Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 15. April 1919

Jena 15.4.1919.

Lieber Freund!

Für Deinen liebenswürdigen telegraphischen Glückwunsch zu meinem 85. Geburtstage, der mich am 16.2. sehr erfreute, sage ich Dir und Deiner lieben Frau meinen herzlichsten Dank! Ich wurde an diesem „Jubilaeums-Tage“ von so zahlreichen (über 400) Postsendungen (Briefen, Telegrammen, Karten etc) überschüttet, daß ich noch heute nicht alle dankend beantworten konnte. Außerdem nahm im März – und noch mehr im April – meine Arbeitsfähigkeit und Gesundheit so sehr ab, daß ich Dir auch heute noch nicht den ausführlichen Brief schreiben kann, den ich seit langer Zeit beabsichtigt hatte. Der schwere Druck unser trostlosen politischen Verhältnisse, die auch persönlich mir sehr schmerzliche Folgen bringen, lastet zu lähmend auf aller Arbeit. || Den kommenden Sommer möchte ich wohl noch durchhalten, um noch einmal die Freuden unserer deutschen Flora zu schauen – und zugleich als „Passiver Zuschauer (von der obersten kosmischen Gallerie des verrückten Welttheaters!) die nächsten Akte der großen historischen Tragoedie zu verfolgen, die alle bisherigen „Weltgeschichten“ auf den Kopf stellt. Ich rechne aber nur noch auf (höchstens!) ein halbes Jahr kurzen Lebensrest und werde spätestens im Herbst mich in dera großen Gott-Natur auflösen. Solltest Du vorher mich noch einmal in der stillen Klosterzelle meiner lieben Villa Medusa besuchen können, so würde mich das natürlich sehr erfreuen! Das künftige Schicksal der Villa (Museum? Archiv?) ist noch ganz in Dunkel gehüllt (wie jetzt alle Zukunfts-Pläne! –).

Mit herzlichsten Grüßen an Dich und Deine liebe Frau u. Kinder,

treulichst Dein alter

Ernst Haeckel.

P.S. Natürlich würde ich mich sehr freuen, von Deinem und Deiner Familie Schicksalen im letzten tollen Jahre Näheres zu hören! Hoffentlich seid Ihr mit der Ernährung besser daran, als wir hier. Ohne Fett (Butter und Speck!) ist das Primaten-Leben doch sehr „mager!

Beifolgendes Nachwort: „Genetica“ zur 16. Auflage meines „Monismus“ (Altenburg 1892) – ist der einzige Druckbogen, den ich Anno 1918 veröffentlichen konnte! –

Leider streikt das Gehirn jetzt ebenso, wie das Herz und die Muskeln!

Den ganzen Winter bin ich nicht aus der Stube gekommen. Ich lebe wenigstens in den schönen Erinnerungen, welche mir mein reiches Leben (trotz vielen Mißgeschicks!) geschenkt hat. Außerdem erfreut mich noch das Aquarell!

a eingef. mit Einfügungszeichen: der

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-04-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.186
ID
42404