Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Interlaken, 5. September 1864

Interlaken 5 September 64

Liebe Eltern!

Endlich habe ich heute poste restante von euch die gehofften Nachrichten erhalten, nach denen ich mich recht gesehnt hatte. Es freut mich sehr, daß es Dir, lieber Vater, doch wieder besser geht und doch im Ganzen das Bad gut bekömmt. Ich hoffe Dich viel gestärkter in Berlin wiederzufinden. Genieße nur recht die schöne frische Gebirgsluft im Freien. Hoffentlich habt ihr besser Wetter, als ich hier seit vorgestern, wo dichter Regen eintrat. Bis dahin hatte ich aber das schönste Wetter, das mich auf meiner ganzen Wanderung durch das Berner Oberland begleitete. Diese 6-tägige Tour war überaus genußreich und ich habe eine Masse die großartigsten Naturansichten gehabt, besonders in der Gletscherwelt, auf die ich gar nicht in diesem Grade gehofft hatte. Die ganze Gebirgswelt des Berner Oberlandes mit seinen zahlreichen Schneehörnern, Gletschern und Schneefeldern, dabei den schönen Thälern und Seen, dürfte allerdings von Nichts übertroffen werden. Die starken Märsche (mit ziemlich schwerem Tornister) und die tüchtigen Strapazen haben mir sehr gut gethan, und ich fühle mich körperlich und geistig sehr viel wohler und frischer, als beim Anfange der Reise. Freilich begleitet mich auch bei den schönsten Naturgenüssen, und gerade bei diesen, recht lebhaft, der tiefe Schmerz um das unersetzlich verlorene Lebensglück, das mir so schön erblüht war. ||

Hier in Interlaken habe ich die letzten 3 Tage mit kleinen Excursionen in der sehr angenehmen Gesellschaft von 8 deutschen Professoren zugebracht. Von diesen bin ich mit Zeller, Schultze, Heintz, Schaller hauptsächlich viel zusammen. Ein sehr hübsches Intermezzo. Das Pension- Leben ist hier sehr behaglich. Wenn morgen (Dienstag 6. Sept) das Wetter wieder besser wird, denke ich über den Thuner See und durch das Frutiger Thal über den Gemmi- Paß ins Rhonethal nach Visp zu gehen, von dort in das Ober- Wallis nach Zermatt (Monte Rosa) und Chamony (Mont Blanc). So denke ich in etwa 8 Tagen nach Genf zu gelangen, wo ich wohl 4-5 Tage bei meinem armen Freunde Claparède bleiben werde. Euren nächsten Brief schickt unter der Adresse:

Monsieur le Professeur Edouard Claparède

à Cologny près de Génève (Schweiz).

Wie ich aus sicherster Quelle erfahren habe, ist in Würzburg zum Professor der Zoologie an erster Stelle Professor Leydig in Tübingen, an zweiter ich vorgeschlagen. Da ersterer wahrscheinlich ablehnden wird, so würde ich mich wahrscheinlich bald nach meiner Rückkehr zu entscheiden haben.

– Mit meinem Fuße geht es ganz gut; er verträgt die stärksten Märsche. Überhaupt verträgt mein Körper die starken Strapazen fast noch ebenso gut, als früher. In der letzten Woche September denke ich zu euch nach Berlin zu kommen.

Schickt diesen Brief auch an Carl.

Seid herzlichst gegrüßt von eurem

alten Ernst.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
05-09-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43808
ID
43808