Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Carl Gottlob Haeckel, Messina, 10. März 1860

Messina 10. 3. 60

Lieber Vater!

Gestern haben meine neu entdeckten Radiolarien die Zahl von 100 um Eins überschritten und mit diesem über alle Erwartung glücklichen Resultat habe ich vorläufig meinen Forschungen ein Ziel gesetzt. Ich fange morgen an zu packen und werde, wenn ihr damit einverstanden seid, am 1 April abreisen. Früher kann ich kaum fort kommen. In den letztena Tagen des April hoffe ich bei euch einzutreffen worauf ich mich gewiß nicht weniger als ihr selbst, freue. Ich bin sehr neugierig, wie ihr mit meiner verbesserten aus Ausgabe in Folio zufrieden sein und was ihr zu all den herrlichen mitgebrachten Schätzen sagen werdet. Wegen der Rückreise habe ich mich nun noch wiederholt erkundigt und alle stimmen darin überein, daß der nächste, billigste und kürzester Rückweg über Paris geht. Ich werde also jedenfalls diesen einschlagen, schon, um dann in Bonn mit Max Schultze wegen meiner Arbeit sprechen zu können. Wie ich sehr hoffe, wird mir auch Dein nächster Brief die Erlaubniß bringen, 14 Tage in Paris zu bleiben. Weßhalb ich dies so sehr wünsche, habe ich Dir in meinem letzten Briefe auseinander gesetzt und hoffe, Du wirst die Gründe billigen. – Hätte ich nicht so große Sehnsucht nach Haus, so würde ich jetzt gern noch länger hier bleiben, um die überaus dankbare und genußreiche Arbeit weiter zu verfolgen, da ich (wie das gewöhnlich zu geschehen pflegt) jetzt eigentlich erst recht meiner schönen Beute auf der Fährde bin und die Mittel und Wege gefunden habe, sie zu fangen und zu verwerthen. Ich kann damit um so mehr im höchsten Grade zufrieden sein, als dasb Wetter, welches von so großem Einfluß auf den Fang meiner Thierchen ist, || den ganzen Winter hindurch möglichst ungünstig war. Die klaren und heitern Tage waren sehr selten und fast täglich Regen und Sturm; das Meer gewöhnlich nur auf einzelne Stunden ruhig und glatt. Fast beständig lagen sich Boreas und Sirocco in den Haaren und machten bei ihren Ringkampf immer einen so entsetzlichen Lärm, daß die ganze Meerenge erbebte und das Meer meist bis in ferne Tiefen aufgewühlt wurde. Herr Jaeger, der seit 50 Jahren hier ist, sagt, daß er sich keines so beständig schlechten Winters zu erinnern wisse. Am unangenehmsten war eigentlich die letztverflossene erste Märzwoche, wo es fast täglich Gewitter, Hagel und Sturm gab, und dabei eine so empfindliche Kälte, wie sie den ganzen Winter nicht dagewesen. Das Thermometer sank bis 5° R und hielt sich gewöhnlich zwischen 8 und 10. Da war das Arbeiten wieder sehr erschwert. Die Thierchen bleiben allerdings, je niedriger die Temperatur, um so länger in den Gefäßen lebendig; allein die Gläser des Microsops laufen beständig an, indem sie die ausgehauchten Wasserdämpfe condensiren und die Finger werden so steif, daß das Präpariren der äußerst kleinen Gegenstände und das genaue Zeichnen sehr erschwert ist. Seit gestern hat der Sirocco wieder die Überhand und eine Wärmeerhöhung bis zu 13-15° gebracht. Sonst in andern Jahren ist der März hier der Wonnemonat und entspricht unserm Mai. Diesmal scheint er aber hier seinen nordischen Gästen zu Gefallen zu leben. – Daß es Dir liebe Mutter fortdauernd gut geht, freut mich sehr. Halt dich nur so fort.

̶ Adolph Schubert sagt zu seiner Verlobung meine besten Glückwünsche.

̶ Die Freienwalder werden auch inzwischen wohl das Tagebuch über Caltagirone geschickt haben.

Mit herzlichstem Gruß euer treuer alter Junge Ernst.

a korr. aus: nächsten; b korr. aus: dies;

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
10-03-1860
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44138
ID
44138