Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 27. Juli 1919

I

An Wilhelm Bölsche

Ehrendoktor der Radiotik (= Strahlingskunde)

in Mittel-Schreiberhau (Riesengebirge).

Jena 27. Juli 1919.

Liebster Freund!

Endlich ist nach langen Bemühungen die „Radiotische Votivtafel“ fertig geworden, die schon am letzten Weihnacht (– meinem letzten! –) Dir meine herzlichsten Glückwünsche zu Deinem 58st. Geburtstage – 2. Januar 1919 – bringen sollte. Die „Deputation“ von 14 lebenden „Sonnenstäubchen“, aus tüpischen Vertretern aller 4 Radiolarien-Legionen zusammengesetzt, sollte Dir den Dank dieser wunderbaren Tierklasse, von der ich über 4000 Arten in 2 Monographien beschrieben habe (– Messina 1862, Challenger 1887), für Deine höchst dankenswerte und schöne Schilderung in „Sonnen und Sonnenstäubchen“ zu künstlerisch schönem und wissenschaftlich lehrreichem bildlichem Ausdruck bringen. || Unter allen meinen zoologischen Arbeiten ist mir die eingehende Beschäftigung mit diesen schönsten und formenreichsten Protisten immer die dankbarste und liebste geblieben. Wenn ich noch Zeit und Arbeitskraft übrig hätte, würde ich sie jetzt noch zu einer dritten Monographie der Strahlinge verwenden, einer monistischen „Philosophie der Radiolarien“. Da ich immer wieder durch neue Freude aus dieser unerschöpflich reichen Fundgrube der „Sonnenstäubchen“ zu neuen allgemeinen Gedanken über ihre Entwicklung und die Ursachen ihrer wunderbaren Formen Mannichfaltigkeit geführt wurde, würde ich wohl Stoff genug haben, um neue und interessante Beziehungen der einzelnen Gruppen zueinander und zu ihrer Umwelt aufzudecken. Aber leider verlassen mich meine Arbeitskräfte immer mehr; die „Neuronen“ im „Neopallium“ (im Stirnlappen der Großhirnrinde!) streiken permanent. || Ich würde mich sehr freuen, wenn Du selbst diese Aufgabe übernehmen wolltest und die reizende Schilderung der „Wunderwelt der Rad.“ (– die Du in „Sonnen und Sonnenstäubchen“ gegeben hast (– leider ohne Abbildungen! –) zu einer schönen „Populären Strahlingskunde“ ausbauen, einem reich illustrierten Bande von 400–600 Seiten, 150–200 Abbildungen, die ja jetzt durch moderne Photogramme (in Form der Autotypie und Heliotypio u.s.w.) leicht billig herzustellen sind. Material findest Du dazu in meinen beiden Monographien im Überfluß, auch bei Joh. Müller, Rich. Hertwig, Ehrenberg, Valentin Haecker etc. Unser Freund Karl Grimsehl (Charlottenburg, Schlüterstr.) hat besonders Interesse und Verständnis für die Physiologie und Psychologie der Radiolarien (besonders der phylogenetisch interessantesten Acantherien!) und hat vor einem Jahre hier mit mir die „Mechanik“ und die Biokristall-Seele derselben eingehend besprochen. || Eine zweite Hilfskraft würde meine älteste Enkelin sein, Else Hantzsch geb. Meyer (24 Jahre) die jetzt mit Mann und Töchterchen hier auf dem „Landgrafen“ in Villa Meyer haust. Als sie vor 4 Jahren einen ganzen Sommer hier bei mir war, hat sie einen (ungedruckten) hübschen Entwurf zu einer populären Radiotik geschrieben. – Ein dritter, sehr eifriger Radiotiker, dem ich viele Präparate geschenkt habe, ist ein Bäcker und Gastwirt in Isny (Allgäu), Hans Weber („Zum Schatten“) (etwa 40 Jahre alt) Mein Sohn Walter (der jetzt 7 Wochen hier war), und mein Archivar Dr Heinrich Schmidt (Pfaffenstieg 5, Jena, kürzlich von der Weimar. Regierung mit „Professor“-Titel versehen) sind außerdem über meinen reichen Radiol. Nachlass (Sammlung von Praeparaten, viele 1000 Zeichnungen, u.s.w.) vollkommen orientiert und werden Dir Alles zur Verfügung stellen. – Die enge Beziehung der Zellseele der Rad. (1878) und der Kristallseele (1917) verdienen eine eingehende vergleichende Bearbeitung. Als alter „Monograph“ der Rad. erteile ich Dir zu dieser schönen Arbeit meinen väterlichen Segen!

Ernst Haeckel

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-07-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.189
ID
42407