesem innigen Naturverständniß schöpfe, mit stiller, herzlichster Freude erfüllt, selten aber mit solcher Intensität, wie diesmal, wo so Vieles zusammenkam, um mir die göttliche Alpennatur im blühendsten Glanze zu zeigen. Wie oft hatte ich h im Genuß der Hochalpen und in der Rückerinnerung ihr Frühlingskleid mir prächtig in Gedanken ausgemalt und wie sehr fand ich dies alles jetzt hier übertroffen! Und wie wurde dieser mächtige Reiz gesteigert durch die kühne Combination eines Riesenwerks von Menschenhand inmitten dieser Naturpracht, durch die unvergleichliche Semmeringbahn, den colossalen Schienenweg mitten über das Hochgebirg, dessen Befahrung den köstlichen Beschluß unserer nur kurzen, aber unendlich genußreichen Alpenwanderung bildete. Vergeblich würde ich den Versuch wagen, euch naturentsprechend die Reihe unendlich mannichfaltiger, für den Naturforscher in specie ungemein fesselnder Landschaftsbilder auch nur im Umrisse vorzuführen, die sich in diesen 2 Tagen in buntem Wechsel an uns vorüberdrängten. Nur andeuten kann ich, daß der größte Theil dieses Genußes durch die Anschauung der grade jetzt hier überaus herrlich entwickelten Pflanzendecke bedingt wurde, die ja überhaupt für den Character der Landschaft die überwiegend größte Bedeutung hat, i die aber unter diesen Verhältnissen sowohl in landschaftlicher, als pflanzengeographischer Beziehung, sowohl in aesthetischer als systematischer Beziehung ein ganz besonderes Interesse bot, so daß ich selten mit so innigem Vergnügen, wie hier, ihren Erscheinungen gefolgt bin. Ist doch schon in unserer Ebenenflora das Frühlingskleid das Allerschönste, um wie viel mehr in der herrlichen Alpenflora, die jene erstere j noch in höherem Maaße übertrifft, als der Reiz des Frühlings den des übrigen Jahres. Wie wunderbar prachtvoll waren grade jetzt überall die noch mit dem zartesten Grün geschmückten Wiesenmatten und Laubholzgruppen inmitten des schwarzgrünen Föhrenwaldes, wie köstlich die mit den reinsten, schönsten Farben gezierten einfachen Blumenglocken, die als die ersten Geschenke der Flora überall auf Fels und Weg, in Wiese und Wald prangten, die weißen Anemonen (silvestris, alpina), die gelben Primeln (acaulis, auricula), die rothen Primeln (farinosa, spectabilis), die blauen Gentianen (verna, acaulis), die kreuzblüthigen Cardamine (amara, trifolia) und wie sie alle weiter heißen! || Jauchzend und singend wanderten wir von Peyerbach, unter dem ersten Viaduct der Semmeringbahn hindurch, deren kühnen Lauf wir noch hoch ins Gebirg zurück verfolgen konnten, dem Laufe der klaren Schwarzau entgegen hinauf, eines frischen schäumenden Gebirgsbaches, der unterhalb Glocknitz in das Wiener Becken tritt und weiterhin den Stamm der Leitha bildet. Über einem Querriegel traten wir in den reizend idyllischen, ganz in sich abgeschlossenen Thalkessel der Reichenau, in derem netten Schweizergasthaus wir uns für die kommende Wanderung stärkten und dabei am Anblick der reizenden Umgebung sattsahen. Rechts von uns lag der mächtige Schneeberg, nur in den Wurzeln sichtbar, links das Ziel unsrer morgigen Tour, der mächtige, breite Rücken des Wachsriegels und der Raxalpe, von deren zackigen Firsten lange Schneebinden und Firnfelder weit am Gehänge hinab sich senkten. Zwischen beiden führte uns der wild romantische Pfad in das ungemein großartige Höllenthal hinein, dessen außerordentliche Reize uns so fesselten, daß wir den kaum 4 Stunden langen Weg in mehr als 7 Stunden erst zurücklegten. Der prächtige, wilde, starke Schwarzaubach bahnt sich mit seinen klaren, dunkelgrünen Wassermassen in brausendem Sturz den Weg durch die zerklüftete Schlucht, zu deren beiden Seiten die zackigen Kalkfelswände sehr steil und hoch emporsteigen, bald nackte, groteske, phantastische Steinbilder, bald mit schwarzem, dichtem Mantel der Pinus austriaca (der oben erwähnten, so characterischen, östreichischen Schwarzföhre) behängt, oder mit dem zartesten, frischesten Frühlingsgrün des knospenden Laubwaldes, hoher Buchen und starker Eichen, dann und wann von Schaaren schlanker Lärchen geziert. Kaum findet der an den schönsten Hochgebirgslandschaftsbildern so reiche Weg Raum in der felsigen Enge neben dem wild einher stürmenden Bach, den er auf vielen Brücken sehr oft überschreitet, bald rechts, bald links, bald unmittelbar neben, bald hoch über ihm. Am Eingang des Thals liegt ein schönes großes Hammerwerk mit einer Hauptkohlstätte von 40 Meilern. Weiterhin erinnern nur einzelne Holzknechtkasernen und braune Sennhütten an menschliche Spur. Schon gleich beim Eintritt in das Thal bewillkommnete uns eine Deputation reizender Alpenpflänzchen: Cineraria aurantiaca – Primula farinosa, – Gentiana verna, Pinguicola vulgaris et alpina, denen weiterhin Gentiana acaulis, Atragene et Anemone alpina, Cardamine trifolia, Erica carnea, Polygala Chamaebuxus (eine prächtige rothe Varietaet), Lonicera alpigena, Viola biflora etc folgten. Kaum wußten wir, wo wir bei all den Herrlichkeiten zuerst unsere Blicke hinwenden sollten, auf die herrlichen Frühlingsblumen oder den prächtigen, laubgemischten Schwarzwald, auf den wilden, grünen Bach oder die großartige Felsscenerie. Den Gipfel majestätischer Wildheit erreichte letztere gegen Ende unserer Wanderung, wo sich links die so genannte „große Hölle“ öffnet, ein furchtbar wilder und großartiger Thalkessel, beinah amphitheatralisch halbrund, indem von drei Seiten aus ganz nackte, glatte, gelbe, wild zerklüftete Kalkfelsen so jäh und steil zum ewigen Schnee aus dem flachen grünen Pianoboden des Kessels emporsteigen, daß nirgends die Vegetation auf ihren nackten Schultern haften kann. Ich erwartete unwillkührlich, im Hintergrunde des Kessels einen See zu finden, so sehr erinnerte mich das gigantische Amphitheater an die Umgebung des Gosausees. || Allein es fehlt am Eingange des Thals der felsige Querriegel, der die abfließenden Schneewässer gedämmt und angestaut hätte. Auch an die kleinere Schneegrube der Sudeten konnte das Bild erinnern. 1 Stunde weiter fanden wir ein gastliches Unterkommen bei der „Singerin“ einer kleinen Gebirgskneipe, die die Nachtheile der Civilisation mit den Vortheilen eines Alpenhauses verband. Nach prächtigem Schlaf, der uns für die vorige Nacht mit entschädigte, wurden wir schon früh durch den Lärm einer Schaar von einigen 100 Ungarn geweckt, die nach Mariazell wallfahrteten. Zugleich spielte uns auch k ein glücklicher Zufall einen Führer in die Hände, der sonst sehr schwer zu finden gewesen wäre. Es bot sich uns ein alter Sennhirt an, der den k. k. Jägern am Fuß der Raxalp Lebensmittel heraufbringen sollte. Um 6 Uhrhr früh traten wir mit ihm unsre Alpenwanderung an beim herrlichsten Maienwetter, das uns auch während unsrer ganzen 4tägigen Tour getreu blieb. Wir wendeten uns links vom Schwarzauthal ab, indem wir die westliche Richtung in eine südliche änderten und wanderten eben 1 Stunde in dem malerischen Naßthale aufwärts, das anfangs mehr weit und lieblich, später enger und wilder wird. Felsen engen es endlich auf kurze Strecken weit so von beiden Seiten [ein], daß eine schmale Brücke der Länge nach über den tosenden Bach hinkriechen muß. Um zu der Jagdstation aufzusteigen, bogen wir dann bald links vom Wege ab und kletterten auf einem sehr steilen Fußsteige, der fast treppenartig an der jähen Bergwand emporstiegl, über 2 Stunden lang beständig bergauf. Höchst interessant ließ sich hier das allmähliche zurückweichen der Vegetation in den Winter verfolgen, indem die Flora mit der zunehmenden Steigung monateweis zurückgeblieben war, je höher und kälter, um so weiter. Daphne Mezereum z. B. einer unserer frühesten Sträucher, der bei uns in der Ebene schon im März Früchte ansetzt und den wir unten im Thal noch jetzt blühend gefunden hatten, hatte hier oben kaum erst Knospen getrieben. Sobald wir über die dunkle Waldregion hinauswaren, fingen auch schon einzelne Alpenpflänzchen, die sonst nur mit Früchten mir vorgekommen, blühend sich zu zeigen an: Soldanella alpina, primula auricula, Dentaria enneaphyllos (letztere beide bei Baden schon längst verblüht!). Die landschaftlichen Durchblicke, die wir schon während des Steigens auf freien Waldplätzen und nachher noch offener auf dem nicht mehr baumtragenden Plateau genossen, waren sehr eigenthümlich, da man überall in die wilde, nackte Winternatur der noch dickbeschneiten Alpenkämme hineinschaute, deren bizarre Felszacken in phantastischen Gruppen aus den weiten Schneefeldern vorragten. An der großen Sennhütte, zu der unser Führer die Lebensmittel zu bringen hatte und die Standquartier von etwa 1 Dutzend Kaiserlicher Alpenjäger war, die dem Auer- und Birkhahn nachstellten, rasteten wir ein wenig und wurden von dem freundlichen „Waldmeister“, einem behäbigen, dicken, freundlichen Herrn mit Brod und Wein erquickt, was uns sehr zu Statten kam, da die Sennerinnen erst etwa einen Monat später heraufziehen und wir also auf dem ganzen Wege nichts mehr bekommen konnten. Schon bald oberhalb dieser Hütte begannen die Schneefelder, über die wir jetzt etwa 3 Stunden, jedoch immer mit Unterbrechungen durch größere Strecken schon freier Matten, hinanzusteigen hatten. Anfangs machte es uns viele Freude, so in unmittelbarer Abwechslung über weite Schneefelder und dazwischen grüne, mit herrlich blühenden Alpenpflanzen geschmückte Matten hinzuschreiten; allmählich aber wurde es doch etwas beschwerlich, namentlich als die steigende Sonne die obersten Schneeschichten durchweichte und wir bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsanken. Am meisten hatte ich zu leiden, da ich wie erwähnt, auf die ganze Tour nicht eingerichtet war. || Zwar hatte ich den mangelnden Alpenstock durch einen jungen Tannenstamm ersetzt, aber die Alpenschuhe fehlten mir sehr, zumal an meinem einen Stiefel sich schon tagszuvor die Sohle völlig abgelöst hatte, so daß ich ihn nur durch sandalenartiges Zusammenbinden mit Bindfaden noch ziemlich roh zusammenhalten konnte. Freilich hinderte dies nicht, daß der bloße Fuß bei jedem Tritt mit dem eisigen Schnee in Berührung kam, so daß er mir zuletzt ganz starr und empfindungslos wurde. Auch meine grüne Gletscherbrille vermißte ich schmerzlich, indem der glänzende Lichtreflex der unbewölkten Sonne auf dem weißen Schneespiegel die Augen so heftig blendete, daß ich fast eine Augenentzündung befürchtete. Doch blieben wir trotz dieser Unannehmlichkeiten in der herrlichsten Stimmung, da die umgebende Alpennatur nah und fern zu entzückend schön war und immer schöner und großartiger wurde, je höher wir hinaufkamen. Die Vegetation blieb freilich bis auf das reichlich überall umherkriechende Knieholz, und viele Moose und Flechten bald gänzlich aus. Doch hatten wir in der untersten Zone desselben noch einen schmalen Streifen voll der schönsten Alpenblumen gefunden: Primula Auricula und die überaus prachtvolle Primula spectabilis mit ihren colossalen Purpurglocken, Draba aizoon, das prächtige echte Alpenveilchen (Viola alpina) mit großer violetter Blüthe, welches von allen Alpenblumen jetzt am höchsten hinaufging, Thlaspi alpinum, ein Saxifraga, Gentiana etc. Bis zum Gipfel hinauf wurde jetzt der Boden ganz polarmäßig nackt und kahl, nur schnee- und eistragend, felsig und moosig dazwischen. Grade um 12 Uhr Mittags hatten wir den Gipfel der Raxalpe erklommen, 6388ꞌ ü. M. also nur wenig niedriger als der colossale, nackte Schneebergrücken, der uns jetzt im Nordwest grade gegenüber lag und den freien Blick in das weite ebene Wiener Becken größtenteils verdeckte. Um so herrlicher war die Aussicht nach allen andern Seiten, und so eigenthümlich, wie ich sie nie gesehen. Es fehlte nämlich alles Grün, das sonst dem Blick in das Innere des Hochgebirgs so etwas wohlthuend heimisches verleiht. Hier war aber in der That nichts, als überall Schnee und Eis und dazwischen nur die schmalen nackten Rücken und Firste, die wegen ihrer Steilheit demselben keinen Anhaltspunkt bieten und frei davon bleiben. Aber diese Aussicht hatte etwas ergreifend Großartiges: Diese hunderte und tausende von nahen und fernen Zacken und Spitzen, Kuppen und Hörnern, bunt und wild über- und durcheinander gethürmt, und überall zwischen dem düstern Schwarzbraun der nackten Felsen das schimmernde Silberweiß des blinkenden Schnees, der sich rings um den ganzen Horizont scharf von dem dunkelblauen Himmel abhob. Und welche großartige Natureinsamkeit; kein lebendes Wesen sichtbar; die Vegetation zu unsern Füßen verschwunden; kein Laut in der erhabnen Stille hörbar. Nur einmal wurde die lautlose Stille durch ein eigenthümlich kläffendes Geräusch unterbrochen und als wir hinblickten, sahen wir einen Fuchs ein einsames Schneehuhn aufjagen und dann in gestrecktem Lauf den nächsten Abhang hinuntereilen. Mir wurde so wunderbar wohl und weit in der zauberhaften Eiswelt zu Muth, daß ich gern noch stundenlang in das herrliche Panorama hineingesehen hätte. Auch der ungestüme, eiskalte, reine Wind, der von den fernen Gletscherhöhen herüberschnob, war mir nicht unangenehm, sondern ich ließ ihn, wie so oft auf meinen Alpenwanderungen, frei um Hals und Brust streichen; um so empfindlicher war er meinen Gefährten, die endlich mit dem Führer aufbrachen und denen ich nur ungern zögernd folgte, nachdem ich noch einen letzten Scheideblick zum Thor- und Dachstein, meine alten Hallstadter Freunde, hinübergesendet. ||

Sehr interessant und ganz beträchtlich war der Unterschied, den der Südabhang der Raxalpe, den wir jetzt hinunterstiegen, in Bezug auf Temperatur, Klima und Flora gegenüber dem Nordabhang, den wir hinaufgekommen, zeigte. Während auf letzterem schon mehrere 100ꞌ unter dem Gipfel keine Blume mehr zu finden gewesen, stiegen hier unter dem erwärmenden Einfluß einer fast senkrecht auf den Boden auffallenden Sonne einzelne blühende Alpenveilchen fast bis zum Gipfel hinan. Und nur wenige 100ꞌ tiefer entfaltete sich ein wahrer Garten mit tausenden der herrlichsten Alpenblumen, die wir aufwärts nur theilweis und spärlich entdeckt hatten. Wir entließen hier unsern Führer, einen treuherzigen alten Burschen, nachdem er uns den Rückweg genau beschrieben und warfen uns mit Wonne in den prachtvollen Blumengarten, der den ganzen Südabhang im üppigsten Frühlingsflor bedeckte, und noch von keinem Menschen und Thier, d. h. von keinem Botaniker und keiner Kuh angetastet, in jungfräulicher Fülle und Reinheit uns entgegenstrahlte. Da war vor allem in Millionen von Exemplaren eine der schönsten Alpenpflanzen, eine Primel mit fast 1" langer und breiter, prächtig violett-purpurner Blüthe (Primula spectabilis), welche zusammen mit den kaum minder zahlreichen Gentianen (acaulis und verna, beide dunkelblau) ganze Abhänge violett färbte. Dazwischen mit dem schönsten und reinsten Goldgelb die n wohlriechende Aurikel (Primula Auricula) und Draba Aizoon, verschiedene weiße Kreuzblümchen (Arabis Halleri, Thlaspi alpinum), Androsace villosa, allerliebste kleine Zwerg- und Weidenbäume von ½–2" Höhe mit 1–3 purpurnen Kätzchen, immergrüne Bärentrauben (Arctostaphylos officinalis) mit rothen Beeren und weißen Blüthenglöckchen, die strauchige Erica carnea, deren Blüthen hier noch einmal so dunkelroth als unten im Thal waren, Soldanella alpina etc. Kurz eine so üppige Fülle der schönsten Alpen-Frühlingspflanzen, daß wir uns mehrere Stunden nicht von ihnen trennen konnten und unsere Botanisirbeutel mit hunderten von Exemplaren füllten. Auch weiter unten war die Flora sehr interessant, namentlich in der tiefeingeschnittenen, schneereichen Schlucht zwischen Schnee- und Raxalp, wo uns die großen weißen Blüthenglocken des Helleborus niger und der Dentaria enneaphyllos überraschten, ferner der seltene Ranunculus Thora und weiter gegen die Baumregion herab dichte Haine der niedern, strauchigen Alpen-Erle (Alnus viridis). Aus letzteren traten wir in einen herrlich maigrünen Lärchenhain, und durch gemischte Schwarzföhren- und Fichtenwälder, gemischt mit schlanken, luftig-lockeren Edeltannen, ging es dann ziemlich steil in das einsame Breiethal, zwischen Raxalp und Semmering, herab, in dessen dunkelm, kühlem Grunde ein lieblicher Weg uns in kurzer Zeit nach Kapellen führte, dem an der Einmündung des letztern in das Mürzthal gelegnen Gebirgsdorfe. Der Abend war so reizend, daß wir, obwohl tüchtig ermüdet, doch noch über 1 Stunde in dem schönen Mürzthale, dem Laufe der prächtig dunkelgrünen, wild-frischen Mürz entgegen, umherschlenderten. Erst nach völlig eingebrochener Nacht gelangten wir [in] unser vortreffliches Nachtquartier zurück, o (Wedl‘s Hirsch in Kapellen) welches durch ausgezeichnete Quantität und Qualität der festen und flüssigen Nahrung, durch fabelhaft billige Preise und große Gemüthlichkeit der netten Wirthsleute, echten Steiermärkern, mich lebhaft an die urgemüthlichen Kneipen im Salzkammergut und Tirol erinnerte, wo ich mich im Herbst 55 so wohl befunden. Besonders vortrefflich war aber hier der schwarzrothe Steiermärker Wein, an dem unsere durstigen Kehlen, mit Gratzer Sauerbrunn gemischt, sich kaum satt trinken konnten.||

Sonntag, 24/5 hatten wir von Kapellen bis Mürzzuschlag, der südlichen Endstation der Semmeringbahn, nur noch einen kleinen Marsch von 2 Stunden durch die östlichste Strecke des lieblichen Mürzthales; doch brauchten wir dazu fast den ganzen Vormittag, indem wir auf den blühenden Wiesengründen und an den tannenbewachsenen Bergabhängen mit Muße noch manche schöne Pflanze sammelten, namentlich in einem kleinen Seitenthale das reizend zierliche Isopyrum thalictroides, dann Gentiana aestiva, Geranium phaeum etc. Um 12 Uhr Mittags bestiegen wir im Mürzzuschlagp den Zug, der uns mit Hülfe einer der colossalen schwerfälligen Alpenlocomotiven (mit ganz kleinen Schwungrädern, sehr schwerer Basis und vielen besonderen, eigens für diesen Zweck erfundenen, Mechanismen), über den Semmering schleppen sollte. Der Genuß, den uns diese zweistündige, in ihrer Art ganz einzige Alpenfahrt, gewährte, war ganz außerordentlich, übertraf bei weitem unsere, obwohl nicht wenig gespannten Erwartungen und bildete einen würdigen Beschluß unsrer in jeder Beziehung so höchst gelungenen Frühlingsalpenexcursion, die mich mit einem solchen Schatze der interessantesten, neuen Naturanschauungen bereichert hatte. Vergeblich würde ich versuchen, euch q mit Worten die ungemein großartigen Reize dieses mit dem riesigsten Kräfteaufwand und Überwindung der größten Schwierigkeiten mitten durch die Alpen gelegten Schienenweges nur einigermaßen anschaulich zu schildern. Ihr müßt selbst kommen und sehen! Dies war der einzige Wunsch, den ich beim Genuß dieses Wunderwerks hatte. Am ehesten möchte ich es an Kühnheit der Ausführung und Reichthum wechselvoller Naturreize noch mit der Wormser Jochstraße, die mich damals so sehr entzückte, vergleichen, wenn es nicht doch so vieles ganz Eigenthümliches hätte; namentlich verleiht das Durcheilen dieser prächtigen Berge auf den Flügeln des Dampfes dem Ganzen einen ganz eigenen Reiz. Übrigens wird, nur bergauf, bis zur Höhe des Passes (2790ꞌ ü. M.) mit voller Dampfkraft gefahren, was wegen der sehr starken Steigung r doch nur sehr langsam fördert; bergab läuft der Zug ganz von selbst und die schwerfällige Locomotive hat nur zu hemmen und den Lauf zu mäßigen. Die Steigung ist übrigens sehr wechselnd, und sinkt oft plötzlich von 1:40 (ein Fuß Steigung auf 40ꞌ Weite) auf 1:400. Der Gipfelpunkt der Bahn durchbohrt die Spitze des Semmering (der noch 300ꞌ höher ist) mit einem 4600ꞌ langen Tunnel, durch den wir 5 Minuten herauf fuhren. Außerdem zählte ich noch ca 15 Tunnels, darunter 6 größere. Einige sind seitlich s durch Lucken durchbrochen, durch welche Licht hereinfällt, und von denen jede einzelne ein ganz reizendes Bild einer kleinen in sich geschlossenen Alpenlandschaft giebt. Auch die Brücken und Viaducte, oft 2–3 Bögen Etagen über einander, sind ganz großartig und ziehen sich stellenweis kühn an senkrecht abstürzenden Felswänden hin, während sie an andern Stellen ganze Thäler und tiefe Schluchten überspringen. Die Umgebungs-Landschaft trägt überall den erhabnen Hochgebirgscharacter: tiefeingeschnittne Thäler und scharfgezackte Kuppen, nackte Felsen und dunkelbewaldete Bergabhänge, lieblichgrüne Wiesengründe und durch sie wie Silberfäden durchziehend klare Bäche. Belebt wird das Ganze durch die überall zerstreuten Sennhütten und die weißen, schmucken Dörfer, durch die frühere Fahrstraße deren kaum minder kühne Windungen man auf die überraschendste Weise bald || ober- bald unterhalb der Eisenbahn sich hinziehen sieht, durch neue Schlösser und alte Ruinen, die auf den Gipfeln steiler Felsen in das tiefe Thal hinunter schauen. Den größten Reiz gewähren aber die kühnen Windungen der Bahn selbst, die man in der überraschendsten Mannichfaltigkeit bald hinter, bald vor, bald tief t unter, bald hoch über sich erblickt. Wie ungemein stark die Krümmungen sind, die das äußerst schwierige Terrain bedingt, und wie die Bahn dieselbe Wegstrecke ungefähr 4mal hin und zurück geht, ohne viel zwischen dem Thälerlabyrinth weiter zu kommen, mag euch nebenstehende getreue Zeichnung des Verlaufs der Semmeringbahn zeigen. [linker Rand: Zeichnung des Verlaufs der Semmeringbahn] Von Adlitzgraben nach Klamm und von Eichberg nach Glocknitz kann man auf directem Weg bequem in derselben Zeit zu Fuß hinübergehen, während welcher der Zug in weitem Bogen um mehrere Berge herum dahinfährt. In Eichberg sieht man Glocknitz 540ꞌ tiefer zu seinen Füßen liegen, kaum mehr als eine ½ Stunde entfernt, muß aber, um diesen bedeutenden Abfall allmählich sich zu senken, noch um den weiten Abhang des ganzen Gotschakogels herumfahren. Ganz reizend ist der Anblick des Schwarzauthals und seiner Mündung in die weite Leitha-Ebene, wenn der Zug bei der letzten Biegung nach Osten aus den Bergen hervortritt, die letzten langgestreckten Felsbrücken beiderseits zurücktreten und zwischen beiden die lachende grüne Fläche vortritt, während im Rücken die Schneegipfel der Alpen über das schwärzliche Grün der föhrenbewachsenen Berggehänge herüberschimmern. Nur ungern und mit der Hoffnung auf baldiges Wiedersehen nahmen wir von den letztern Abschied und eilten u von Glocknitz aus auf den Flügeln der weit schnelleren Flächenlocomotive in 3 Stunden der Kaiserstadt zu, deren Staub und Städtedunst uns nach dem frischen Genuß der freien Gebirgsluft doppelt drückend wurde. Um 5 Uhr Nachmittags trafen wir auf dem Südbahnhof ein und brachten unsre Pflanzenschätze sogleich in Sicherheit.

Soweit von unserer herrlichen Frühlingsfahrt auf die Raxalp und über den Semmering. Jetzt will ich noch kurz Einiges über die ersten Excursionen nachholen, die ich im Beginn meines Wiener Aufenthaltes machte. Gleich der erste schöne Frühlingstag, der zweite Samstag im Mai (9/5) wurde, wie ich euch schon schrieb, mit einem sehr hübschen Ausfluge in die „Brühl“ ausgefüllt, und zwar fuhren wir per Dampf bis Mödling (ebenso zurück) und kletterten, bevor wir die eigentliche Brühl selbst besuchten, v auf den pflanzenreichen sonnigen Kalkfelsen herumw, die sich von Mödling bis Brunn hinziehen, mit grünem Laubwald geziert und mit einzelnen künstlichen und natürlichen Ruinen bepflanzt. Die Blicke von den verschiednen Höhen auf das weite Wiener Becken, westlich das kahlen Gebirge, östlich weit am Horizont die blauen Leithaberge, nördlich im Hintergrund die mächtige Kaiserstadt mit dem Alles überragenden Stephansthurm, im Vordergrund der Einblick in das schöne grüne Hügelland und die an seinem Rand liegenden freundlichen Dörfer, waren sehr anmuthig; die botanische Ausbeute sehr reich. Ich that zum ersten Male einen Blick in den großen Formenreichthum und die südliche Fülle der hiesigen Flora. Sowohl auf den nackten Kalkbergen, als in den Wäldern Vieles mir ganz Neue!||

Sonntag, 10/5 waren Chamisso und ich früh mit Herrn Kotschy, dem orientalischen Reisenden, den ich schon in Berlin kennen gelernt, jetzt Adjunct hier am botanischen Garten, einem sehr freundlichen, netten Manne, in Schoenbrunn, wohin man durch die weitläufige Vorstadt Mariahilf per Omnibus in fast 1 Stunde fährt. Wir besichtigten den großen, kunstreichen Park, die ausgezeichnet schöne und reiche Menagerie nur sehr oberflächlich, sehr genau dagegen die ebenfalls vorzüglich reichhaltigen und sehr schön gehaltenen großen Gewächshäuser, in denen uns Herr Kotschy mit großer Gefälligkeit herumführte und auf die einzelnen Merkwürdigkeiten aufmerksam machte. Besonders reich und die bedeutendste in Europa ist die Sammlung lebender Aroideen (Kallapflanzen) von denen eine Masse prächtiger tropischer Arten beisammen sind. Mir gefiel am besten ein ganz reizender kleiner Alpengarten, eine sehr reiche Sammlung von außerordentlich schönen, gut gehaltenen, zum Theil schon prächtig blühenden Alpenpflanzen, die in einem künstlich abgekühlten, halb unterirdischen Glashaus gezogen werden. Auch mit Herrn Schott, dem Director aller dieser zoologisch-botanischen Herrlichkeiten, einem freundlichen alten Manne, machte uns Herr Kotschy bekannt. Um Mittag fuhren wir schon wieder zurück, um den Nachmittag noch x eine mit unsern Freunden verabredete Parthie auf den Kahlenberg zu machen. Es ist dies der letzte, nördlichste Vorsprung des Wiener Waldes, da, wo er am Nordende der Stadt mit der Donau zusammenstößt (1300ꞌ ü. M.) Man fährt mit Stellwagen bis an seinen Fuß, von der Stadt aus in 1 Stunde über Döbling und Grinzing, y durch kahles, heißes Ackerland und staubige Vorstädte und steigt dann auf ebenso staubigem, schattenlosem Wege noch fast 1 Stunde bergan. Die Aussicht ist sehr schön. Wir sahen von dem Balkon des Kahlenbergs zum erstenmal die ungeheure Kaiserstadt in der weiten Ebene ausgebreitet zu unsern Füßen liegen, links östlich bis nach Ungarn hinein den Lauf der inselreichen Donau durch das weite Marchfeld, am Horizont nördlich die Ausläufer der Karpathen, östlich die niedere Hügelkette des Leithagebirgs, südlich den Anfang der steirischen Alpenkette. Weit schöner und umfassender war die Rundsicht, welche wir am folgenden Samstag, 16/5, vom höchsten Gipfel des ganzen Wiener Walds, dem Hermannskogl, genossen. Wir fuhren Nachmittags mit Stellwagen durch die Vorstadt Herrenals in 1 Stunde nach Dornbach, sehr hübsch in einem waldigen Bergwinkel gelegen, und stiegen von hier durch einen sehr anmuthigen Park zu dem (zerstörten) Dianatempel, von dem man ebenfalls einen schönen Blick auf das Wiener Becken, nach Nordost, mit hübschem grünem Vordergrund hat, dann hinüber zu den Hameaux, einer Anzahl aus Baumrinden erbauten Hütten mitten im Wald. Von hier bestiegen wir in 1 Stunde den schönen Hermannskogl selbst, dessen prachtvolles Panorama, früher durch das herangewachsene Unterholz verdeckt, jetzt durch einen hölzernen Aussichtsthurm ganz zugänglich gemacht ist. Die Rundsicht ist die umfassendste von Allen in der nähern Umgebung Wiens. Nordwestlichz verfolgt man weit den Lauf der Donau aufwärts, ebenso südöstlich bis nach Preßburg abwärts. Im Norden hinter dem nahen Bisamberg am linken Donauufer die weiten Polauer Berge. Im Westen überall das anmuthigste, mit dichtem grünem Wald gezierte Hügelland, welliges Terrain mit rundgewölbten Sandsteinkuppen. Ganz anders die grandiosen Schneehäupter der obersteirischen Alpen im Osten, der mächtige Hochschwab, der langgestreckte Schneeberg. Zu den Füßen das Häusermeer Wiens und seiner Vorstädte, mit dem mächtigen Stephansthurm in Mitten, darüber das weite Wiener Becken mit dem Leithagebirg am Horizont. Sonntag, 17/5 versuchten wir eine Parthie nach Baden in das Helenenthal, die durch Regen gänzlich verunglückte.

a Text weiter auf dem rechten Rand: Falls dieser Brief … Bogen einlege.; b Text weiter auf dem linken Rand: An euch … Euer Ernst.; c eingef.: und; d korr. aus: überkleiden; e gestr.: sonnten; f gestr.: sie; g korr. aus: Kriegslust; h gestr.: mir; i gestr.: und; j gestr.: nun; k gestr.: auch; l korr. aus: emporkletterte; m eingef.: in; n gestr.: die; o gestr.: das; p korr. aus: Mürzschlag; q gestr.: die; r gestr.: doch; s gestr.: ganz; t gestr.: über; u gestr.: auf den; v gestr.: den; w eingef.: herum; x gestr.: mit; y gestr.: und; z korr. aus: nordöstlich

 

Letter metadata

Verfasser
Datierung
29.05.1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Freienwalde
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 44174
ID
44174