Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 27. Juli 1919

II

An Wilhelm Bölsche,

den ersten und besten Biographen von E. Hkl.

Jena 27.7.1919.

Liebster Freund!

Seitdem ich am 16.2. mein 86. Lebensjahr angetreten habe, geht es mit meiner schwachen Gesundheit beständig abwärts. Zu den gewöhnlichen Leiden des hohen Greisenalters (Abnahme aller Nerven- und Muskel-Kräfte, besonders des Gedächtnisses) kommen bei mir noch die besonderen persönlichen Hindernisse, welche seit 8 Jahren durch den unglücklichen Bruch des linken Hüftgelenks bedingt sind (in Folge des Sturzes von der Bibliotheks-Leiter 1911). Im letzten Jahre bin ich bei plötzlichen Anfällen von Schwindel (Herzschwäche und Arteriosklerose) wiederholt hingestürzt, und habe mir innere Verletzungen (Muskelzerreissung und Extravasate) zugezogen. Seit dem letzten Anfall, vor 4 Wochen, sind beide Beine gelähmt und ich kann nicht mehr ohne Krücke gehen, habe auch beständig empfindliche Schmerzen. || Schlimmer als diese körperlichen Leiden (und als die seelischen Kummer Gewichte durch den Abfall vieler „treuer Schüler“!) drücken auf mich die trostlosen Zustände unseres armen zerbrochenen Vaterlands, die ich leider ganz pessimistisch ansehn muß! Ich sehe keinen glücklichen Ausweg aus der verzweifelten Lage, in welche uns der tötliche Haß unserer Feinde und die politische Unfähigkeit des Deutschen „Michel“, der Wahnsinn der Streikerei etc gebracht hat. Seit 4 Wochen hat die pathologische Streiksucht auch die hiesigen Arbeitermassen der „Carl-Zeiss-Stiftung“ ergriffen, welche ihre eigenen „Betriebs-Räte“ einsetzen wollen! Wenn sie ihre blödsinnigen Pläne durchsetzen werden, ist das ganze kunstreiche „Sozialisierungs-Werk, das mein Freund Ernst Abbe vor 40 Jahren geschaffen, zerstört und damit selbst die Existenz der Univer. Jena ernstlich gefährdet!

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– Da meine Kräfte jetzt täglich abnehmen und da ich – leider! – seit 2 Jahren nichts mehr arbeiten kann, rechne ich jetzt nur noch mit einem kurzen Lebensrest, von 6–8 Wochen. Meinen Nachlaß habe ich mit meinem Sohn Walter und meinem Archivar Prof. Heinrich Schmidt (– der Director des alten „Haeckel-Archivs“ bleibt –) geordnet. Sie werden Dir, als meinem nächsten und treuesten Freunde unter den noch lebenden, gern das reiche Material von Briefen, Bilder, Literalien und biographischen Memorabilien zur Verfügung stellen, das in dem jetzigen „Haeckel-Archiv aufgestapelt ist, (teils in Villa Medusa, (jetzt Eigentum der Universität) – teils in der Universitäts Bibliothek. Falls die größere Biographie (in mehreren Bänden) noch zu Stande kömmt, welche von einigen Freunden und Schülern seit längerer Zeit geplant ist, würde namentlich der kolossale Briefwechsel zu verwerten sein, die Reise Erinnerungen (Italien 1859, Briefe an Anna) und Deine wertvolle Mitwirkung! –

Für die fortgesetzte Vermehrung meiner „Bölsche-Bibliothek“ (neuerdings die vortreffliche „Eiszeit“) sage ich Dir meinen herzlichsten Dank; und zugleich a den aufrichtigsten Glückwunsch zu dem kolossalen Erfolg durch die wiederholten Auflagen! Daß Du mehr als einer Million denkender Leser den Schlüssel zum Eindringen in die unerschöpflich reichen Naturgeheimnisse geschenkt und sie zum tieferen Verständnis der „Gott-Natur“ geführt hast, ist ein weit größeres Verdienst als die Anhäufung toten neuen Materials durch die Spezialisten.

–Dein inhaltsreicher Pfingstbrief hat mich sehr erfreut, besonders durch die guten Nachrichten über Deine liebe Familie und über die Anpassung an Deinen neuen Wohnsitz. Schade, daß ich Dich nicht noch im Riesen-Gebirge aufsuchen und Dir die alte „Haeckel-Bleiche“ (in Kunersdorf bei Hirschberg) zeigen kann, wo ich vor 84 Jahren bei meiner Großmutter gespielt habe!

Mit herzlichsten Grüßen

Dein treuer alter Ernst Haeckel.

a gestr.: für

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-07-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Mittel-Schreiberhau
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.188
ID
42406