Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Bölsche, Jena, 30. April 1915

Jena 30. April 1915

Lieber Freund Bölsche!

Für Deinen herzlichen Anteil an meinem schweren Verlust sage ich Dir meinen besten Dank! Meine liebe Frau war im letzten Vierteljahr sehr leidend (besonders Herz und Nerven) – auch durch die täglich wiederkehrenden Trauerkunden des entsetzlichen Weltkrieges so mitgenommen, daß der sanfte, von ihr ersehnte Tod wirklich als Erlösung begrüßt werden mußte! Für mich ist aber die unersetzliche, dadurch entstandene Lücke sehr schmerzlich, wenn ich auch dem großen Naturgesetze mich in Resignation füge und dankbar in der treuen Erinnerung an das viele Gute und Schöne lebe, das das Zusammenleben mit der treuen Lebensgefährtin in 47 Jahren mir gebracht hat. ||

Mit herzlichem Bedauern höre ich, daß auch Deine liebe Frau erkrankt ist; hoffentlich wird sie bald ganz wieder hergestellt, und Du frei von aller Sorge! Wenn Du Deine Absicht ausführen und mich im Laufe des Sommers hier besuchen kannst, würde mir das eine große Freude sein!

Meine älteste Enkelin Else Meyer (jetzt 20 Jahre) ein sehr liebes und begabtes Mädchen, die großes Interesse für Naturphilosophie – auch für Deine schönen Schriften! – besitzt, wird demnächst zu mir kommen, um im Sommer meinen Haushalt zu führen. Jetzt sind meine Kinder noch auf einige Wochen hier.

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen treulichst

Dein alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-04-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Friedrichshagen bei Berlin
Besitzende Institution
Biblioteka Uniwersytecka we Wroclawiu
Signatur
Handschriftenabteilung, Böl.Hae.170
ID
42303