Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Max Henning, Jena, 4. April 1911

Herrn Max Henning,

Redaktion des „Freien Worts“ und „Dissidenten“,

Frankfurt am/Main.

Jena 4.4.1911.

Hochgeehrter Herr!

Die schöne und ehrenvolle Adresse, welche Sie mir gestern, zugleich mit dem Ergebnis der von Ihnen veranstalteten „Haeckel-Spende“ übersandten, hat mir eine außerordentliche Freude bereitet; ich beeile mich, Ihnen und Ihren Mitarbeitern im „Neuen Frankfurter Verlag“ dafür meinen herzlichsten Dank auszusprechen, und damit zugleich den zahlreichen Freunden der Geistesfreiheit und der Monistischen Weltanschauung, welche, Ihrem Aufrufe folgend, zu der grossen ergebnisreichen Sammlung beigetragen haben. ||

Ein volles Halbjahrhundert ist jetzt verflossen, seitdem ich in der Förderung der modernen Entwickelungs-Lehre und der darauf gegründeten Monistischen Philosophie meine wichtigste Lebensaufgabe erblickte. In den heftigen und endlosen Kämpfen, welche daraus folgten, habe ich reichlich erfahren, wie den verbündeten klerikalen und konservativen Feinden der Aufklärung kein Mittel der Verleumdung und des Hasses zu schlecht ist, um den Freien Gedanken zu verfolgen und zu hemmen.

Um so erfreulicher und beglückender ist mir die Sympathie und Unterstützung der zahlreichen trefflichen Wahrheitsfreunde, die mich in Ihrer „Haeckel-Spende“ tatkräftig gefördert haben. ||

Ihren Intentionen entsprechend habe ich das Ergebnis Ihrer Sammlung, das Sie mir übersendet haben, – zusammen Mark 10.522,20 – der Kasse des Phyletischen Archivs überwiesen, über dessen Bestimmung (als selbständige Abteilung des Phyletischen Museums in Jena) ich in Nr. 1 des XI. Jahrgangs des „Freien Worts“ Einiges mitgeteilt habe. Ich hoffe mit diesen Mitteln die Ordnung und Ausstattung des Phyletischen Archivs würdig ausführen zu können: als einer originalen und in ihrer Art einzigen Sammlung von Dokumenten zur Geschichte der Entwickelungslehre – wertvoller historischer und artistischer Materialien, die ich im Laufe fünfzigjähriger Arbeit gesammelt habe. ||

Der freundliche Sonnenstrahl, den Sie mit Ihrem goldenen Ehrengeschenk auf meinen späten Lebens-Abend fallen lassen, wird somit auch dem kommenden freieren Geschlecht noch vielfach Licht und Wärme spenden!

Mit wiederholtem besten Dank

Hochachtungsvoll

Ihr ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-04-1911
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Frankfurt am Main
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 43425
ID
43425