Georgy, Ernst August

Ernst August Georgy an Ernst Haeckel, Halle, 15. Februar 1909

Halle a. S. d. 15.2.1909

Wuchererstraße 47. II.

Hochverehrter teurer Herr!

Zu Ew. Excellenz 75. Geburtstag drängt es mich, die Wünsche, die mein Herz bewegen, Ihnen auch auszusprechen. Ich stehe, wie Sie aus der Zeitschrift „Monismus“, „Blaubuch“ u s w ersehen haben bez. können, in der monistischen Bewegung mitten inne und bin daher über jede Woge der Bewegung unterrichtet. Mit wärmster Teilnahme und innigster Hingebung verfolge ich jede Ihrer Auslassungen, habe ich das miterlebt, was sich am Freitag im Volkshaus zu Jena begeben hat. Sie stehen am Abschlusse eines Forscherlebens, das wie selten eines reich an Kämpfen und geradezu unerhört an inneren wie äußeren Erfolgen gewesen ist und sein wird. Diese letztere Behauptung „unerhört an Erfolgen“ kann nur derjenige eigentlich voll vertreten und ausru-||fen, der wie ich durch eine wunderbare Verkettung von Lebensumständen sich auf verschiedenen Zweigen der Wissenschaft ernsthaft betätigt hat und dann, nachdem er endlich seinen Beruf in einer bestimmten gefunden hat, von dieser aus ganz selbstständig an der Hand einer weisen Lebensanschauung zu der einheitlichen Weltanschauung auf den Grund der natürlichen Entwickelung der Dinge durchgedrungen ist. In diesen Zusammenhang der Dinge gestellt, fühle ich mich gedrungen von Ew. Excellenz Wirken zu sagen: es ist groß und von epochaler Art. Möchte es Ihnen, teurer Herr, beschieden sein, in dem Verlaufe eines menschlich glücklichen letzten Lebensabschnittes in rüstiger Gesundheit die starken Halme mit vollen Aehren in immer neuen Ernten zum Brodkorn der Menschheit aufsprießen zu sehen.

Was mich betrifft, so haben Sie || vielleicht aus unserer Zeitschrift ersehen, in welcher Weise ich mit der Feder, auf der Generalversammlung, endlich durch die Geschäftsleitung der Ortsgruppe a mich in unserer Bewegung betätigt habe. Das letztere Amt habe ich nach jener Generalversammlung 9/10 Sept auf den Wunsch einiger Mitglieder der Ortsgruppe und des Vorstandes des Deutschen Monisten Bundes am 10. Sept 1908 übernommen. Die Ortsgruppe war seit meinem Austritt (17. Apr. 1907) zu meinem tiefen Schmerze gänzlich verkommen & der Auflösung nahe. Was hätte ich da Ihnen, und zwar sehr Unterrichtendes!! zu erzählen!! Wie Sie vielleicht aus den dürftigen Skizzen der Hefte 28 S. 428, 30 S. 519, 31 S. 36 ersehen haben, habeb c ich den schönen Erfolg gehabt, diese Ruinen zu neuem Leben erweckt zu haben. Bei dem gänzlich spröden Boden in diesem engbrüstigen Banausennest || und den mancherlei unerquicklichen Verhältnissen in der Ortsgruppe hat das viel Mühe und Arbeit gemacht, was natürlich nur mit Hintansetzung meiner eignen Angelegenheiten möglich war. Mit einem Es lebe das Ideal! muß man sich darüber hinwegsetzen.

Wenn ich noch nicht mit neuen Büchern hervorgetreten bin, so liegt es daran, daß ich auf Grund meiner monistischen Weltanschauung natürlich nur producieren kann und daß sich für solche Bücher nicht leicht zahlende Verleger finden. Sie kennen ja meine wissenschaftliche Lage und wissen, daß ich wie kaum je einer vor mir meinen Weg allein machen muß. Die Nachmittage gehen zwar nicht mit Schleifen von optischen Gläsern, wohl aber mit Erteilen von Unterricht darauf. Sodann habe ich in Ausführung unseres letzten Gespräches von 1905 begreiflicherweise das tiefe Bedürfnis gehabt, mir eine gründliche natur-||wissenschaftliche Bildung zu geben, indem ich die von Ihnen damals bezeichneten Werke gründlich nach allen Seiten durchpflügte. Ich habe trotz meiner beschränkten Mittel im Laufe der Zeit manches schöne Werk aus Ihrem Hirn und Herzen erworben, da das ewige Leihen von Bibliotheken mit meinem Studium nicht verträglich war und zuletzt Ihre Werke zu besitzen Ehrensache war; natürlich fehlt noch manches wertvolle. Nehmen Sie nun dazu meine Tätigkeit bei Ortsgruppe, und Sie werden verstehen, wie es bei mir hergeht.

Aber einen schönen Erfolg habe ich nun doch mit dem neuen Jahre zu verzeichnen: ich bin in den Dozentenkörper der Freien Hochschule Berlin aufgenommen, für Aesthetik und Litteraturgeschichte, und lese dort seit Mitte Januar jeden Donnerstag über 1, „Die Weltanschauung Friedrich Hebbels“ und || 2, „Die Herleitung der Aesthetik des Tragischen aus dem Naturgrund.“ Damit bin ich an eine Stelle gestellt, wo ich gehört werde, und von wo aus ich zu weiterem fortschreite. Ich bin wohl der erste Dozent in Deutschland, der die Aesthetik bestimmt auf rein monistischer Grundlage vorträgt. Dazu gekommen bin ich, wie der I Vorsitzende des Direktoriums bekannte, „infolge des tiefen Eindruckes, den meine Bücher, insbesondere „das Tragische als Gesetz des Weltorganismus“ auf die lieben Herren gemacht haben. Auch sindd e meine Themata f schon für die Winterquartale 1909 und 1910 bestimmt worden.

Ich habe im Laufe der Jahre mir über dem Studium Ihrer Werke noch manche Fragen notiert bez. im Streite der Meinungen ist mir so manche angeflogen, über die ich von Ihnen Antwort ersehne. Ich denke, Sie werden es nicht als einen Raub || an Ihrer Zeit annehmen, wenn Sie mir einmal eine halbe Stunde widmen. Ich müßte schon einen langen Brief schreiben, wenn ich alles auseinandersetzen wollte, und Sie eine lange Antwort. Besuche ich Sie, ist alles in kurzer Zeit erledigt. Bestimmen Sie bitte Tag und Stunde, wann Ihnen einen Besuch genehm ist. Mit Ausnahme der Mittwoche, wo die Ortsgruppe mich braucht, wo ich in Berlin meine Vorlesungen halte, ist mir jeder Tag recht. Meine Unterrichtsstunden kann ich verschieben; Sonnabend ist überhaupt von Unterricht frei.

Indem ich Ihnen einen frohen Verlauf Ihres Ehrentages in dem Kreise Ihrer lieben Familie wünsche, zeichne ich mit herzlichem Gruß

Ew. Excellenz ergebener

Ernst August Georgÿ

a gestr.: ich; b korr. aus: haben; c gestr. w; d korr. aus: jedoch; e gestr.: haben; f gestr.: auch

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-02-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 42681
ID
42681