Virchow, Rudolf

Rudolf Virchow an Ernst Haeckel, Berlin, 3. Juni 1866

Berlin, 3ter Juni 1866 | Schellingstraße 10.

Mein verehrter Freund,

Ihre Besorgnis ist in der That größer als nöthig ist. Die liberale Majorität in Preußen, und vor Allem die Fortschrittspartei sind in ihren Zielen unverändert, so sehr auch in den Einzelheiten der Wege die Ansichten auseinanderzugehen scheinen mögen. Die Lockung der Macht, zuweilen sehr dringlich und verführerisch, ist doch außer Stande, dem stetigen und unabwendbaren Drange nach Freiheit ernstlich Abbruch zu thun, und für die schwachen Elemente hilft im Augenblick der Verführung der Zuruf nicht; sie || müssen durch Erfahrung lernen.

Meiner Meinung nach hat man sich in Deutschland schon zu sehr daran gewöhnt, jeden Augenblick nach Autoritäten auszuschauen. Aller Augen richten sich auf die Volksvertretungen, gleichsam als ob alles Heil von da ausgehen müßte. Die jetzige Krisis hat für unser Land schon das Gute gehabt, daß das Volk an den verschiedensten Orten selbst Hand angelegt hat, und der Gang der Ereigniße wird die Selbsthilfe gewiß mehr und mehr in den Vordergrund bringen. Mit Reden ist nicht viel zu machen, wenn man einer rücksichtslosen Gewalt sich gegenüber sieht. Wir können || durch Erklärungen den Krieg nicht abhalten, durch Resolutionen den Frieden nicht erzwingen. Traut und jemand zu, daß wir mit dem gegenwärtigen System Frieden und Bündnis eingehen werden, so nutzt es nichts, diese Zumuthung in einer Erklärung abzulehnen. Heute abgelehnt, würde sie morgen wieder auftauchen. Hat unser Verhalten seit 4 Jahren noch keine Bürgschaften gegeben für unser ferneres Verhalten, so müßen wir eben warten, was man von uns sagen wird, wenn wir von Neuem Zeugnis von unserer Festigkeit abgelegt haben.

Die liberale Majorität in Preußen wird einen Krieg, vor dem sie stets gewarnt hat, || nicht gerecht finden, nachdem er gegen ihre Warnungen herbeigeführt wird. Sie wird die Politik der Vergewaltigung nicht billigen, nachdem sie so oft und dinglich die Politik der nationalen Selbstbestimmung empfohlen hat. Wie kann man ihr solche Widersprüche zutrauen! Wer es nicht die tiefste Selbsterniedrigung, wenn sie sich einer Gewalt beugte, die selbst in diesem Augenblick der höchsten Gefahr nicht an ein Bündnis mit dem Volke, sondern an brave Unterwerfung desselben denkt?

Es würde mich freuen, wenn meine Worte Ihnen zur Verständigung dienen könnten. Liegt Ihnen daran, Anderen davon Mittheilung zu machen, so habe ich nichts dawider.

Herzlichen Gruß!

Ihr R. Virchow.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
03-06-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43740
ID
43740