Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an das Großherzogliche Staatsministerium zu Weimar, Jena, 31. März 1870

Hohes Großherzogliches Staatsministerium!

Jahresbericht des | Directors der zoologi|schen Anstalten in Jena, | Professor Haeckel, | über die Veränderungen | des zoologischen Institutes | im Jahre 1869.

Die Veränderungen der zoologischen Anstalten in Jena, über welche ich in diesem Jahre zu berichten habe, sind höchst bedeutende und erfreuliche gewesen. Das hohe Staatsministeriuma hatte im April 1869 die Gnade gehabt, die Localitäten in der Bel-Etage des bisherigen phytophysiologischen Instituts, welche bis zum Herbst 1868 von dem Profeßor Pringsheim als || Privatwohnung benutzt worden waren, zur Einrichtung eines zoologischen Institutes zu bewilligen. Ein solches Institut war in den letzten Jahren immer dringenderes Bedürfniß geworden. Die bis dahin benutzten Localitäten im Großherzoglichen Schloße waren weder für die Aufnahme der immer stärker anwachsenden zoologischen Sammlungen ausreichend, noch für die praktischen zoologischen Arbeiten der Studirenden, die mikroskopischen und zootomischen Übungen, irgend brauchbar. Die letzteren mußten daher immer in anderen Localitäten, theils des anatomischen, theils des physiologischen Institutes, abgehalten werden, wie ich schon in früheren Jahresberichten mir darzulegen erlaubt hatte.

Indem das hohe Staatsministerium nun eine eigene selbstständige Localität für die zoologischen Unterrichts-Anstalten zu bewilligen geruhte, erfüllte dasselbe in der gnädigsten Weise den dringendsten Wunsch, welchen ich für deren Gedeihen hegen mußte, seitdem mir vor || nunmehr neun Jahren deren Direction übertragen worden war. In der That ist es erst jetzt möglich geworden, die Hülfsmittel und Anstalten für den zoologischen Unterricht dergestalt zu organisiren, daß sich das zoologische Institut den übrigen naturwißenschaftlichen Anstalten unserer Universität getrost an die Seite stellen darf. Die neuen Localitäten des zoologischen Institutes entsprechen dem vorhandenen Bedürfniß im Ganzen vollständig. Insbesondere sind die Räumlichkeiten, welche für die mikroskopischen Arbeiten dienen, wegen des reinen, von Nord und Ost in Fülle einfallenden Lichtes vortrefflich.

Der einzige Übelstand von Bedeutung besteht darin, daß die für das zoologische Museum bestimmten Räume der Südseite nicht Raum genug für die vollständige Aufnahme der ganzen Sammlung darbieten. Es mußte daher ein Theil der letzteren (und zwar der größte Theil der ausgestopften Vögel) in dem Großherzoglichen Schloße zurückgelaßen werden. Indeßen ist gerade dieser Theil des Museums von sehr ge-||ringem wißenschaftlichen Werthe, und wird für den Unterricht fast gar nicht benutzt. Auch würde sich dieser Mangel an Raum (der allerdings bei dem Wachsthum der ganzen Sammlungen sich mit der Zeit dringender fühlbar machen wird) leicht durch den Anbau eines Nebengebäudes oder durch Vergrößerung des Hauptgebäudes abhelfen laßen, für welche auf der Nord- und West-Seite Platz genug vorhanden ist.

Nachdem die Bewilligung der neuen Localitäten im April vorigen Jahres erfolgt war, wurde sogleich die neue Einrichtung derselben, sowie der Umzug der im Großherzoglichen Schloße befindlichen Sammlungen bewerkstelligt, und in wenigen Wochen vollendet. Für die liberale Bewilligung der hierzu erforderlichen Geldmittel erlaube ich mir hiermit, nicht minder als für die Überlassung der neuen Localität selbst, dem hohen Staatsministerium meinen ganz ergebensten Dank abzustatten, || ebenso muß ich auch mit besonderen Dank anerkennen, daß das hohe Staatsministerium durch die Anstellung eines besonderen Dieners für die zoologischen Anstalten, der zugleich Famulus des Institutes und Custos des Museums ist, einen höchst dringenden, im eigensten Interesse dieser Anstalten unabweisbar gewordenen Bedürfniße abgeholfen hat.

Die neue Aufstellung und Ordnung der zoologischen Sammlung wurde durch unausgesetzte Thätigkeit im vorigen Sommer so rasch gefördert, daß sie bereits Ende Juli im Ganzen und Rohen vollendet dastand. Für die feinere und sorgfältigere Neu-Ordnung der Sammlung im Einzelnen, die mit einer durchgreifenden Reorganisation derselben, Durchsicht aller Präparate und neuen Etiquettirung verbunden sein wird, werde ich allerdings noch den ganzen nächsten Sommer in Anspruch nehmen müßen.

Um die Übersicht der neuen Einrichtungen zu erleichtern, habe ich mir || erlaubt, den beifolgenden (allerdings sehr rohen) Plan und Grundriß diesem Berichte beizufügen. Die nach der Südseite (Bibliotheks-Platz) gelegene Reihe von Zimmern ist zur Aufstellung der zoologischen Sammlung benutzt worden, und zwar enthält das erste (westliche) Zimmer die Würmer und Pflanzenthiere (Schwämme, Corallen, Medusen, Ctenophoren etc.).

Das zweite Zimmer enthält die Gliederthiere, Mollusken und Fische. In dem dritten Zimmer befinden sich die Wirbelthiere mit Ausschluß der Fische, also Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugethiere. Das vierte Zimmer enthält die Skelet-Sammlung und die Sammlung der Unterrichts-Tafeln. Das fünfte Zimmer der südlichen Reihe (am östlichen Ende) ist das Arbeitszimmer des Directors.

Die nach der Nordseite (Prinzeßinnen-Garten) gelegene Reihe || von Zimmern enthält die eigentlichen Arbeitsräume des zoologischen Institutes. Den Anfang an der Ostseite macht das zoologische Laboratorium, das Arbeitszimmer der Studirenden, welches durch einen kleinen Vorsaal von dem Zimmer des Directors geschieden ist.

Dann folgt ein kleines Aßistenten-Zimmer und daneben eine Vorrathskammer. Das folgende Zimmer (früher Küche) ist die Wohnung des Custos-Famulus. Sodann folgt das geräumige Präparationszimmer, in welchem die Präparate für das Museum angefertigt werden, und endlich daneben, an das Treppenhaus anstoßend, ein kleines Reinigungs-Zimmer, in welchem zugleich der sehr nothwendige Ausguß eingerichtet werden soll.

Die Einrichtung eines besonderen neuen Hörsaales hat sich nicht als dringendes Bedürfniß herausgestellt, da das parterre befindliche botanische Auditorium auch für die zoologischen Vorlesungen ausreicht, und eine Collision der Stunden für die botanischen und zoologischen Vorlesungen nicht zu befürchten steht. ||

Benutzt wurde das neu eingerichtete zoologische Institut für praktische zoologische und histologische Übungen, sowie für eigene, selbstständige zootomische Untersuchungen, im Sommer 1869 von sieben, im Winter 1869/70 von acht Studirenden.

Außer diesen regelmäßigen diesen regelmäßigen Übungen der inscribirten Benutzer des zoologischen Institutes wurde dasselbe auch mehrfach zu außerordentlichen Untersuchungen und zu privater Instruction von anderen Studirenden und von mehreren zoologischen Dilettanten (besonders Lehrern der hiesigen Unterrichts-Anstalten) mit Erfolg benutzt.

In diesem ersten Jahre seiner Wirksamkeit hat sich somit das neue zoologische Institut bereits vortrefflich bewährt, und ich will daher nicht verfehlen, hierdurch nochmals dem hohen Staatsministerium meinen ergebensten Dank für die stattgefundene Bewilligung desselben auszusprechen. Indem ich mich || der frohen Hoffnung hingebe, daß das hohe Staatsministerium auch fernerhin den zoologischen Unterrichts-Attributen der hiesigen Universität die bewiesene warme Theilnahme erhalten werde, bleibe ich

in vorzüglicher Verehrung

des hohen Staatsministeriums

Jena, den 31n März | 1870.

ergebenster

Professor Haeckel,

Director der zoologischen Anstalten.

 

Letter metadata

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
31.03.1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Weimar
Besitzende Institution
LATh-StA Gotha
Signatur
Staatsministerium, Dep. I, Loc. 6 p, Nr. 25, Bd. 1, Bl. 67r-71r
ID
43331