Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 6. Juli 1915

Jena 6. Juli 1915.

Lieber Freund!

Für Deine gütige Einladung, einige schöne Juli-Tage in Deinem Sommersitze Schreiberhau zuzubringen, danke ich Dir herzlich! Aber leider ist bei meinem lahmen Zustande seit 4 Jahren die Freude des Reisens und Bergsteigens ganz ausgeschlossen. Das zerstörte Hüftgelenk versagt den Dienst immer mehr und auch sonst machen sich Beschwerden des hohen Alters (Herz und Circulations-Störungen, Schlaf!) immer mehr geltend. Mein Naturgenuß – der im Thüringer Frühling diesmal glänzend ist! – beschränkt sich daher auf die nächste Umgebung von Jena, besonders das „Paradies“, Forst etc Ich lerne dessen reiche Schönheiten, die mich seit nunmehr 54 Jahren immer neu erquicken, erst jetzt vollkommen schätzen, da ich endlich dazu komme, sie in Aquarell-Skizzen festzuhalten und dabei erst gründlich sehen und verstehen lerne. || Dabei begleitet mich meine älteste Enkelin Else Meyer (jetzt 20 Jahre alt), die seit 2 Monaten meinem Haushalt vorsteht, ein ungewöhnlich begabtes und liebes Mädchen mit lebhaften zoologischen und naturphilosophischen Interessen. Ihre tägliche Gesellschaft ist für mich um so wertvoller, als ich seit dem Verluste meiner lieben Frau hier ganz zurückgezogen lebe und wenige Besuche mehr bekomme. –

Deine Ansichten über den Weltkrieg, und besonders über die törichte Teilnahme des treulosen (– uns Beiden trotzdem so lieben!) – Italiens an demselben, teile ich vollständig. Ich erhielt ich Anfang Juni den auch von Dir (als Vorstands-Mitglied) unterzeichneten Aufruf des Berliner Goethebundes zur Beteiligung an dem patriotischen Gedenkbuche: „Das Land Goethes“. Ich antwortete dem Vorstand sogleich, daß ich gern bereit sei den gewünschten Beitrag zu liefern; || ich bäte jedoch mir für die Farben-Skizze (Italiänische Landschaft), die ich einsenden wollte, die Größe der geplanten Denkschrift (oder Mappe?) mitzuteilen. Schon vorher hatte ich an den „Schutzverband Deutscher Schriftsteller“ (Berlin, Wilmersdorf, Kaiser Allee), der eine ähnliche Kriegs-Mappe mit Bildern und Facsimile-Autogrammen herausgeben wollte und dabei die Abmessung der Mappe auf 22 cm Breite, 27 cm Höhe angegeben hatte, einen entsprechenden Beitrag (Etna-Bild) geschickt. Leider hat der Vorstand a des Berliner Goethebundes meine Anfrage nicht beantwortet, so daß die von mir beabsichtigte Einsendung einer Farbenskizze (die bis spätestens Ende Juni erfolgen sollte) unterblieb.

− Was Du über die „Kinderkrankheiten“ des D. Monistenbunds (– wie vieler anderer „Bünde“! –) – speziell über die Ausschließung von Juliusburger aus internationalen Gründen schreibst, entspricht vollkommen meinen eigenen Ansichten; solche einseitige Torheiten kehren immer wieder! ||

Zu Deiner Neubearbeitung des trefflichen Buches „Werden und Vergehen“ wünsche ich Dir Glück; ich halte es auch für das Beste, die theoretischen Kapitel im Wesentlichen in der Fassung von Carus Sterne beizubehalten. Das gilt auch von dem Kapitel III („Gestalten des Mineralreiches“); seine monistische und antivitalistische – oder „panbiotische“! – Auffassung entspricht ebenso den Prinzipien von Spinoza, wie meinen eigenen (– „Spezialisten“ oder bornierte „Fachmänner“ begreifen das nicht! –).

Wenn Du Gelegenheit findest, im Laufe des Herbstes (September?) einen Ausflug nach Jena zu machen, würde mich das sehr freuen!

Hoffentlich hat Deine liebe Frau sich von ihrer schweren Erkrankung völlig erholt!

Mit herzlichsten Grüßen an Euch Beide und mit besten Wünschen

treulichst Dein alter

Ernst Haeckel.

a gestr. Schutzverbands

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
06-07-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.171
ID
42304